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macht sich der Knabe Bogen und Pfeil und wird Htrrsn-bube. Nun beginnt zunächst seine kriegerische Selbstbildung,nach den Mustern, die er bei den Erwachsenen gesehen.Hat der Knabe das 15. oder 16. Lebensjahr erreicht,so wird er der Beschneidung unterworfen. Dieser Actsoll aber einen religiösen Charakter nicht haben. Dieserscheint uns zweifelhaft, wenn dabei auch keine religiösenCeremonien vorkommen. Es ist immerhin ein nochabrahamitischer religiöser Ausfluß; vielleicht den heutigenMassai unbekannt (?). Wenn dieser Act keine religiöseBedeutung hat, so bezeichnet er einen socialen Wendc-punkt im Lebensgang des jungen Massai: wir meinendie Einleitung in's mannhafte Alter der Krieger, dasmit dem 17. Lebensjahre beginnt; dabei konnte die Be-schneidung doch auch einen religiösen Charakter habenund eine Art Weihe für die neue Lebeusperiode bedeuten.Nach der Beschneidung wird der Jüngling von seinemVater mit Schild und Lanze ausgerüstet. Die Schildetragen in rother, schwarzer und weißer Farbe die Ab-zeichen der Clane; die Lanze, prachtvoll, massiv aus Eisen,blinkt wie Silber. Dazu gehören noch die Kriegs-keule und das lange Kricgsmesser. Nun wird der an-gehende Krieger Mitglied des Kraal, der eigens für diejungen Mannsleute bestimmt ist, die hier bis zu ihrerVerheirathung gemeinsam leben und einer strengen Ord-nung unterworfen sind. Ihre Kost besteht aus Milch,Fleisch und Blut; Pflanzenkost dürfen sie durchaus nichtgenießen, auch keine berauschenden Getränke, und dürfenkeinen Gebrauch vom Tabak machen. Hier ist diemilitärische Schule mit ihren technischen und takti-schen Lehren, und praktischen Uebungen, wobei die wiefliegenden Eilmärsche, schlauen Scheinangriffe und wildenErstürmungen eine große Rolle spielen; natürlich fehlenauch die Kricgsgesäuge und KriegStänze nicht. Was dasBInitrinkcn anbelangt, so wird das warme Blut un-mittelbar aus den Adern eines Ochsen genommen. DaSist ihr LiebliugStrank (I).
Medicinisch interessant dürfte es sein, daß dieserLebensabschnitt mit einer MilchlH^beginnt; die jungenLeute leben nämlich von nichts, als von Milch, so langesie es aushalten können. — Die jungen Krieger wühlensich einen General und einen Redner. Ist einBeutezug beschlossen, so gehen ihm voraus Tänze, Fest-schmaus und Gebete. Die Krieger sind derart ausgerüstetund fürchterlich hergerichtet, daß oft ein einziger genügt,die feindlichen Neger in die Flucht zu treiben. Es istnur gut, daß die Massai keine Feuerwaffen besitzen undvor denselben eine höllische Furcht haben. Wenn sieeinmal geworfen sind, so ist es ein Spaß, sie laufen zusehen: Schild, Lanze, Keule, Kopfputz und Mantel (erist weiß) werfen sie dann von sich und behalten über-haupt nichts mehr an sich, als die Sandalen. Wasden Viehraub betrifft, so meinen sie wirklich, sie seiendamit im Recht. Sie sagen nämlich: Gott habe ihrenVatern alles Vieh zur Hut übergeben, und da dieHeerde endlich zu groß geworden, hätten sie einige Stückeden Nachbarstämmen überlassen; und so seien es nur dieNachkommen dieser geliehenen Kühe, von denen sie, dieMassai, wieder an sich zu bringen suchten. Von den„Nachbarstämmen" aber haben sie einen ungeheuerngeographischen Begriff.
Was den sittlichen Zustand der Massai betrifft, sohaben die jungen Männer vor der Heirath — gewöhn-lich von 17—30 Jahren inclusive — eine solche sitt-
liche Freiheit, daß man sie geradezu unsittlich nennen kann.Wenn der Krieger sich ausgetobt hat, wird er bedächtigund heirathet. Nach der Anzahl seiner Kühe nimmt erein, zwei oder drei Weiber. Nun ist ihm erlaubt, auchPflanzenkost zu genießen und Tabak zu rauchen und zukauen. Die alten Männer schnupfen und haben ganzsonderbar geformte Dosen, welche sie an einer Halsschnurtragen. Die verheiratheten Männer werden friedfertig,wissen mit Anstand sich zu benehmen, zählen zu denRathshcrrcn — und lassen das Honigbier sich gutschmecken.
Was nun die Religion der Massai betrifft, soglauben sie an einen persönlichen Gott, den sieNgai heißen; eigentlich Gar, das N ist Präfix undbedeutet „ein" — der (Gott ). Sie kennen die Begriffe:gut und bös, glauben an die Hilfe Gottes, an dieKraft des Gebetes und des Opfers, und an das Fort-bestehen der Seele nach dem Tode; auch glauben sie andie Nothwendigkeit der Sühne. Wenn Jemand gestorbenist, darf man seinen Namen nicht mehr nennen, damitder Geist nicht zurückkehrt und als Gespenst einhergeht.Ihre Glaubenslehren sind wenig entwickelt. Ihre Gebeteund Opfer gelten wohl nur der Bitte, nicht dem Danke,und sind zumeist auf materielle Dinge gerichtet und aufAbwendung von Ungemach und Unglück. Sie habeneine Art Priester, denen sie außerordentliche Kräfte zu-schreiben, und die sie sehr hochachten. Begreiflich sindsie, wie dergleichen Völker, auch sehr abergläubisch. Sodarf z. B. die Kuh nur zur Nachtzeit gemolken und dieMilch durchaus nicht gesotten werden. Fetischhüttenhaben sie nicht, wohl auch keine Götzenbilder, auch keineAmulette, und an einen Teufel scheinen sie auch nichtzu glauben.
Ueber ihren moralischen Zustand läßt sich nichtviel sagen. Sie lieben die Kinder und beten besondersum eine zahlreiche Nachkommenschaft. Die Jugendbegegnet den Alten mit großer Ehrfurcht (und betuns Christen?!). Au Streitigkeiten fehlt es begreif-lich bei ihnen auch nicht. Wenn aber dabei ein Todes-fall eintritt, so wird er als ein Unfall aufgefaßt undhat die That keine Strafe zur Folge; der Meuchelmorddagegen wird sehr streng bestraft.
Die verstorbenen Kinder werden im Lager oder imZelte begraben. Ein altmystischer, wenig bekannterGebrauch ist es, daß die Massai beim Tode eines Er-wachsenen eine Reinigung des Kraals durch das Ein-geweide eines zu opfernden Ochsen vornehmen. DieLeiche wird unter einem Baume (ebenfalls mystisch)in sitzender Lage in eine seichte Grube gesenkt und mitSteinen und Kräutern bedeckt. Neben den Todten wirdeine Schale Milch gestellt, und dann — „überläßt manalles Uebrige den Hyänen in der folgenden Nacht(!)".
Was die Bekehrungsfrage dieses merkwürdigenVölkchens betrifft, so meint Msgr. Le Roy: „Es istein wahres Glück, daß dieses wilde Kriegervolk nichtden Islam angenommen hat; denn wenn sich dessenFanatismus noch in seine Adern ergösse, so würden sieunbändig sein. Und so sei doch die Hoffnung nicht ganzausgeschlossen, daß sie dereinst die besänftigende LehreChristi annehmen. ll. 0.
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