Ausgabe 
(30.1.1894) 9
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Hause und hat den Besuch empfangen. Könnte ich dasMädchen selbst befragen?"

Er hatte die Sätze hastig und abgebrochen heraus-gestoßen, als handle es sich um Leben und Tod.

Siglinde war betroffen; sie wußte nicht, was siedenken sollte, und ging zur Thür, um Martha zu rufen.

Diese kam herein.

Herr von Harnisch möchte Auskunft über denHerrn haben," sagte Siglinde zu dem Mädchen,wel-cher vor einigen Tagen meinen Vater zu sprechen wünschte,als ich mit ihm eben nach Nottenbach abgereist war."

Der fremde Herr soll mir ähnlich gesehen haben?"wandte sich Harnisch an Martha, wobei er sehr schnellund in heftiger Erregung sprach.

Ja, er hatte Aehnlichkeit mit Ihnen," antworteteMartha.Aber seine Gesichtszüge waren doch ganzanders."

Sein Haar war dunkel?"

Fast wie das Ihrige, nur um ein wenig Heller."

Wie trug er es?"

Kurz und in der Mitte gescheitelt, wie Sie. Ichbemerkte es, als er eintrat und einen Augenblick denHut lüpfte."

Der Bart?"

Ein Vollbart, genau wie der Ihrige."

War der Mann größer oder kleiner als ich?"

Er mochte wohl etwas kleiner sein."

Wie klang seine Stimme?"

Tiefer als die Ihrige."

Dunkle Augen, nicht wahr?"

Wie Sie," nickte das Mädchen.

Kann man sich auf Ihr Gedächtniß verlassen?"

Sie besitzt ein sehr scharfes Auge für Physiogno-mien," bezeugte Siglinde,ich habe davon mehr alseine Probe."

Ich danke Ihnen," entließ Harnisch das Mädchen,dessen Antworten auf jede seiner Fragen er mit fiebern-der Ungeduld erwartet hatte.

Nachdem er Siglinde um die genaue Adresse Dok-tor Volkmar's gebeten hatte, verabschiedete er sich vonihr.Verzeihen Sie," bat er,wenn ich Ihnen fürmein Benehmen, das vielleicht sonderbar erscheinen mag,die Erklärung schuldig bleibe. Aber ich muß mir überdas, was mir plötzlich durch den Kopf gefahren ist,selbst noch klar werden. Sie sollen bald von mir hören,Fräulein Schönaich."

Noch lange beschäftigte der Besuch Siglindens Ge-danken, als sie sich wieder allein befand. Endlich griffsie nach ihrer Schreibmappe, schrieb flüchtig einige Zeilennieder und beauftragte Martha mit der persönlichen Be-sorgung des Billets.

Dasselbe war an Doktor Volkmar gerichtet, dereben erst von seinem Gange in die Rosenstraße zurück-gekehrt war, als er es empfing.

Siglinde schrieb:Soeben hat Herr von Harnischmir seine Aufwartung gemacht. Er ist nicht identischmit jenem Fremden, welcher an dem Tage, wo meinarmer Vater verhaftet wurde, während meiner Abwesen-heit da war. Herr von Harnisch scheint Ihnen einenBesuch zugedacht zu haben. Uebrigens haben wir ihmAbbitte zu leisten: er lag in Calais acht Tage an einemFieber krank und hat die verhängnißvolle Nacht vom 21.zum 22. in einem Hotel in Köln zugebracht. Ich locktedieses Datum aus ihm heraus, als er mir erzählte, daß

das Zimmer, in welchem er übernachten wollte, durchUnvorsichtigkeit des Kellners, der ihm leuchtete, in Brandgerathen war ..."

Volkmar fühlte eine gewisse Beschämung, daß Sig-linde seinen Verdacht gegen Harnisch durchblickt hatte,wenn sie auch zartfühlend genug war, sich durch dasWörtchenwir" selbst dieser Schwarzsehern mit anzu-klagen. Wie nahe lag für sie die Deutung, daß er sichdabei weniger von juristischen Gründen, als von persön-licher Voreingenommenheit habe leiten lassen I Sein neuerwachter Argwohn, der das Resultat seines Besuchs beidem Gärtner war, wurde durch dieses Billet niederge-schlagen. Er war indessen weniger vertrauensvoll alsSiglinde, das brachte schon sein Beruf mit sich; nachkurzem Ueberlegen setzte er folgendes Telegramm an einenin Köln wohnhaften Kollegen auf:

Bitte, sich bei der dortigen Brandinspektion zuerkundigen, in welchem Hotel ein am 21. ds. Mts.abends ausgebrochener Zimmerbrand durch die Feuer-wehr gelöscht wurde, und in betreffendem Hotel Nach-frage zu halten, ob in derselben Nacht ein Herr Jeskov. Harnisch daselbst übernachtet hat."

Am andern Vormittag traf die Antwort ein. DasKölner Hotel, in welchem der Brand stattgefunden, wardarin namhaft gemacht, und genaue Erkundigung beidem Besitzer hatte ergeben, daß Jesko von Harnisch ausNew-Iork vom 21. zum 22. ds. Mts. dort über Nachtgeblieben war.

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An demselben Tage, wo die Depesche von Köln anlangte, fand sich Herr von Harnisch im Bureau desNechtsanwalts ein, der aber gerade abwesend war.

Er müsse den Herrn Doktor in einer dringendenAngelegenheit sprechen, sagte der Amerikaner dem Schrei-ber, der ihn empfing; und lasse ihn bitten, die Stundeselbst zu bestimmen, auch wünsche er, daß FräuleinSchönaich bei dieser Unterredung ebenfalls anwesend sei.Er hinterließ seine Karte und den Namen des Hotels,in welchem er wohnte.

Volkmar schrieb nach seiner Rückkunft sogleich einigeZeilen an Siglinde, worin er sie von dem Wunsche desHerrn vou Harnisch unterrichtete und die Stunde derZusammenkunft festsetzte.

Pünktlich und fast gleichzeitig empfing er um diebestimmte Zeit den Besuch der beiden Clienten. Har-nisch war sehr ernst und in seinem Benehmen gegenSiglinde lag etwas rücksichtsvoll Theilnehmendes, wassie fast beängstigte, denn es erschien ihr wie eine Vor-bereitung auf einen Gegenstand, der zu ihrem altenKummer einen neuen hinzufügen werde.

Nachdem Harnisch sich dem Nechtsgelehrten vorge-stellt hatte, wobei Siglinde ihn durch einige einführendeWorte unterstützt, eröffnete er die Unterredung mit derFrage:Glauben Sie, Herr Doktor, daß eine Verur-thcilung des Herrn Schönaich nicht erfolgen kann, wenndringender Verdacht gegen einen Andereren vorliegt?"

Volkmar und Siglinde horchten auf.

Damit würde allerdings der Vertheidigung desAngeklagten eine scharfe Waffe in die Hand gegebensein, auf deren geschickte Benutzung Alles ankäme," ant-wortete der Advokat.Doch muß ich erst wissen, wel-cher Art der Verdacht ist."

Um zur Beantwortung dieser Frage zu gelangen,muß ich etwas weit ausholen und mich zunächst an