8. Ireitag, den 26. Januar 1894,'
Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttlcr).
Auf verwegener Wahn.
Kriminalnovelle von Gustav Höcker.
(Fortsetzung.)
Der Advokat hatte während Frau Ritter's Rede, durchwelche sie sich mit ihrer früheren Behauptung in entschiede-nen Widerspruch setzte, nicht wenig die Ohren gespitzt. DieHoffnung, aus diesen vorsichtigen Leuten etwas heraus-zubringen, war ihm bereits geschwunden. Jetzt gingihm plötzlich die Erkenntniß auf, daß dieser verschlossenenFrau die Oppositionslust gegen ihren Ehegemahl dieschweigsame Zunge löste. Er versuchte daher weiter zuexperimentieren und wiederholte, sich diesmal an denGärtner wendend, was er schon vorhin gegen dessen Fraugeäußert hatte, daß nämlich Schönaich vielleicht unschuldigsei; die Unnahbarkeit Frau Rollenstein's schließe ja dieMöglichkeit nicht aus, daß Jemand, der vielleicht schonlängst mit dem Plane des Verbrechens umgegangen sei,sich unter der Maske eines Käufers hier eingeschlichenund durch geschickt gestellte Fragen die Gelegenheitenzur Ausführung seines mörderischen Vorhabens ausge-kundschaftet habe.
Herr Ritter schüttelte mit überlegenem Lächeln dasHaupt. —
„Wir sprechen mit unseren Kunden nicht mehr, alswas zum Geschäft gehört," entgegnete er.
„Hihi!" kicherte die Gärtnersfrau mit einem bös-haften Seitenblick auf Anna.
„Wir sind nicht die Leute," fuhr Ritter fort, „diesich aushorchen und übertölpeln lassen. Die selige FrauNollenstein haben wir immer hoch geehrt, und weil wirwußten, daß ihr nichts verhaßter war, als in der LeuteMund zu kommen, so haben wir — weder meine Frau,noch ich, noch meine Schwester, die hier steht — auchniemals geduldet, daß ihre Person in's Gespräch gezo-gen wurde."
„Na, ich habe doch wahrhaftig auch noch Ohrenund Augen!" lehnte sich Frau Ritter, die Arme in dieSeiten stemmend, gegen die Behauptung ihres Eheherrnauf. „Verstehe ich mich auch nicht auf's Kauderwälsch,wie Deine hochgelehrte Schwester, so merkte ich doch,wovon die Rede war. Er stellte mit bezauberndemLächeln allerlei leicht hingeworfene Fragen und sie ant-wortete auf jede derselben, und dabei blickten Beide fort-während nach Frau Rollenstein's Fenstern. Und alsdiese dann selbst herabkam, um ihren gewohnten Spa-
ziergang durch den Garten zu machen, da hat er diealte Dame fast mit den Augen verschlungen! Ich glaubeja nicht, daß sich dahinter eine schlimme Absicht ver-steckte, denn darnach sah mir der Mann nicht aus, wennDu aber sagst, daß unsere Kunden sich mit uns nurüber Geschäftliches und nicht auch über andere Dinge,für welche Neugierige sich interessiren, unterhalten können,so hättest Du Deine Schwester davon ausnehmen sollen."
Volkmar bückte sich uach dem Beete herab undschien den eben vernommenen Worten wenig Aufmerk-samkeit zu schenken. Dabei entging ihm nicht, wie Annaplötzlich blntroth geworden war.
„Wovon sprichst Du denn eigentlich?" frug miteinem Schafsgesicht der Gärtner seine Frau. „Wer hatdenn gefragt und wer hat geantwortet?"
„Du wirst Dich wohl noch auf den fremden Herrnerinnern können," sagte sie, „der in der Woche vor demMorde hier war —"
„Der sich die Fächerpalme bei Seite stellen ließ?"
„Ja, und sich nicht wieder hat blicken lassen. Erkaufte ein Bouqnet und wählte die Blumen dazu mitDeiner Schwester selbst aus. Erst sprach er deutsch, aber da ich mir in der Nähe zu schaffen machte undihm im Wege zu sein schien, so fing er englisch an, undenglisch war's, denn es kam das Wort „las" öfter vor,und so viel verstehe ich auch davon."
„Meine gute Frau, müssen Sie wissen, ist nämlichein wenig mißtrauisch," wandte der Gärtner sich lächelndan Volkmar.
„Wenn in Gegenwart meiner Frau meine Schwestermit Jemand englisch oder französisch spricht, fuhr derGärtner zu Volkmar gewandt fort, so denkt sie gleich,es geht über sie her oder es wird irgend eine Verschwör-ung gesponnen. — Was hast Du denn damals mit demEngländer gesprochen, Anna? Besinne Dich einmal undsag's uns, damit Sophie sich beruhigt."
Anna warf den Kopf in den Nacken. „Wie sollich mir von jedem Herrn, der hier Blumeneinkäufemacht, merken können, was er mit mir spricht?" ent-gegnete sie trotzig.
„Oh, oh!" höhnte Frau Ritter, „wenn EinemJemand so gleichgültig ist, daß man nicht mehr weiß,was man mit ihm gesprochen hat, so geht man nichtnachher herum wie ein Traumbuch und macht sich auchnoch Ponyfransen!
Anna lachte laut auf, aber es war ein gezwungenes