Ausgabe 
(12.1.1894) 4
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Wohnung nach verborgenen Schätzen durchsucht worden.Als Ritter in größter Bestürzung zu seiner Familiezurückgekehrt, kam ihm seine Schwester schon mit derZeitung entgegen, welche den Fund der weiblichen Wasser-leiche meldete und deren AeußereS und Kleidung genaubeschrieb. Namentlich führte die Erwähnung einesMedaillons au goldener Kette auf die Befürchtung, dieAufgefundene könne Frau Rollenstetn sein, was dennauch Ritter beim ersten Anblick der Todten in der Lei-chenschauhalle sofort bestätigt fand. Wie wir schon inder kurzen Notiz unseres gestrigen Blattes mittheilten,ist die unglückliche Frau von mörderischer Hand erwürgtund hierauf in den Fluß geworfen worden, in welchemsie vom Orte der That aus von den Wellen stromab-wärts getrieben worden ist, bis sie von der Kette anden Haaren erfaßt und an Bord des Schleppdampfersgezogen wurde."

Nach Aussage des Gerichtsarztes," fuhr Siglindeim Lesen fort,kann die Leiche kaum eine Stunde imWasser gelegen haben. Offenbar hat ihr der MörderSchlüssel, Handlaterne und Stock vorher abgenommen,um sich derselben zur Ausführung seines weiteren Planeszu bedienen, und bei seiner Ankunft im Hause seinesOpfers dessen Gang geschickt nachgeahmt, um die Mit-bewohner des Hauses zu täuschen. Wahrscheinlich wardas Wiederschließen der Hausthür nur ein Scheinmanö-ver, um beim späteren Verlassen des Hauses, was wohlin den Strümpfen geschehen sein dürfte, jedes Geräuschzu vermeiden. Es unterliegt keinem Zweifel, daß derVerbrecher mit den Gewohnheiten seines Opfers wieauch mit der Lokalität des Hauses genau vertraut ge-wesen ist. Ob man Vermuthungen über seine Persön-lichkeit hat oder derselben schon auf der Spur ist, ver-mögen wir bei der vorsichtigen Zurückhaltung, welche dieKriminalpolizei über diesen geheimnißvollen Mord be-wahrt, nicht zu sagen."

Mit bebender Stimme und zuweilen innehaltend,hatte Siglinde den Bericht vorgelesen. Als sie zu Endewar, vermochte sie die Thränen nicht länger zurückzuhalten,denn so sehr auch das Andenken der hartherzigen altenFrau getrübt war, so war es doch Siglindens Tante,der todten Mutter Schwester, die ein so schreckliches Endehatte finden müssen.

Schönaich stand bleich und mit gerungenen Händenda. Sein Blick war wie geistesabwesend.VorgesternAbend!" murmelte er unter fortwährendem Kopfschütteln,als könne er es nicht begreifen,vorgestern Abend!"

Plötzlich erinnerte sich Siglinde wieder der ver-zweifelten Lage ihres Vaters, die sie auf einen Augen-blick vergessen hatte, des Testaments und des jungenHarnisch. Ihre eigenen Worte, mit denen sie vorhindem Vater ihre kindliche Opferwilligkeit betheuert hatte,und die nun doch zur Wahrheit werden, die in ihrerganzen ernsten Tragweite erprobt werden sollten, kamenihr wieder ins Gedächtniß. Sie preßte krampfhaft beideHände an's Herz, als wollte sie dessen ungestümesKlopsen zum Schweigen bringen; sie nahm Abschied voneinem lieben Bilde, das sie darin bewahrte, und einschöner Traum, der ihre Seele ausgefüllt, sank dahinvor dem eisernen Gebote der Pflicht.

Vater!" rief sie, ihr Antlitz an seiner Brustbergend,nun nimm mich beim Worte! Du bist ge-rettet!" . . .

Dennoch reiste Schönaich mit seiner Tochter um die

Mittagsstunde nach dem Gute Nottenbach ab, da dieneue Lage der Dinge die Schritte seiner Gläubiger vor-läufig doch nicht aufzuhalten vermochte.

* * *

(Fortsetzung folgt.)

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In nUerliebster Gesellschaft.

Eine Humoreske von Element Kleeberger.

(Fortsetzung.)

II.

Wir hatten das Paradies verlassen und schrittenstill selbander. Mein Vetterlein schmiegte sich wie einfrommes Lämmchen an meine Seite. Er hatte mittlerweileden vielen Thau von seinen Augäpfeln gewischt und mitder Hand die sträubenden Haarbesen wieder auf dieStirne gestrichen. Das Hutbändchen befestigte ich sogut es ging an der Wandung des kostbaren Strohs, undden Spalt am Rande der Scheibe drückte ich thunlichstzusammen. Halbwegs konnte sich der Schloßprinz wiedersehen lassen. Ich gab ihm dann einige heilsame Lehrenund sie schienen mit andächtigem Ohr entgegengenommenzu werden.Du kennst, mein lieber Vetter," sagte ichzu ihm,das schöne Lied:Der Wiederhast im Eichen-thal hallt's nach so lang, so lang". Und washallt es lang? Die freudigen Worte, die lieben, die inden Eichenwald hineingesungen werden, und wie meinstDu, wenn unfreundliche, unliebe Worte hineiNgerufenwürden, daß die Antwort hieße?"Grob", erwiderteKarl;ebenso grob als man selber ist o, das habenwir oft zu Hanse in unserem Forst getrieben."

Also siehst Du, bist Du freundlich, sind's auchdie Andern, bist Du aber rauh, grob, wirst Du in derWelt ohne Kniffe und Schläge nicht durchkommen."

O," meinte Karl, o zum Lachen, wär'nur die Mama und die Gouvernante dagewesen."

Warum?"

O, die ungezogenen Buben eine wahre Freud'hätt's sein müssen wären ordentlich hergerupft worden.Ha, ha, wie zogen die bösen Nachbarsbuben die Beinehinauf, wenn sie von Mama und der Gouvernante anden Schmalzfedern weidlich hergerissen wurden."

Demzufolge war ich ein Prediger in der Wüste,meine Salbung fiel auf steriles Land.

Wir kamen nach Brunnthal . Ich hatte hier ohne-dies im Kurhaus zu thun. Ein auswärtiger Freundersuchte mich, ihm den Prospekt zu besorgen. Denselbenwollte ich nun im Bureau abholen. Ich hieß Karl ander Schwelle zum Haupteingang des Kurgebäudes warten.Als ich bei einem der Bediensteten mein Anliegen vor-brachte, führte mich dieser sogleich zur Besitzerin des Bades,zur Frau Hofrath. Die Dame bat mich, Platz zu nehmen.Freundlichst setzte sie mir Alles und Jedes auseinander:HauS- und Kurgebrauch, Tisch- und Zimmertaxe, Be-dienung und Entlohnung. Mit unwiderstehlicher Liebens-würdigkeit führte sie mich dann durch die hallendenCorridore ihrer Anstalt, und ich muß gestehen, waS ichhier sah, war jegliches so komfortable, so praktisch, sosäuberlich, daß man förmlich Gott verzeih' mir denFrevel sich den schönsten Gelenkrheumatismus wün-schen könnte. Die Frau Hofrath wollte sogar, nur damitich eine kleine Idee von Temperaturerwärmung erhielte,eine heiße Metallader anzapfen, ich aber in mir