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in den Zeitungen so viel die Rede von der Gärtner-familie gewesen, welche im Gefolge der Mordaffaire eingewisses öffentliches Interesse erregte, daß Volkmar inden beiden Frauen leicht Frau Ritter und ihre Schwä-gerin errieth. Er grüßte höflich und erkundigte sichnach verschiedenen Pflanzen, die er zu kaufen wünsche.„Ein prächtiges Grundstück!" bemerkte er dann, sichumblickend. „Ihr Eigenthum?"
„Nein, wir sind nur Pächter," antwortete FrauRitter .
„Und wer ist der Besitzer?"
Nur mit ärgerlichem Widerstreben sprach die Gärt-nersfrau den Namen Rollenstein aus.
„Ah, das ist ja wohl die Dame, die so schrecklichermordet worden ist?" rief Volkmar scheinbar über-rascht und warf einen Blick nach den Fenstern desHauses empor.
„Da hat es in diesen Tagen gewiß nicht an Neu-gierigen gefehlt," fuhr Volkmar fort, „die Sie mit Fra-gen über die Mordgeschichte belästigt haben?"
„Ja, und wie es scheint, sind diese Belästigungennoch nicht zu Ende," nahm Anna ihrer Schwägerin miteinem feindseligen Blicke auf den Besucher die Antwortab. Schlechter hätte sich Volkmar bei ihr gar nicht ein-führen können, als damit, daß er die Rede auf diesesEreigniß brachte, an welchem die Schwägerin ihr alleSchuld beimaß; diese hatte ihr geradezu vorgeworfen,sie habe Frau Rollenstein auf dem Gewissen, weil siedieselbe mit dem Mörder allein gelassen hatte. Daß sie(Frau Ritter) ihren ehrlichen Namen in Verbindung mitjener blutigen That in den Zeitungen lesen mußte, er-schien ihr wie eine öffentliche Schande, wofür Annanatürlich ebenfalls von ihr verantwortlich gemacht wurde.
Der Rechtsgelehrte that, als habe er die Maliceüberhört, denn einige der ausgegrabenen Topfpflanzenschienen plötzlich sein ganzes Interesse in Anspruch zunehmen. „Das ist, was ich längst gesucht habe, setzenSie mir alle sechs Stück bei Seite. — Wie ich amThore draußen las," fügte er nach einer kurzen Pausehinzu, „wird hier Englisch und Französisch gesprochen.Bei dem starken Fremdenverkehr in hiesiger Stadt istdas ein nicht zu unterschätzender Vortheil, worin eskaum einer Ihrer Konkurrenten Ihnen wird gleichthunkönnen."
Er hoffte, der Gärtnersfrau damit etwas Ange-nehmes gesagt zu haben. Diese aber nahm die Be-merkung mit einem verächtlichen Lächeln auf.
„Wer ist denn dieser Sprachkundige? Gewiß IhrGemahl?" frug er, indem er sich nach der anderenSeite des Gartens umdrehte, wo Ritter mit einigenGehilfen arbeitete.
„Nein," sagte die Frau frostig und deutete nach-lässig auf Anna, „hier meine Schwägerin besorgt dasParliren."
„Ah! Sie, mein Fräulein?" wandte Volkmar sichmit einer respektvollen Neigung des Hauptes an dasMädchen. „Sprechen Sie diese beiden Sprachen perfekt?"
„Wenn man sich längere Zeit in England undFrankreich aufgehalten hat, so versteht sich das vonselbst!" erwiederte Anna hochmüthig.
„Ja," setzte Frau Ritter hinzu, „freilich nur indienender Stellung bei fremden Herrschaften, in London als Bonne, in Paris als Zofe."
Für diese Erläuterung empfing sie von Anna einenbitterbösen Blick, den aber Volkmar nicht zu bemerkenschien, denn seine ganze Aufmerksamkeit war wieder voneinigen Topfpflanzen gefangen genommen, die er nacheinander an seine Nase brachte. „Es wird vielmehrbehauptet," sagte er mit einer leichten Wendung desHauptes nach dem Hause, „der alte Schönaich sei un-schuldig, die ihn genau kennen wollen, schwören darauf,daß er einer solchen That nicht fähig sei, und meinen,es könne auch ein Anderer, der im Hause der altenDame genau Bescheid gewußt habe, das Verbrechen be-gangen haben."
„Da wüßte ich wirklich Niemanden," versetzte FrauRitter mit einem kurzen Auflachen.
„Empfing denn die alte Dame keine Besuche?" frugVolkmar, immer noch an den Blumen riechend. „Standsie mit gar Niemand im Verkehr?"
Frau Ritter schüttelte entschieden den Kopf undsagte in abweisendem Tone: „Mit Niemandem, außermit uns."
„Aber zu Ihnen kommen doch sehr viele Leute,"fuhr der Rechtsanwalt fort, „da könnte wohl einmal einböser Mensch unter dem Vorwande, hier Einkäufe zumachen, Jemanden von Ihnen über Frau Rollensteinausgeforscht haben. Es gibt Leute, die sich so schlaudarauf verstehen, Einem ganz unter der Hand undnebenher Alles zu entlocken, was sie wissen wollen, daßman's selber gar nicht merkt."
„Meinen Sie?" frug die Gärtnersfrau mit leisemHöhne. „Davon ist mir nichts bewußt."
Mittlerweile hatte Ritter sich genähert, um denKunden, den er mit seiner Frau unterhandeln sah, zubegrüßen. Volkmar zeigte ihm die Pflanzen, die erbereits gekauft hatte, erkundigte sich über die Behand-lungsweise derselben und gab Andeutungen, daß seineKauflust noch nicht befriedigt sei. „Wir sprachen ebenüber die bcdauernswcrthe alte Dame," bemerkte er wiebeiläufig und mit einer kurzen Bewegung des Zeige-fingers nach der verwaisten Wohnung hinauf, „wie esscheint, war sie menschenscheu, da sie sich von der Außen-welt so abgesperrt hielt. Gab es denn außer Ihnenwirklich gar keine Menschenseele, die sich um sie ge-kümmert hätte?"
„Keine auf der weiten Gotteswelt," antwortete derGärtner fast feierlich. „Niemand frug nach ihr und siefrug auch nach Niemandem."
„Na, na!" versetzte Frau Ritter mit einer abwehr-enden Handbewegung gegen ihren Mann, „das wäredoch zu viel behauptet. Einige Bekannte hat sie schongehabt. Ließ sie nicht sogar ein Zimmer in Bereitschaftsetzen für eine Dame, die sie von auswärts erwartete?Auch in Amerika muß sie Bekannte gehabt haben, dennals sie so schwer krank lag, hast Du selbst ihr zweimalzwei Depeschen, die nach New-Iork gingen, aufs Tele-graphenamt besorgen müssen."
„Nun ja," gab der Gärtner zu, „aber Amerika istweit von hier!"
(Fortsetzung folgt.)
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