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„Nugsburger Postzeitung".
7. Dienstag, den 23. Januar 1894.
Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg.
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabderr in Augsburg ( Vorbesttzer Dr. Max Huttlcr).
Auf Verwegener Wahn.
Kriminalnovelle von Gustav Höcker.
(Fortsetzung.)
Siglinde glaubte zu beobachten, daß irgend einplötzlicher Argwohn in Volkmar aufgestiegen sei, wagteaber keine Bemerkung zu machen. Es war ein längeresSchweigen eingetreten, welches der Rechtsgelehrte endlichunterbrach, indem er sagte: „Zunächst werde ich selbstein wenig Untersuchungsrichter und Kriminalpolizei spie-len. Diese Nachhilfe wird nöthig sein, denn das Gerichtwird mit dem vorliegenden Thatbestände die Untersuch-ung als abgeschlossen betrachten und auf seinen Lor-beeren ausruhen. Zudem hat man bereits mit demneuen Morde alle Hände voll zu thun."
„Ein neuer Mord?" frug Siglinde, wobei ihr dievorhin vernommenen Reden der Schreiber wieder ein-fielen. „Davon weiß ich noch nichts."
Doktor Volkmar reichte ihr eine auf dem Pulteliegende Zeitung und deutete mit dem Finger auf diebetreffende Notiz. Wie Siglinde daraus erfuhr, wargestern früh sechs Uhr in dem sogenannten Kastanien-wäldchen, welches unweit eines öffentlichen Conzert-gartens lag, der vollständig entkleidete Leichnam einesMannes aufgefunden worden. Der Tod war, genauwie bei der kurz vorher begangenen Mordthat, durchErwürgung von fremder Hand erfolgt, die ihr Opferhinterrücks angegriffen hatte, und mochte, wie die ge-richtsärztliche Untersuchung festgestellt hatte, etwa siebenbis acht Stunden vor der Auffindung eingetreten sein.Wer der Ermordete sei, hatte man bis jetzt noch nichtermitteln können, da sich nirgends eine Spur von einemder Kleidungsstücke, die er getragen, vorfand. Daseinzige Kennzeichen war eine kürzlich erst geheilte Wundeauf dem oberen Theile des rechten Schulterblattes, welchevon einem heftigen Schlage mit einem kantigen, wahr-scheinlich hölzernen Instrumente herzurühren schien.
Kopfschüttelnd und unter einem tiefen Seufzer gabSiglinde das Zeitungsblatt zurück.
„Die genaue Uebereinstimmung der Todcsart indiesem wie in dem vorhergegangenen Falle könnte auf-fallend erscheinen," bemerkte der Anwalt. „Ließe sichdaraus schließen, daß der Mörder jenes unbekanntenMannes auch Ihre Tante erwürgt habe, so wäre diesein günstiges Moment für Ihren Vater, welcher um dieZeit, wo dieser zweite Mord begangen wurde, bereits
verhaftet war. Doch glaube ich an keinen Zusammen-hang ; der zweite Thäter hat dem ersten nur in derWahl des Mittels nachgeahmt, so etwas kommt oft vor,ein Verbrechen hat immer etwas Ansteckendes. ImUebrigen, Fräulein Siglinde — Fräulein Schönaich,"verbesserte er sich . . .
„Nennen Sie mich getrost beim Vornamen," batdas junge Mädchen, „wenn ich Ihnen damit eine be-sondere Gunst erwiese, so besäßen gerade Sie ein altesAnrecht darauf."
„Ich danke Ihnen, Fräulein Siglinde," erwiederteer erfreut. „Ich wollte sagen, daß die Sache IhresVaters von heute an die meinige ist. Was das Gerichtals Jndicien auffaßt und durch die schwarze Brille an-sieht, das habe ich mich gewöhnt, zunächst für. das Zu-sammentreffen unglücklicher Zufälle zu nehmen und durchdie Loupe zu betrachten. Schon oft bin ich dadurch zuvorher ungeahnten Resultaten gelangt und nicht seltenkam es vor, daß statt des Untersuchungsgefangenen einganz Anderer auf der Anklagebank Platz nahm. FürEines verbürge ich mich im voraus: an Ihrem Vatersoll kein Justizmord verübt werden. Darauf gebe ichIhnen mein Wort!"
Siglinde hatte sich während seiner Rede erhoben,ergriff die Hand, die sich ihr mannhaft entgegenstreckte,und verabschiedete sich mit dankerfülltem Herzen.
Oft genug hatten die vier Wände dieses Arbeits-zimmers ihren Bewohner in tiefen Gedanken versunkengesehen, aber als Träumender sahen sie ihn heute zumersten Male. Jawohl, der schneidige Jurist träumte:Er versetzte sich um ein Jahr zurück, wo er auf einerReise im Hochgebirge an einem nebeligen Abende einerGesellschaft von Herren und Damen begegnet war, diesich in großer Bestürzung befanden. Sie hatte soebendie Entdeckung gemacht, daß eines der Ihrigen, einejunge Dame, fehle. Volkmar kannte Niemand unter denAusflüglern, die sich in einer der Pensionen des imTheile liegenden Städtchens wohl auch nur zufällig ausverschiedenen Gegenden Deutschlands zusammengefundenhatten, doch wurde fein mit überlegener Geistesgegen-wart gegebener Rath dankbar angenommen und ohneVerzug ausgeführt. Während einer der Herren mit denermüdeten Damen den Nachhauseweg fortsetzte, kehrtendie übrigen wieder um. Einer blieb auf dem Haupt-wege, die andern schlugen nach und nach die von dem-selben sich abzweigenden Nebenpfade ein und jeder rief