Ausgabe 
(26.1.1894) 8
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habe herankommen lassen, wo die Erbschaft zum Ab-fallen reif war. Sie haben Recht, Fräulein Schönaich,mir dies vorzuhalten. Ich will offen sein. Ich nahmmir Zeit, ich hegte gegen Sie jenes Vorurtheil, welchesman gegen Personen zu haben pflegt, an die man, ohnesie nur zu kennen, durch Zwang, durch grillenhafte Testa-mentsbestimmungen gebunden werden soll. Da wittertman irgend eine Schattenseite und der nächste und natür-lichste Zweifel ist der, ob das Glück, welches einem Geldund Gut in den Schooß wirft, in seiner Verschwendungso weit gehen sollte, auch noch Schönheit, Jugend undLiebenswürdigkeit hinzuzufügen. Auch ich zweifle ander Vollkommenheit meines Glückes. Ich will nichtleugnen, daß ich den Weg über das Meer, ja selbstnoch den Gang nach diesem Hause mit dem Vorurtheileines Verkauften angetreten habe, aber ich bin auf'sAngenehmste enttäuscht, denn ihr erster Anblick ichgestehe es unumwunden hat mich gründlich bekehrt!"

Dennoch muß ich mich von Ihrem Edelmuthe,mir selbst als der Tochter eines Mörders die Handreichen zu wollen, leider beschämen lassen," entgegneteSiglinde.Allerdings war ich bereit, die Ehe einzu-gehen; da mein Herz dabei nicht in Frage kam, so konn-ten mich natürlich nur äußere Beweggründe zu einemsolchen Entschlüsse bestimmen."

Das finde ich ganz unbegreiflich," gab Herr vonHarnisch zu, sehr gespannt auf das Weitere.

(Fortsetzung folgt.)

-IWU-»-

In allerliebster Gesellschaft.

Eine Humoreske von Element Kleeberg er.

(Schluß.)

Mein Freund war eine ausnehmend weiche Seele,er stellt sich, seit ihm Muße geworben, der ausübenden,allgemeinen Wohlthätigkeit zur Verfügung. Er war einApostel der Humanitas, ihr Obersamaritan, ihr Sprecher,ihr Sammler, darum dieser Dolch durch sein Herz, alser sah, wie ein Cigarrenspitzchen auf so himmelschreiendeWeise zu Grunde gehen sollte, dieser Meilenstiefel-Trittüber den Platz, dieser plötzliche Hebelgriff.

Aber," sagte ich zu ihm

Nichts aber", schnitt er ab,nichts, mein Lieber.Weiß, was Du einwenden willst, käm' auf ein Spitz-chen nicht an, da kleidet man kein Heidenkind, ja wennjedes Blatt, jed' Gräslein, jedes Steinchen, der Tropfen,der Strahl so sagen würde, wo wären da Habanakisten,die Prärien, der Chimborazo, das Stille Meer und dieglühende Sonne. Freund, der Champagner und Bock,ein ungestilltes Sehnen blieb's, wenn jede Perle undjedes Hopsenzäpfchen renitent wäre. Doch, wie kommstDu denn eigentlich in meine Hemisphäre?" fragte erdann nach einer kleinen Pause, mir gleichsam Zeit lassend,mich von seiner Strafpredigt zu erholen;Du, dem dochan der andern Halbscheibe der Stadt der Wigwam liegt.Vielleicht, ja ich hab's, recht hast, es logirt sich schöner,billiger, gesunder auf dem Hochplateau, als unten in derJsargrube. Du willst also Nechts-Jsarathenienserwerden?"

Wer sagt Dir denn, daß ich hier außen"

Halt ein nicht noch einmal das unglückseligsteWort, das Dir je über die Zunge gerumpelt. Hier außen!Irorribilo äiatu! Du hast's gesprochen. Lernst 6tvmissuin volut irrsvooabils verbum sagt unser

Horaz, den wir auf der gemeinschaftlichen Bank trakttrthaben. Ja. Du hast's gesprochen, und unwiderruflichist das einmal gesprochene Wort, aber ich will milderndeUmstände zubilligen ohne Ueberlegung. Hier außen.Ha, ha, ha als ob der große Puls der Stadt ander großen Zehe schlüge. Wohin ziehen sich die Adernund Venen Monacos? Hinauf zum Herzen, und diesist der Hosbräuhauskeller, der Obertempel des Gambrinus.Hier ist die Aorte, das wahre Leben, Hoch und Nieder,Klein und Groß saugt in langen Zügen aus seinem Quell.Die ächte Intelligenz in Politik und Wissenschaft, inKunst und Gewerbe, selbst in der Theologie, thront nurhier. Das lebendige Wort ist's, das bei breitem Steinalle Phasen des Denkens in gemüthlichster Form offenlegt, darum diese nie endenden Karawanen, zu denendie nach der Kaaba Mekka's kaum der Schatten einerWallfahrt sind."

Wir waren bislang auf einem Fleck stehen geblieben.Mein Spezi bot sich an, mich auf meiner Wallfahrt,denn natürlich sei doch derrothe Tempel" mein eigent-liches Ziel, zu begleiten.

Ich sagte zu.Kann ich doch bei dieser Gelegen-heit den Fortschritt der Bauten und etwa auch", fügteich gleichgiltig bei,meinen Buben wieder finden."

Deinen Buben?"

Der mir in der Neichenbachstraße durchgebranntund per Trambahn hieher kutschirt ist."

Der Spezi blieb wieder stehen und schaut mich langean. Ich benutzte diesen Umstand, von einem mir ebenentgegenkommenden Herrn Feuer zu erbitten, scheint's, überdie hofbräuhausliche Preisrede hatte ich vergessen, weiterzu rauchen.

Ich zündete gemächlich an und dankte höflichst, denHerrn noch fragend, wo er sein so famos riechendesKräutlein kaufe. Es entstand da eine längere Discussion;er bezog sein Rauchzeug tausendweise, mehrere theiltensich darein, und wenn ich von der Gesellschaft sein wollte,würde er mich mit Vergnügen bedenken. Ich benamsteihm dann meine Sorte, die nicht minder hochfein wäre,und erlaubte mir, einige rauchende Ningelein unter seinebehutsam prüfenden Nüstern hintänzeln zu lassen. Wirwechselten hernach unsere Karten und Cigarren und ver-abschiedeten uns freundlichst.

Hör' einmal", sagte nun mein Spezi,Deine Fisch-blütigkeit ist classisch. Nun komm, ich helf' Dir DeinenBuben suchen."

Nur nichts überhudeln, man wird den Deserteurschon irgendwo aufgreifen, da ist mir nicht bange."

Aber mir." Er schlug ein rascheres Tempo an.Wohl oder übel, ich mußte mit ihm Schritt halten.EineSchlappe, wirklich," fuhr er fort,wenn die Polizei ihnaufgriffe und ihn ausschellen ließe."

Ha, ha, ha, die Unkosten."

Du lachst dabei? Nein, nein, nein, das ist dasWenigste, das Meiste ist die Volksstimme, die Dich ver-urtheilt. Nichts für ungut, ich meine, Du bist halt einbischen zu streng, wenn ich Kinder hätte, ein Wink, einBlick, Schläge helfen nichts, nichts, und unsere Kindersind auch keine Hunde, und die schlechteste Erzieherin istdie Peitsche. Da gibt's so Altweiber-Sprüche:

Wo nicht herrscht der Ochsenziemer,

Wird die Jugend immer schlimmer!

Ich aber sage:

Immer schlimmer, immer dümmerMacht des Vaters Ochsenziemer.