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Lachen, und dabei glühte ihr Antlitz wie Purpur. Siewarf einen raschen Blick auf den fremden Käufer, undals sie seinem scharf forschenden Auge unter der goldenenBrille begegnete, wandte sie sich mit einer unwilligenBewegung ab und machte sich in einem andern Theiledes Gartens zu schaffen.
Volkmar hatte sich den Anschein gegeben, als nähmeer von diesem kleinen Familienstreite keine Notiz, und dieGärtnersfrau hatte in ihrem gehässigen Eifer gegen ihreSchwägerin seine Gegenwart fast vergessen. Er ließ sichjetzt von Ritter in die Gewächshäuser führen, kaufte nocheinige kostbare Zimmerpflanzen, bezahlte seine Rechnungmit klingender Münze und verhieß seine baldige Wieder-kehr, da er mancherlei seltene Gewächse gesehen habe,die er ebenfalls zu besitzen wünsche. Um durch Nennungseines Namens und Standes sich bei den Gärtnerslentennicht verdächtig zu machen, nannte er die Adresse einesihm befreundeten Kaufmanns, an welchen die heutigenEinkäufe zu schicken seien.
Er war mit dem Resultate seiner Nekognoszirungüber Erwarten zufrieden. Die Thatsache , daß ein Frem-der kurze Zeit vor der Ermordung Frau Rollenstein'ssich angelegentlich über dieselbe erkundigt hatte, standfest. Dieser Fremde hatte die gewünschte Auskunft nichtbei der älteren Frau gesucht, sondern diese umgangenund sich an das weniger erfahrene Mädchen gewendetund dieß offenbar mit allen Künsten der Galanterieumstrickt, um zu seinem Ziele zu gelangen. Der Um-stand, daß er englisch sprach, weckte in dem Juristenden bereits niedergekämpften Argwohn gegen Jesko vonHarnisch auf's Neue. Von dem Mädchen selbst Näheresüber die Persönlichkeit jenes Bouguetkäufers und überdie Fragen, welche dieser an sie gerichtet hatte, zu er-fahren, schien dem Rechtsgelehrien hoffnungslos, dazuwar sie ihm gleich von Anfang an zu animos entgegen-getreten, und daß er nachher den für sie so peinlichenGesprächsgegenstand angeregt hatte, konnte sie nur nochunversöhnlicher gegen ihn stimmen. Auch wiesen diehämischen Anspielungen Frau Nitter's und Anna's wie-derholtes Errathen darauf hin, daß ihr der „Engländer"ein tieferes Interesse eingeflößt haben mußte; um soweniger würde sie sich bewegen lassen, den Inhalt ihrerUnterhaltung mit ihm profanen Ohren preiszugeben.Aber es war schon ein großer Gewinn für Volkmar,daß er in Frau Ritter Anna's natürliche Feindin er-kannte und zugleich auch das Mittel gefunden hatte,aus dieser Alles herauszubringen. Er brauchte das,was er wissen wollte, zwischen ihr und ihrem Mannenur zu einer Streitfrage zu machen, um der sonst soverschlossenen Frau selbst das tiefste Geheimniß zu ent-locken. —
Als Siglinde sich von dem Rechtsgelehrten nachHause begab, war ihr Muth von neuem belebt, dieSache ihres Vaters ruhte nicht mehr auf den Schulterneines schwachen Mädchens, sondern sie war jetzt denbesten, erprobtesten Händen anvertraut. Die Lage desVaters glich derjenigen eines Schwerkranken, und Sig-linde fühlte jene Erleichterung, die das Eingreifen einesgeschickten Arztes und sein beruhigender Zuspruch ge-währt. Aber das menschliche Gemüth, welches unterdem Druck einer Hangen Entscheidung steht, ist einemschroffen Wechsel zwischen Hoffnung und Zweifel unter-worfen, und als Siglinde wieder in ihrer Wohnung an-gelangt war, machte ihre gehobene Stimmung dem früheren
Kleinmuth Platz. Die Gestalt des Vaters wandelte nichtmehr durch diese Räume, in denen Siglinde selbst nurals geduldeter Gast weilte: er war daraus geschwunden,wie ein Todter, den man nach dem Kirchhofe getragenhat, und wie die Todten niemals wiederkehren, so be-nahm ihr die erschreckende Aehnlichkeit dieses Vergleichesund die sie umgebende Leere auch die Hoffnung, denunglücklichen, alten Mann jemals der Freiheit wiederzurückgegeben zu sehen. Hatte Doktor Volkmar etwasAnderes thun können, als ihr Trost und Muth zuzu-sprechen? Glich er, der Jurist, hierin nicht auch wiederdem Arzte, welcher den Angehörigen eines hoffnungslosErkrankten bis zum letzten Augenblicke schonend ver-schweigt, daß eine Rettung unmöglich ist! Und geradeer, der ihr einst in Nacht und Nebel als Nettererschienen war, der sich mit so zarter Sorgfalt ihrer an-genommen hatte, — er wäre wohl der Letzte gewesen,ihr eine schreckliche Wahrheit, die ihr das Herz brechenmußte, in's Gesicht zu sagen. Wie er mit feinfühligerHand ihr die Verbände um den verletzten Fuß gelegthatte, daß sie die Berührung der schmerzhaften Stellekaum gemerkt hatte, so zart schonend war er jetzt auchmit der blutenden Wunde ihres Herzens umgegangen, —und zwar um so schonender, je unheilbarer sie ihm er-scheinen mochte.
Der schmerzliche, kummervolle Zug, der sich um ihreLippen gelegt hatte, während sie dasaß und sich diesentrüben Gedanken hingab, wich allmählich einem freund-licheren Ausdruck, ja ihr Mund begann zu lächeln, ihrAuge blickte träumerisch. In jenem raschen Uebergangeder Stimmungen, wie er kindlich reinen Naturen eigenist, hatte sie sich in jene Stunde zurückversetzt, wo er sie,die Verirrte, aufgefunden, und wie ein hilfloses Kindsicheren Schrittes nach der Bauernhütte getragen hatte;noch jetzt begann ihr das Herz höher zu schlagen in derErinnerung an den Augenblick wo sie sich aus demDunkel der Nacht in die blendende Helle des Herd-feuers versetzt sah und sich nach dem ersten verstohlenenBlick, den sie auf ihren Beschützer warf, von dem Ein-druck des Bedeutenden und Ueberlegenen, der sich in jedemseiner Züge wie in seiner ganzen Erscheinung aussprach,überwältigt fühlte. Sie hatte es gleich damals geahnt,daß sie es mit einem Manne zu thun habe, dessen Wir-ken in hervorragender Weise dem geistigen Gebiete an-gehöre und der vielleicht einen berühmten Namen trug,aber sie hatte sich nicht träumen lassen, daß er der viel-genannte Rechtsgelehrte sei, dessen schlagfertige Rede dieGerichtssäle ihrer Heimathsstadt beherrschte. Nie mehrwar sein Bild aus ihrem Herzen gewkchen; ihn wieder-zusehen, war seitdem das Ziel ihrer stillen Sehnsuchtgeblieben, und oft hatte sie sich jene angstvolle Stunde,wo sie sich in hilfloser Verlassenheit den Schrecken derdunklen Nebelnacht preisgegeben sah, wieder zurückge-wünscht, nur um ihrem Netter noch einmal ins Antlitzblicken, ihm noch einmal ihren Dank stammeln zu können.
Unwillkürlich schrak sie zusammen, als die Thürsich öffnete und Martha in's Zimmer trat, eine Visiten-karte zwischen den Fingern haltend.
„Der Herr wünscht Ihnen seine Aufwartung zumachen," sagte das Mädchen, die Karte überreichend.
„Jesco von Harnisch," laS Siglinde.
Das war ein rauhes Erwachen aus ihren glück-seligen Träumereien, welche sie auf Augenblicke all ihrUnglück hatten vergessen lassen. Vor diesem Besuche