I*. Hieronymus Gratzmüller 0. 8. L.,
StiftSprior und k. geistl. Rathin Augsburg ,
geboren am 19. Januar 1824 zu München , seit demJahre 1846 dem Benediktinerstift St. Stephan dahierangehörig, hat mit dem 19. ds. Mts. sein 70. Lebens-jahr erreicht.
Sechsunddreißig Jahre hindurch leitete er das „Institutfür höhere Bildung" bei St. Stephan, im Volksmundeals das „adelige Institut" bekannt. Welche Summe vonMühe, Geduld und Opfersinn zu einer solchen Aufgabegehört, weiß der zu würdigen, der das Wort „erziehen"schon praktisch kennen gelernt hat. Diese Thatsache alleinschon würde ein ehrendes Gedenken seiner Thätigkeit andiesem bedeutsamen Lebens-Abschnitte rechtfertigen.
Gratzmüller war jedoch auchauf einem anderen Gebiete her-vorragend thätig und diese Thä-tigkeit hat seinen Namen bekanntgemacht weit über unsere vater-ländischen Grenzen hinaus. InMünchen hatte unser bayerischerLandsmann Gabelsberger seineStenographie erfunden und ebensein großes Werk „Die deutscheRedezeichenkunst" herausge-geben, als Gratzmüller sich ihmzugesellte, zuerst als begeisterterSchüler, dann als treuer Helferim Lehren, alsbald auch als per-sönlicher Freund. Den Werthder Stenographie vollauf er-fassend, trat er sofort mit allerEnergie, mit der ganzen Krafteines reichen Geistes für dieVerbreitung derselben ein. Dieerste Frucht dieses Wirkens warEinführung derselben an derStudienanstalt St. Stephan da-hier am 1. November 1848, zueiner Zeit, wo man anderwärtsnoch nicht an solches dachte. DieEröffnung dieses Unterrichts ge-schah auf Veranlassung Gratz-müllers durch Gabelsbergerselbst. Nahezu 40 Jahre wirkteGratzmüller als erster staatlichgeprüfter Lehrer der Stenogra-phie an der erwähnten Anstalt in Augsburg .
Als Gabelsberger im Jahre 1849 starb, war Gratz-müller berufen, ihm als Lehrer der Stenographie an derUniversität München zu folgen, der Wille seines Abteshielt ihn jedoch hier zurück.
Das hinderte jedoch Gratzmüller nicht, sich in dieersten Reihen derer zu stellen, die das Werk Gabels-bergers fortzubauen sich gelobt. Er nahm an allen her-vorragenden Versammlungen thätigen Antheil, und als imJahre 1852 beschlossen wurde, einen Preis für ein ein-heitliches Lehrbuch der Stenographie Gabelsbergers aus-zusetzen, da war es Gratzmüller, der aus diesem Wett-bewerb als Sieger hervorging. Sein Lehrbuch, unter demNamen „Preisschrift" bekannt und 1853 zum erstenmal
erschienen, hat feinen Namen hinausgetragen über derHeimath Grenzen, es ist — in mehr als 40 Auflagenbis jetzt erschienen — Tausenden der Führer zur Kennt-niß der Stenographie geworden.
Im Jahre 1856 gründete Gratzmüller den Gabels-berger - Stenographenverein Augsburg, der seit langemder weitaus größte aller Gabelsberger-Vereine ist undim Sinne und Geiste seines Gründers wirkt. Groß istdaher insbesondere die Freude der Angehörigen diesesVereins, Herrn Prior Gratzmüller zum erreichten siebzigstenLebensjahre gratuliren zu können.
Gratzmüller gründete auch die stenographische Monat-schrift dieses Vereins, die „Monatblätter", welche sichheute noch großer Beliebtheit erfreuen.
Im Jahre 1870 ließ er eine Uebertragung von„Thomas a Kempis' NachfolgeChristi " erscheinen, welche wie-derholte Auflage erlebte.
Der 10. August 1890 fandGratzmüller anläßlich der Ent-hüllung des Gabelsberger-Denk-mals zu München in Mitte derstenographischen Welt, denn umjene Zeit fand nicht nur derAllgemeine deutsche Stenogra-phentag, sondern auch derJnter-nationale Stenographencongreßdaselbst statt.
Vor einer solchen internatio-nalen Zuhörerschaft, darunternoch manch ehrwürdiges Hauptaus Gabelsbergers Zeit, hieltGratzmüller am Morgen jenesTages am Grabe Gabelsbergerseine tiefempfundene Gedächtniß-rede, ausklingend in die Mah-nung, fortan treu und unent-wegt die Kunst zu pflegen. DieRede und dieMahnung andiesemgeweihten Orte fand Anklangund Wiederhabt bei allen Hörern.
Wenn die Wichtigkeit der Er-findung Gabelsbergers für unseröffentliches Leben — insbeson-dere auch für die Publizistik —heute allgemein anerkannt wer-den muß, wenn sie als eineder besten geistigen Errungen-schaften, als eine Helferin allerWissenschaften erscheint, so mußDank und Ehre den Männern gezollt werden, die unsdieses schöne Werk in seiner Einheit und Reinheit er-halten haben. — Im Jahre 1880 stiftete Gratzmüller eineJahresmesse für Gabelsberger, welche alljährlich am4. Januar in der Kapelle des Mutterhauses der barmherzigenSchwestern dahier abgehalten wird.
So stand er in jeder Richtung in vorderster Reihe,wenn es galt, die von ihm vertretene und als gemein-nützig erkannte Sache zu fördern und deren Erfinder zuehren, ausgehend von der Ueberzeugung, daß gründlicheKenntniß der Stenographie nicht lediglich ein ideales Gut,sondern ein sehr praktisch nützliches Gut ist, welches sehrVielen schon zu besserem Fortkommen und zu einer sicherenExistenz verholfen.
Slistsprior r. Hieronymus Gratzmüller 0. 8. L