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reißen, für dessen Ausführung er sich die günstige Ge-legenheit, der alten Dame an einem bestimmten Abendenach dem Methodistengottesdienste sicher zu begegnen, zuNutze machte, nachdem jener Andere, dem man die Thatzuschrieb, vielleicht eben harmlos von ihr gegangen war?Daß der Heirathskandidat Schönaich's und seiner Toch-ter Jawort noch nicht hatte, war kein Grund, ihn voreiner so furchtbaren That zurückschrecken zu lassen, dennleicht konnte er nach seiner Ankunft die stadtkundige ver-zweifelte Finanzlage des Vaters erfahren und sich dar-aus den Schluß gebildet haben, daß unter solchen Um-ständen die Tochter sicher nach der Million und demdamit verbundenen Anhängsel greifen werde. Offenbarhatte er sich schon mehrere Tage hier in der Stadt auf-gehalten, ehe er sich im Schönaich 'scken Hause einfand.War er denn so wenig neugierig die Millioncnbraut vonAngesicht zu Angesicht zu sehen? Oder war es ihm das
Großherzog Ernst Kndmig von Hcstcn und seine
Wort gegönnt habe, weiter nichts. Pfui über solcheSchwäche! Pfui!"
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Doktor Volkmar hatte seiner schönen Clientin ver-sprochen, er werde, unabhängig von dem Gange dergerichtlichen Untersuchung, den Spuren des Verbrechensauf eigene Faust nachgehen, und er säumte nicht mitder Ausführung. War Sigliudens Vater unschuldigund ein Anderer der Mörder, so mußte bei diesem die-selbe genaue Kenntniß der Wohnung und Gepflogen-heiten seines Opfers vorausgesetzt werden, wie bei Schön-aich. Daher lenkte der Rcchtsgelehrte am Nachmittagseine Schritte nach der Rosenstraße, um die HausgenossenFrau Nollenstein's über deren Bekanntenkreis zu son-diren. Er verfuhr dabei mit großer Vorsicht. Als er,langsam dahinschlendernd, das Gartengrundstück erreichteund in demselben Leute beschäftigt sah, die ihn beob-
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Prinzessin Pikloria von Snrhscn-Totiurg-Golha.
Wichtigste, zunächst das Hinderniß wegzuräumen, welchesunerwartet zwischen die Braut und die Million getretenwar? „Aber," fügte Volkmar dieser Reflexion hinzu,indem er plötzlich den Kops schüttelte und die Hand auf'sHerz legte, „hat denn ein Mensch, der die Katastropheeines Schiffsuntergangs durchmacht, nicht das Recht,Nerven zu besitzen und in Folge der ausgestandenenAngst und Aufregung in eine Krankheit zu verfallen,die ihn einige Tage in Calais zurückhält? Da bildeteich mir nun ein, daß der spitzfindige Jurist aus mirspräche, und am Ende ist es weiter nichts, als die Scheel-sucht des mißvergnügten Liebhabers, welche mich dieschmachvollsten Verdächtigungen auf jenen Herrn vonHarnisch häufen läßt. Und warum? Weil das Mädchen,welches ich gern selbst besitzen möchte, in aufopfernderKindesliebe für ihren Vater bereit war, jenen zu Hei-mchen. Es ist ganz gemeine Eifersucht, der ich da das
achten konnten, gab er sich den Anschein, als führe ihnder Zufall hierher. Er studierte das bogenförmige Schild,auf welchem sich die „Kunst- und Handelsgürtncrei vonEduard Ritter " empfahl, las dann auch die Inschriftzweier Porzellanplatten, die links und rechts des Ein-gangs angebracht waren und die pomphaften Worte ent-hielten: „ImFlisli sxolmii Iisrs" und „I^i on parltztran^a-is," trat endlich ein, die Pforte hinter sich be-dächtig wieder schließend. Die Hände auf dem Rücken,schritt er langsam den breiten Weg dahin, wobei er vonZeit zu Zeit stehen blieb, um mit jenem Behagen, wo-mit man sich einem Naturgenusse hingibt, links undrechts die langen Reihen blumiger Beete zu überblickenund mit erhobener Nase den Duft einzusaugen. Sonäherte er sich zwei Frauen, welche an einem Beete mitdem Ausstechen von Blumen beschäftigt waren, um siein Töpfe zu setzen. Es war während der letzten Tage