Ausgabe 
(30.1.1894) 9
Seite
53
 
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9.

1894 .

Augsburger Postzeitung".

Dienstag, den 30. Januar

Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg.

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas <L Grabherr in Augsburg (Borbesttzer Dr. Max Huttler).

Auf Verwegener Wahn.

Kriminalnovelle von Gustav Höcker.

(Fortsetzung.)

Die Million an und für sich hätte mich nichtlocken können," fuhr Siglinde fort,sondern nur derWunsch leitete mich, meinen Vater vor dem finanziellenRuin zu retten. Es war ein Opfer, welches ich ihmbringen wollte. Jetzt aber würde dasselbe vergebenssein, mit allen Millionen der Welt vermöchte ich ihnnicht zu retten! Und was sollte mir der Reichthum,wenn ich meinen armen, alten Vater lebenslänglich imZuchthause eingekerkert wüßte oder" sie bebte untereinem kalten Schauer zusammenoder ihn gar demBeile des Scharfrichters überliefert sähe? Der Besitzeiner Million wäre ein Hohn auf mein gebrochenes Herz.Ich würde mit einem solchen unheilbaren Seelenleidenniemals einen Gatten glücklich machen können. Mirbliebe keine Wahl, als mich in irgend einen stillen Erden-winkel zurückzuziehen. Armuth sollte mir eine Genug-thuung sein; in der Arbeit um das tägliche Brod würdeich Vergessenheit suchen, während Reichthum mir nur zurQual werden könnte."

Wie?" rief Harnisch in ungläubigem Erstaunen,Sie wollten eine Million von sich werfen? WürdenSie mit solchen Entsagungen Ihrem Vater nützen können?Bedenken Sie doch nur, daß die Erbschaft Ihrer TanteIhnen die Mittel gewährt, für seinen Prozeß alle Minenspringen zu lassen. Sie könnten zu seiner Vertheidig-ung die geschicktesten Advokaten der Welt gewinnen, Siekönnten auf die Richter einwirken".

Unsere Richter, Herr von Harnisch, sind unbestech-lich," unterbrach sie ihn mit ruhiger Würde,wenn sieauch menschlichen Vorurtheilen unterworfen sein mögen.Und was die Vertheidigung meines Vaters betrifft, soruht dieselbe bereits in der bewährtesten Hand, wieIhnen Jedermann hier sagen wird, wenn Sie sich nachRechtsanwalt Doktor Volkmar erkundigen. BedenkenSie: wie könnte ich ein Vermögen annehmen, auf wel-chem die Blutschuld meines Vaters ruhen soll? Ich würdedadurch dem Verdachte gegen ihn nur das letzte Siegelaufdrücken, da man ihm ohnehin das Motiv unterschiebt,er habe durch die Beseitigung meiner Tante und durchdie Herbeiführung meiner Verbindung mit Ihnen dieMillion rasch in meine Hand spielen wollen."

Harnisch war wachsbleich geworden und Siglinde

fand das erklärlich, denn sie konnte sich sehr gut in seineLage versetzen: das Wort, welches sie gesprochen, mußteein harter Schlag für ihn sein, die Million, welchesie ausschlug, raubte sie ihm.

Ich kenne Ihre Verhältnisse, Herr von Harnisch,"fügte sie nach längerem Schweigen hinzu,es sollte mirWehethun, wenn ich Sie um Aussichten brächte, vondenen Ihre ganze Zukunft abhängt, ja, ohne welche Siesich dieselbe vielleicht gar nicht denken können. Wie gernwürde ich Ihnen das ganze Erbe überlassen, wenn diesin meiner Macht stünde."

Sie bereute fast, dies gesagt zu haben, denn er-nährn von ihren freundlichen Worten kaum Notiz, son-dern war aufgestanden und ging im Zimmer auf undab, als wäre sie gar nicht da. So macht man wohldem Verdrusse über einen Geldverlust Luft, nicht aberdem schmerzlichen Verzicht auf eine Braut, der man kurzvorher so viel Schmeichelhaftes gesagt hat. Siglindefand ihre Vermuthung, daß er die Sache nur von dergeschäftlichen Seite nahm, durch das Fallenlassen dereinfachsten Höflichkeitsrücksichten vollkommen bestätigt.

Als sein Blick zufällig ihrem großen erstauntenAuge begegnete, mochte er seine taktlose Selbstvergessen-heit wohl fühlen. Er blieb vor ihr stehen und frug insanftem Tone:Ist für die Freisprechung Ihres HerrnVaters keine Hoffnung vorhanden?"

Sie schüttelte traurig den Kopf.Wenn ich dar-über nachdenke, wie tückisch sich die Umstände vereinigthaben, um als Schuldbeweise gegen den armen Mannzu sprechen, so muß ich alle Hoffnungen aufgeben."

Und Ihr Entschluß ist unwiderruflich, FräuleinSchönaich?"

Unwiderruflich!" sagte sie fest.Aber kein Opfer,und wäre es selbst das meines eigenen Lebens, würdemir zu groß sein, meinen Vater zu retten. Wenn Siedas vermögen, Herr von Harnisch," setzte sie hinzu, dieHand betheuernd auf's Herz legend,so werde ich andem Tage, wo seine Freisprechung erfolgt, mit Ihnenan den Traualtar treten."

Er verfiel in .langes, tiefes Sinnen, während erabermals im Zimmer auf- und abging und zuweilenhoffnungslos den Kopf- schüttelte. Plötzlich blieb erstehen, wie von einem Gedankenblitze getroffen.

Sie glaubten, ich sei schon einmal hier gewesen,"fuhr er auf, daß Siglinde fast erschrak.Sie warengerade verreist. Ihr Mädchen befand sich allein zu