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von Zeit zu Zeit mit lauter Stimme den Namen derVermißten. Bald tönten nach verschiedensten Richtungenhin die Rufe: „Siglinde!" Auch Volkmar befand sichunter den Suchenden. Wohl eine Stunde lang hatteer, immer höher und höher steigend, und durch geister-haft ihn umwallende Nebelwände schreitend, vergebensseine Rufe ertönen lassen, als er eine schwache Ant-wort vernahm. Mit doppelter Eile bewegte er sich vor-wärts und näher und näher kam die Stimme seinemvon Zeit zu Zeit wiederholten Rufe: „Siglinde!" biser einer dunkeln Gestalt ansichtig wurde, die auf einemam Wege liegenden Felsstück saß. Es war die Ver-mißte. Volkmar erklärte mit wenigen Worten sein Er-scheinen an diesem Orte und Siglinde erzählte ihm, wiesie plötzlich einen werthvollen Schmuck vermißt und sich,um diesen zu suchen, von der übrigen Gesellschaft ge-trennt habe. Während sie zurückging, war sie in Folgedes zunehmenden Nebels von dem mehrfach durchkreuztenHauptpfade abgeirrt, und bei dem Versuche, die Wanddes Hohlweges zu erklettern, um sich zu orientieren,habe sie sich den Fuß verrenkt. Wohl war in einigerEntfernung ein schwacher Lichtschein bemerkbar geworden,welcher die Nähe einer menschlichen Wohnung ankün-digte, aber ihr Hilferuf verhallte ungehört, mit Mühenur hatte sie sich bis zu der Stelle geschleppt, wo ihrder fremde Netter erschienen war; weiterzugehen machteder schmerzende Fuß unmöglich. Trotz ihrer anfäng-lichen Einwendung mußte sie das Anerbieten Volkmars,sie bis zu dem vermutheten Hause zu tragen, dessenRichtung sie sich genau gemerkt hatte, annehmen. Erhob sie auf seine kräftigen Arme, hüllte sie in seinenUeberzieher und erreichte mit seiner süßen Bürde, demaus dem Pebel auftauchenden Lichte folgend, bald einkleines Bauerngehöft, das sich den späten Wandererngastfreundlich öffnete. Was der schmelzende Wohllautder Stimme und die schlanken Formen der Gestalt inder Dunkelheit nur ahnen ließen, das fand Volkmarnoch weit übertroffen, als das hell lodernde HerdfeuerSigkindens jugendfrisches schönes Antlitz beleuchtete, sichin ihren großen blauen Engelsaugen spiegelte und daswunderbare Gold ihres Haares beschien.
Volkmar machte es seinem durchfrorenen Schützlingauf einem alten Lehnstuhle in der Nähe des wärmen-den Feuers bequem; die Bäuerin mußte LeinwandzeugHerbeibringen, welches Volkmar in schmale Streifen riß,um Siglindens Fuß kunstgerecht zu verbinden. Siesträubte sich zwar anfangs, aber er redete ihr so ernstund energisch zu und traf dabei seine Vorbereitungenmit einer Sicherheit, daß sie ihn für einen Arzt hieltund ihm endlich den kleinen alabasterweißen Fuß mitdem starkgeschwollenen Knöchel willig überlieferte. Solegte er dem kranken Gliede nach allen Regeln der Chi-rurgie den Verband an; er hatte sich diese Fertigkeit imFeldzuge 1870 erworben, welchen er, damals eben an-gehender Student, als freiwilliger Krankenpfleger mit-machte. Während Siglinde einen von der Bäuerin raschbereiteten Kaffee zu sich nahm, spannte der Bauer seinWägelchen ein. In schützende Decken gehüllt, legte dieGerettete an Volkmar's Seite die Fahrt nach dem Städt-chen zurück und freudig wurde sie im Pensionshause be-grüßt, nachdem von den jungen Männern, die sich anihrer Aufsuchung betheiligt hatten, einer nach dem an-dern unverrichteter Sache zurückgekehrt war. Siglindewar von Glückwünschenden so umdrängt und namentlich von
der um ihre Gesundheit besorgten Familie, welcher siesich von Hause aus für diese Sommerreise angeschlossenhatte, so in Anspruch genommen, daß Volkmar sich über-flüssig vorkam. Er wollte den Schein vermeiden, alssei ihm darum zu thun, nun auch den allgemeinen Dankder Gesellschaft einzuheimsen, nachdem unterwegs bereitsdas junge Mädchen ihrer Dankbarkeit in rührenden WortenAusdruck gegeben hatte. So stahl er sich unbemerktdavon, er hatte ohnehin mit einem Freunde auf morgenin einem andern Theile des Gebirges brieflich ein Ren-dezvous verabredet, und benutzte noch den letzten Eisen-bahnzug zur Weiterfahrt. Je rascher ihn derselbe vondem Schauplatze seines heutigen Erlebnisses entführte,desto mehr bereute er, sich von der Nähe des schönenMädchens freiwillig verbannt zu haben. Er glaubte sie,während er sich dem Haibschlummer überließ, noch immerdurch den Nebel zu tragen und hatte fortwährend dasGefühl, als hielte ihr Arm seinen Nacken umschlungen,als spüre er den süßen Druck ihrer weichen, schmieg-samen Glieder. Wer und woher sie war, wußte erebensowenig, wie sie dieß von ihm wußte; beide warenunter Umständen zusammengetroffen, die sich für eineceremonielle gegenseitige Vorstellung nicht eigneten, undbeim traulichen Geplauder in der Bauernhütte und wäh-rend der Heimfahrt hatten sie vergessen, das Versäumtenachzuholen. Am anderen Tage erschien dem Nechtsge-lehrten das Erlebte wie ein Traum, bald aber gestaltetees sich zu einem festen Punkt seiner Erinnerung, eswurde sein Lieblingsgedanke, und die Frage, ob ihn dasLeben wohl wieder mit der goldhaarigen, liebreizendenSiglinde zusammenführen werde, beschäftigte ihn mehr,als er sich selbst gestehen mochte. Ein Mal sah er sieim Theater, freudig überrascht erwiederte sie seinen Grußvon weitem, aber beim Hinausgehen aus dem über-füllten Hause gelang es ihm nicht, sie unter der drängen-den Menge zu finden. Die Wahrscheinlichkeit, daß siein der gleichen Stadt wohnte, war mit dieser flüchtigenBegegnung allerdings gegeben, aber die Frage, wer siewar, hatte erst heute eine ebenso unerwartete als be-trübende Lösung gefunden.
Ihr Besuch hatte in Volkmar ein Gefühl zurück-gelassen, als dürfe er sie nun nie wieder verlieren.Würde er, wenn es ihm nicht gelang, ihren Vater vonder Blutschuld zu reinigen, wohl der Gesellschaft trotzenund die Tochter des Gebrandmarkten mit seinem Namendecken? Ja, das würde er! Würde aber das hoheits-volle Mädchen, die ihr grausames Geschick mit so vielWürde trug, je einwilligen, die Seinige zu werden, wennjener entehrende Fleck auf ihrer Familie haften blieb?Nein, das würde sie nicht! War aber denn nicht demscharfblickenden Juristen während des Gesprächs mit ihrplötzlich ein Strahl der Hoffnung, eine Art Offenbarungaufgegangen, daß ein Anderer der Mörder sein könnte?Allerdings hatte außer Schönaich noch eine ganz be-stimmte Persönlichkeit ein gewichtiges Interesse an FrauRollenstein's Tode haben müssen, und das war Siglin-dens designierter Bräutigam, jener Jeseo von Harnisch.Er war über das Weltmeer herübergekommen in derbestimmten Erwartung, die alte Frau nicht mehr amLeben zu finden und die Erbin ihrer Million zum Trau-altar zu führen. Statt dessen fand er eine Wieder-genesene, die nur das Grab von ihrem Mammon zutrennen vermochte. Konnte ihn diese furchtbare Ent-täuschung nicht zu einem verzweifelten Verbrechen hin-