Ausgabe 
(26.1.1894) 8
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hatte sie sich schon längst gefürchtet. Wie ein Reif imFrühling, der Knospen und Blüthen abtödtet, war ihrdieser Name auf's Herz gefallen, als sie ihn zum erstenMale von den Lippen ihres Vaters hörte. Und nunwar der Mann selbst erschienen und seine Anwesenheitmußte zu Erörterungen führen, die ihr, dem allein-stehenden Mädchen, peinlich waren.

»Ich lasse Herrn von Harnisch bitten," sagte sieunter einem bangen Seufzer zu Martha, sich in's Un-vermeidliche fügend.

Herr von Harnisch trat ein. Er war unleugbareine schöne Erscheinung, hoch und schlank gewachsen, mitdunklem Vollbart. Sein tiefbraunes Auge hatte etwasFaszinirendes, was auf viele Frauen einen unwider-stehlichen Zauber ausübt, von dem sich jedoch das lautere,reine und keusche Wesen Siglindens abgestoßen fühlte.Der Besucher vermochte eine angenehme Ueberraschnng,welche die berückende Schönheit des jungen Mädchensauf ihn hervorbrachte, nicht zu verbergen.

Sie finden mich allein, Herr von Harnisch, undunter sehr unglücklichen Umständen," sagte Siglinde,nachdem er ihr gegenüber Platz genommen hatte.

Es bedarf keines Wortes, Fräulein Schönaich,"entgegnete er in rücksichtsvollem Tone und mit einersanft abwehrenden Bewegung seiner Hand,ich. kenneAlles aus den hiesigen Zeitungen."

Ich bedaure," bemerkte Siglinde,daß Sie sichbereits ein Mal vergeblich hierher bemüht haben."

Da der Besucher sie fragend anblickte, so fügtesie hinzu:Vor einigen Tagen, während ich geradeverreist war."

Nein, mein Fräulein," versetzte Harnisch,ichbetrete dieses Haus zum ersten Male."

Wirklich?" frug Siglinde überrascht.Mein Mäd-chen erzählte mir nach meiner Rückkunft, es sei einfremder Herr dagewesen, und die Beschreibung, diesie mir von ihm gab, stimmt mit Ihrer Persönlichkeitüberein."

Herr von Harnisch schüttelte deu Kopf.Aller-dings bin ich schon vor fünf Tagen hier angekommen.Ich hielt es jedoch für passend, die erste aufregendeGemüthsstimmung, in welche die Ereignisse Sie versetzthaben mußten, vorübergehen zu lassen, ehe ich michIhnen vorstellte, was meinen späten Besuch hoffentlichentschuldigen wird."

Siglinde scheute den Augenblick, wo er auf denKernpunkt feines Besuches zu sprechen kommen werde, undsuchte denselben durch Nebendinge hinauszuschieben. Da-her sagte sie:Auf Ihrer Ueberfahrt von England nachCalais sind Sie einer schweren Lebensgefahr entgangen.Ich las den Zusammenstoß der beiden Dampfer in derZeitung und fand Ihren Namen in der Liste der Ge-retteten. Gestatten Sie mir, Sie zu beglückwünschen."

Harnisch verneigte sich dankend.Ja," nickte er,die Elemente schienen sich gegen mich verschworen zuhaben. Das unfreiwillige kalte Bad in dem tückischenKanal hatte mir zudem ein Fieber zugezogen, welchesmich acht Tage laug in Calais zurückhielt. Auf meinerWeiterreise drohte mir in dem Hotel, wo ich übernachtete,auch noch Feuersgefahr," fügte er lächelnd hinzu.DerKellner, der mir in mein Zimmer hinauslenchtete, kammit dem Lichte dem Vorhang zu nahe, dieser sing so-gleich Feuer, welches sich rasch verbreitete und zu einem

so gründlichen Zimmerbrande anwuchs, daß die Feuer-wehr herbeigerufen werden mußte."

Wann übernachteten Sie in Köln ?" frug Sig-linde. Der Gefragte mochte dies für müßige Neugierhalten, aber es lag ein tiefer Grund vor. Sie hatteDoktor Volkmars furchtbaren Argwohn gegen Harnischsehr wohl durchschaut.

Herr von Harnisch zählte an den Fingern.ESwar in der Nacht vorn 21. zum 22.," gab er zurAntwort.

Damit war Volkmar mit seinem Verdachte geschla-gen, denn gerade in dieser Nacht ist Tante Nollensteinermordet worden.

Es trat jetzt eine Pause ein. Vergebens suchteSiglinde nach einem neuen Anknüpfungspunkte, um dergefürchteten Gesprächswendung auszuweichen. Harnischließ jenes verlegene Näuspern hören, womit man sich aufeine wichtige Rede vorbereitet. Siglinde wußte vor Be-klommenheit nicht, wohin sie blicken sollte.

Ich darf wohl annehmen, Fräulein Schönaich,"begann er,daß Ihr Herr Vater Sie über den Zweckmeines Besuches bereits unterrichtet hat."

Allerdings," antwortete Siglinde, ihre Geistes-gegenwart zusammenraffend, aber seitdem hat, wie Siewissen, die Sachlage eine unerwartete Wendung genom-men, und ich glaube, daß damit auch der Zweck IhresBesuches hinfällig geworden ist."

Wie darf ich das verstehen?" frug er etwas stutzig.

Daß wir gegenseitig vergessen können, was einstzwischen unsern Vätern vorgefallen ist, finde ich begreif-lich. Daß Sie aber die Tochter eines Mannes, welcherunter dem Verdachte des Mordes verhaftet ist, noch zurGattin begehren können, glaube ich nicht."

Der Ausdruck befremdeter Enttäuschung in seinemGesicht sagte ihr, wie sehr sie sich in ihrem Glauben irrte.

Ich zweifle ernstlich an seiner Schuld," entgegneteer im Tone fester Ueberzeugung.Der Vater einersolchen Tochter kann unmöglich ein Mörder sein; dafürwerde ich meine Hand in's Feuer legen. Aber selbstdas Unwahrscheinliche, das Unmögliche, er sei schuldig,angenommen, so würde mich dies keinen Augenblick ab-schrecken können, um Ihre Hand zu werben, öcnn dieseHand ist rein von Blut und an die Theorie der Ver-erbung habe ich niemals geglaubt. Ich würde Ihnenmit Freuden meinen Namen geben, ich würde Ihnen dieWelt, die Sie in thörichtem Vornrtheil ansstößt, er-setzen, und der verlassenen Tochter eines UnglücklichenStab und Stütze sein."

Siglinde würde diese Worte geglaubt haben, wennsie aus Volkmar's Munde gekommen wären. Harnischgegenüber aber mußte sie an die Million denken, womitder Besitz ihrer Hand eine so edle Selbstverleugnungbelohnen würde. Sie wurde ihrer peinlichen Lage mehrund mehr Herr und fand den Muth ihm Alles zu sagen,was sie ihm sagen mußte.Wodurch Hütte ich ein sogroßes Opfer verdient?" frug sie.Was könnte mireinen so hohen Platz in Ihrer Meinung über mich ver-schafft haben? Sie kennen mich noch nicht, sondern sehenmich heute zum ersten Male. Sie haben Jahre ver-gehen lassen, ohne sich um das Mädchen zu bekümmern,mit deren Hand"

Eine so reiche Erbschaft verbunden ist, wollen Siesagen," nahm er ihr das Wort von der zögernden Lippe.Sie wollen mir vorwerfen, daß ich erst den Zeitpunkt