Ausgabe 
(23.1.1894) 7
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Ich machte wirklich Miene aufzustehen, der Bravejedoch gestattete es nicht:ein gutes Wort findet gutenOrt, und eine gute Cigarre ist eine beliebte Waare und extra noch eine Mark in die Tatze da nichtgefällig sein, wär' nicht am Platze."

Die Peitsche knallte, der Gaul zog aus. Lustigtrabten die Hufe und alsbald standen wir vor dem immernoch vergebens auf seine Zukunft harrenden Bahnhof derOstmetropolis. Der Telamonier sprang von seinem Bockund öffnete, sein attisches Profil nun in der freundlichstenFayade gebend, den Wagenschlag.Bald wieder die Ehr',gnä Herr," mit diesem klassischen Reim entließ er michaus seinem Gehäuse.

Natürlich war mein Erstes, schnurstracks auf denTramwagen loszuschreiten. Gerne gab mir der Kon-dukteur Auskunft. Ein Bübchen, ja wohl, mit einemdefekten Matrosenhut sei mitgefahren, und hinter einemHerrn,ich hab' geglaubt, es wär'der Vater," hätteer den Weg über den Orleansplatz eingeschlagen.

So, recht schön," antwortete ich, verbindlichstdankend. Ich ließ meinem Unmuth die Zügel nichtschießen, denn statt des:so, recht schön," wär' mir dieZunge mit einem ganz anderen Herzenserguß durchge-brannt. Ich wollte mich bemeistern, kühl werden. Esist einmal so im Leben, wenn man in der Tinte sitzt,kommt es auf eine größere oder kleinere Alizarin-Tonnenicht mehr an. Regen einen im ersten Momente Lappalienoft ungebührlich auf, sind wir ernsten, wirklichen Schick-salsschlägen gegenüber, denen mit festem Auge in diedüstere Tafel gesehen werden muß, standhafter, ruhiger,kälter. Ich nahm mir vor, ein Philosoph zu sein nachdem Horaz'schen Recept:Nil nämiraii", ein Stoikerü tu Cato, nur mit besserer Konsequenz, denn wassoll's, wenn dieser sich doch wegen ein bischen Meinungs-abweichungen, so er mit seinem ehemaligen Freund Cäsar hatte, das Herz durchbohrte? Mit gefrorenem Blut undeisiger Ruhe, nonchalant bis zum Exceß, wollte ich dieneuen Dinge heranrücken lassen.

Ich bummelte dem Orleansplatz zu, die Arme aufdem Rücken verschränkt, so ein Gefühl himmlischerWurstigkeit wandelte mich an, ich lächelte über mich,über meinen Aerger, über meine Lage, ich fand sie sogaramüsant, über die Alltagsleisten hinaus, piquant. Find'ich den Burschen, recht, find' ich ihn nicht, auch recht.Ich thue meine Schuldigkeit und damit basta. Ummeiner frohmüthigen Visage noch einen behaglicheren Tongeben zu wollen, steckte ich ihr eineBraun", nämlichso heißt die renommirte Firma meines Leiblieferanten,Reichenbachstraße Nr. 36, in's Zahngehege. Ich hattekein Streichhölzchen was macht's ich rauche kalt.

So schlenderte ich gemüthlich, schwankenden Gangs,wie ein eben von seiner langen Kamerunfahrt an'sLand gestiegener Bootsmann, hinab den Seitenweg. Baldsah ich einen Herrn, quer über der Straße, der geradedie Asche von seinem Schnuller abstreifte. Auf diesenging ich zu, bat um Feuer, doch im Moment, als ichmeinerSansibar" das Köpfchen abbeißen wollte, schobsich von rückwärts ein Aermel herein, an dem Aermelbefand sich eine gestreckte Hand, und diese Hand griffnach meiner Afrikanertn, und klapps ist sie auch schonenthauptet.Entschuldigeund abbeißen auch noch, wievandalisch," mit dieser Rüge überreichte, seine Guillotineeinsteckend, ein alter Spezi mir die Enthauptete wieder.

Ich zündete an und empfahl mich dankend bei dem

Feuerspender. Mein Spezi aber war ganz frappirt,mich einmal in seiner Zone zu sehen. Er hatte nämlich,seitdem er a. D. war, sich hinter der maximilianischenAkropolis niedergelassen, währenddem mein Himmels-strich über dem Scheitel der Bavaria niederging. Ostend und Westend, wie soll man da zusammenkommen?

(Schluß folgr.)

-«-v-r-

Winter.

Hat man Dir nicht erzähletDereinst von einer Maid,

Die sich einem Ritter vermählet,Der sie vom Zauber befreit?

Auf einem hohen SchlosseIm Schlaf die Jungfrau lag,Mit Pferden, Hund und TrosseSchlief sie viel Jahr und Tag.

Da kam ein edler Recke,

Der brach sich offene Bahn,Und sprach am DornversteckeAls wüthiger Freier an.

Hei! welch ein Helles Klingen,

Die Schläfer sind erwacht,

Heil welch ein tolles Springen,

Im Schloß wird Hochzeit gemacht.

Die Jungfrau ist die Erde,

Sie ruht im Flockenkleid,

Und harrt mit stummer GeberdeDes Ritters, der sie freit.

Es ragen die Tannen dunkel,

Sie halten ihr treue Wacht,

Auf ihrem Haupt als GesunkelGlitzert der Sonne Pracht.

Es sausen darüber die Winde,

Sie fahren ihr lustig in's Haar,

Sie reißen dem schlummernden KindeAm silbernen Brauttalar.

Und klingt in den frostigen RäumenDer Schlitten Schellengeklirr,

Dann muß sie spinnen und träumenIn bunter Bilder Gewirr.

Dornröschen, warte nur, baldeNaht Dein Befreier, Dein Held,

Sein Weckruf erschallet im Walde,Hallt wieder vom Berg und im Feld.

Dann gehet ein JubilirenWeit durch das einsame Land,

Muß alles sich schmücken und zierenMit Schleifen und Federn und Band.

Wer nahm doch die schneeige Decke,

Wer brachte das bräutliche Kleid?

Der Frühling kam wieder, der Recke ,

Und hat um die Erde gefreit.

Adolph Müller .

-«Wies-

Großhcrzog Ernst Ludwig von Hessen und dessenKraut.

(Zu unserem Bild Seite 39.)

Das jüngste Brautpaar aus fürstlichem Geblüte sind derGroßherzog Ernst Ludwig von Hessen und Prinzessin Victoriavon Sachsen-Coburg-Gotha, die sich am 9. Januar in Gotha verlobten. Großherzog Ernst Ludwig ist zu Darmstadt am 25.November 1868 geboren und seinem Vater in der Regierungam 13. März 1892 gefolgt. Prinzessin Victoria ist auf Malta am 25. November 1876 geboren; der Vater der Braut, HerzogAlfred von Sachsen-Coburg-Gotha, und die Mutter des Bräu-tigams, Prinzessin Alice von Großbritannien , waren Geschwister;das neue Braulpaar ist also Cousin und Cousine. Die ält-steSchwester der Braut, Prinzessin Maria, hat sich bekanntlich imvorigen Jahre mit dem Prinzen Ferdinand von Rumänien ver-hcirathet.