Ausgabe 
(12.1.1894) 4
Seite
25
 
Einzelbild herunterladen

^L4.

1894 -

Nugsburger PostMung".

Ireklag, den 12. Januar

Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler ).

Auf verwegener Wahn.

Kriminalnovelle von Gustav Höcker .

(Fortsetzung.)

Du bist mein braves, großherziges, edeldenkendesKind!" sagte Schönaich tief bewegt.In Deinem Alterhat man Ideale und selbst der Besitz einer Millionkann keinen Ersatz bieten für die Freiheit der Herzens-wahl, aber ich wußte im voraus, daß Du zur RettungDeines Vaters selbst dieses größte aller Opfer willigdargebracht hättest."

Schönaich hatte sich erhoben und drückte seine Toch-ter zärtlich an seine Brust.

Beiläufig gesagt, ist der junge Harnisch einerschweren Gefahr entgangen," erinnerte er sich plötzlich,indem er in seiner Tasche suchte und die neueste Zeitungzum Vorschein brachte.Der Dampfer, mit dem erEngland verließ, ist zwischen Dover und Calais miteinem anderen zusammengestoßen und versunken. VieleMenschen haben dabei ihr Leben eingebüßt. Die Kata-strophe hat am 12. ds. Mts. stattgefunden und heutebringt die Zeitung die amtliche Liste der Geretteten."Bet diesen Worten reichte er der Tochter das Blatt hinund deutete auf den betreffenden Artikel.

Neugierig überflog Siglinde den ausführlichen Be-richt über den Unglücksfall; er schloß mit der nament-lichen Aufführung derjenigen Passagiere, welche demTode glücklich entgangen waren, und unter diesen laSsie auch den Namen Jesko von Harnisch aus New-Iork.Es geschah zufällig, daß sie einen Blick auf den nächst-folgenden Artikel der Zeitung warf, doch wurde ihrAuge sogleich durch einen gesperrt gedruckten Namen ge-fesselt; in fieberischer Hast glitt es über die Zeilen,während das Blatt in ihrer Hand heftiger und heftigerzitterte; aus dem ganzen Inhalt vermochte sie nur eineeinzige, furchtbare Thatsache klar zu erfassen, alles An-dere, was noch daran und darum war, taumelte anihrem Geiste wie irre, durcheinander geworfene Bildervorüber. Bleich und entsetzt in den Stuhl zurücksinkendund die Hand, welche das Zeitnngsblatt hielt, wie ge-lähmt herabfallen lassend, rief sie:Hast Du das ge-lesen, Vater?"

Was?" frug dieser, über den aufgeregten Zustandseiner Tochter ebenso beunruhigt wie erstaunt.

Den Artikel, der unter der UcberschriftLokal-sachen" unmittelbar hinter der Dampferkatastrophe folgt?"

Schönaich schüttelte den Kopf.Ich lese den lokalenTheil der Zeitung nicht," entgegnete er, nähertretend.

O, mein Gott!" brachte Siglinde gepreßt hervor,während sie sich aufrichtete und die Zeitung wieder vor'sAuge hielt.Höre mir zu, Vater I"

Langsam, um das vorhin Unverstandene jetzt nach-zuholen, las sie nun Folgendes vor:

Der weibliche Leichnam, welcher vorgestern Abendmit den deutlich erkennbaren Spuren vorhergegangenerErmordung von einem Kettendampfer aufgefischt wurde,ist als derjenige der in der Noscnstraße wohnenden ver-wittweten Rentiere Nollenstein rekognoscirt worden."

Barmherziger Himmel!" rief Schönaich .Undvorgestern Abend? Vorgestern? Das ist nicht möglich!"

So steht es hier, und der Bericht trügt das heu-tige Datum.

Lies weiter, Kind, lies weiter!"

Siglinde fuhr fort:Das der Ermordeten zuge-hörige Haus wird außer ihr nur noch von dem Kunst-und Handelsgäriner Ritter, der das Gartengrundstückvon ihr gepachtet hat, seiner Ehefrau und seiner Schwe-ster bewohnt. Abends kurz vor 10 Uhr, fast um die-selbe Zeit, wo die Leiche aus dem Wasser gezogen wurde,hörten dieselben das Haus ausschließen und glaubten andem hinkenden, von einem Krückstock unterstützten Gangedes Ankömmlings, welcher sich die Treppe hinauf in dieim ersten Stock belcgene Wohnung begab, Frau Nollen-stein zu erkennen. Als sich dieselbe am andern Tagsum die Stunde, wo sie einen Spaziergang durch denGarten zu machen pflegt, nicht zeigte, wollte Ritter nach-sehen, ob der kürzlich erst von schwerer Krankheit er-standenen alten Dame vielleicht etwas fehle. Zu seincmEr-staunen fand er die von der Straße aus zu ihrer Wohn-ung führende Hausthür, die man doch am Abend vor-her wieder hatte zuschließen hören, unverschlossen. Auchdie Zimmerthür war offen, die Bewohnerin selbst inkeinem der Zimmer zu sehen. Dennoch fand sich ineiner Ecke ihr Stock, ohne den sie nicht zu gehen ver-mag, an einem anderen Orte stand die kleine Hand-laterne, welche sie bei ihren Abendausgängen bei sich zutragen pflegte und beim Betreten ihres Hauses anzündete,und an Sekretär und Kommoden steckten die Schlüssel,von denen sie sich nie trennte. Alle Schubkästen warenherausgezogen und offenbar durchwühlt, sämmtliche Mö-belüberzüge und auch Bett und Matratzen aufgetrennt,überall herrschte eine Zerstörung, als wäre die ganze