Ausgabe 
(26.1.1894) 8
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Die Massai.

Wir haben die jetzt noch sehr zweifelhafteEhre, die so sehr gefürchteten Massai in Deutsch -Ost afrtka zu unserndeutschen Brudern" zuzählen; und da dieses Volk, wie deutsche und englische Forscher berichten, ein ganzeigenthümliches und merk-würdiges" ist, und selbst Msgr. Le Roh schreibt:*) dasVolk der Massai verdiene eine eingehende Beschreibung:so wollen wir uns mit demselben auch etwas näher, alses bisher geschehen ist, befassen.

Das Land der Massai hat den bedeutendenUmfang von 150,000 Quadratkilometer. Es beginntim Norden Deutsch-Ostafrika's am 1. südlichen Breite-grad, am Ostuser des Victoria Nyanza-See's, wo dieGrenze Deutsch- Ostafrika's ist, und reicht bis zum5. Breitegrad hinab. Seine Ausdehnung von Ostennach Westen ist verschieden etwa 1525 deutscheMeilen (?). Die Massai sind einst vom Gebiete desobern Nil an der Ostseite des Victoria Nyanza herabgekommen, und gehören also zu den sogenanntennilotischen" Völkern. Nach dem apostolischen VicarLe Roy besteht das Massai-Volk aus zwei großenFamilien: aus den eigentlichen Massai und aus denKiwawi, welch letztere das Hochgebirg Leikipiazwischen dem Berge Kenia und dem Baringosee bewohnenund vom Nomadenleben zum seßhaften Leben über-gegangen sind. Nach Karl Peters gehören die zahlreichenBewohner des Ostabhanges vom Kilima-Ndjaro, dieseßhaften W a r a m b o (mit ihren 30,000 Kriegern), auchzu den Massai, welche demnach aus drei großen Familienbeständen.

Die eigentlichen Massai wohnen im West- und Nord-gebiete des Kilima-Ndjaro, ziehen aber weit gen Südenhinab. Sie sind in verschiedene Clane getheilt, welcheihre Abzeichen auf den Kriegsschilden haben. JederClan hat seinen Namen. Die Regierung ist patriarcha-lisch. Sie sollen aber auch einen gemeinsamen Häupt-ling haben. Der gegenwärtige Mbatian ist einhochbetagter Greis und steht bei dem Volke in hohenEhren. Mbatian gilt dem Volke als ein mächtigerZauberer, der durch seinen Stab allein seine großeViehheerde so beherrscht, daß er keiner Hirten bedarf;der Stab braucht nur vor der Heerde hergetragcn zuwerden.

Dergroße und reiche Alte" wohnt am Nordabhangdes Kilima-Ndjaro. Die Massai nennen seinen Namenhundert Mal des Tages; und bei ihrem Kriegsgesangheißt stets derKehrvers":Wir bitten . Gott undMbatian l"

Mbatian wohnt an der Nordseite des Kilama-Ndjaro,den die Massai Dany Ebor, d. i.Weiß-Berg" (Llontblano), nennen aber auch Engadi, Engai, d. i.Gottesberg".

Die Massai sind ein Hirtenvolk und treiben wederAckerbau noch Gewerbe und Handel. Allerdings sind siegefürchtete Krieger, aber sie ziehen nicht aus, um Sklavenzu erbeuten, sondern Vieh. Zur Würde eines Clan-Häuptlings berechtigt weniger das Erbrecht, als Verstand,Muth, Reichthum und auch medicinische Kenntniß, sowiedie Kunst das Wetter zu prophezeien. Dieses Hirteu-

*) In: »Lu Xtllvm-dkcharo. ttkrtgns orientals.« Msgr.Le Roy war eine Reihe von Jahren Missionär im apostolischenVicariat zu Sansibar, und ist nun apostolischer Vicar von Gabun in Westasrika.

leben ist nicht, wie Manche glauben, ein Faulenzerleben,da gibt es viele und schwere Arbeiten und harte Tage.Nur die ältern Männer sind weniger geplagt. Sie habenhauptsächlich für das Auffinden neuer Weideplätze zusorgen.

Ihrer Abstammung nach sollen die Massai,wie auch ihre Körpergestalt und ihre Sprache an-deuten, verwandt sein mit einigen Völkern am obernNil, etwa mit den Latika und Bari. Da sie aberseit Jahrhunderten schon ein für sich abgeschlossenes Volks-leben geführt, so sind sie zu einem eigenartigen Volkegeworden. Ihre Hautfarbe ist schokoladebraun. Obgleichals Kindertriefäugig und schmutzig," entwickeln sie sichzu einem schönen Menschenschlag, der von dem Neger-typus nichts an sich hat. Msgr. Le Roy schildert siemit den Warten:Die jungen Männer von 17 bis 30Jahren sind das wahre Bild eines wilden Kriegers.Sie haben (messen) meist 6 Fuß und manche mehr;ihre Glieder sind von einem vorzüglichen Ebenmaß; ihreMuskeln wie von Stahl; ihre Haltung ebenso kühn als edel.Dazu haben sie eine prächtige, fließende Sprache undein Geberdenspiel, um das sie mancher Redner beneidenkönnte. Ihre Haare sind lang und geordnet. Der Kopfist bei manchen rund, bei manchen oval; die Nase ge-rade und gut entwickelt (!), die Lippen sind oft schmal;die Züge von jenen der Negerrasse ganz verschieden; dieKinnbacken aber treten vor und die Augen stehen etwasschief, wie bei den Mongolen." Ihre Kleidung ver-fertigen sie aus Ochsenhäuten, welche derart gegerbt sind,daß sie so biegsam sind wie grobes Tuch. Sie schmückensich mit Glasperlen und in überladener Weise mitDraht-, Eisen- und Metallringen. Große Metallringeumgeben wie ein Schilddach den Hals, und die ungeheuerbreit durchlöcherten Ohren sind mit erstaunlich schwerenGehängen belastet. Der Metallschmuck eines Massai hat,ohne Gewand und Perlen, ein Gewicht von mindestens12 Kilogramm; das gilt besonders von den Frauen, diesehr anständig bedeckt sind. Eine Besonderheit der Massaiist auch, daß sie nicht nackren Fußes gehen, wie dieNeger, sondern Sandalen tragen. Zur Massai-Toilcttegehört besonders noch rother Ocker, eine weiße Farbe,Butter und Fett. Den Bart lieben die Massai nicht;denn sie rasiren sich, oder rupfen die Haare aus. IhrHausgerüth besteht aus verschiedenen Schüsseln, Schalenund Töpfen. Auch verfertigen sie Säcke, Schläuche,Zeltdecken und hübsche Zaumzeuge. Ihre Nahrung ist sehrkräftig, denn es fehlt ihnen nicht an Milch, Butter undFleisch.

(Von Sitten und Gebräuchen.) Der Massaiist stolz. Kein Mann trägt je Etwas; selbst die Kuh-haut, die er fortzubringen hat, schleift er. Denn dasTragen ist eines Mannes unwürdig; das gehört demEsel. Darum verachtet er auch die Träger der Kara-wanen und beehrt sie mit dem Namen Esel. Die Geburteines Kindes wird nicht festlich begangen; ein Knabe istbeliebter als ein Mädchen; denn ein Knabe kann einstKühe rauben; ein Mädchen sie nur melken. Kinderwordscheint bei ihnen nicht gebräuchlich, nur bei krüppelhaftenKindern mag er vorkommen. Zarte Pflege wird denKleinen nicht zugewendet. Der Säugling wird alsbaldin einen Sack gesteckt, den diL Mutter aus dem Rückenträgt. Sobald das Kind gehen, oder gar erst kriechenkann, wird es so viel als sich selbst überlassen. Gebadetoder gewaschen wird es nie, nur gut gefüttert. Später