Ausgabe 
(2.2.1894) 10
Seite
61
 
Einzelbild herunterladen

zm

10. Ireitag, den 2. Februar 1894.

Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen ZnstitutS von HaaL L Grabhcrr in Augsburg (Borbesitzer Dr. Max Huttler) .

Auf Verwegener Wahn.

Kriminalnovclle von Gustav Höcker.

(Fortsetzung.)

Siglinde hatte über ihrem Schmerze alles Anderevergessen. Erst jetzt fiel ihr ein, zu fragen:Ist derGatte meiner Schwester auch ertrunken?"

Nein," gab Harnisch zur Antwort, und ein selt-sames Lächeln spielte um seinen Mund.Jmhoff hatsich gerettet. Ich selbst sprach ihn auf derSirene",welche uns nach Calais brachte. Ich bin ihm hier be-gegnet, obwohl er mich nicht bemerkte, und nach derBeschreibung Ihrer Dienerin war er jener Fremde, derzu Ihnen wollte, während Sie abwesend waren. Unddennoch steht sein Name nicht auf der Liste der Ge-retteten verzeichnet," fügte Harnisch mit Betonung hinzu.

Wahrscheinlich ist bei der Aufstellung der Listeein Versehen unterlaufen," meinte Doktor Volkmar,oderder Name ist in der Zeitung, in welcher Sie das Ver-zeichniß nachgelesen haben, durch die Unachtsamkeit desSetzers weggelassen worden."

Herr von Harnisch schüttelte sehr entschieden denKopf.Ich habe die Liste in französischen und deut-schen Zeitungen gelesen," entgegnete er,und überallfehlte der Name Jmhoff. Dennoch zählte ich stets ein-unddreißig Namen. Es kann sonach keinem Zweifelunterliegen, daß Jmhoff einen falschen Namen statt desseinigen angegeben hat, vielleicht denjenigen eines Er-trunkenen, um unter der falschen Maske"

Um unter der falschen Maske . wiederholteSiglinde gespannt, da Harnisch zögerte.

Ein Verbrechen zu begehen," ergänzte dieser.

Der Gatte meiner Schwester?" frug Siglindebetroffen.

Der Gatte Ihrer Schwester," nickte Harnisch.Wenn Ihren Herrn Vater sein unbescholtener Namenicht schützte, einer Blutthat beschuldigt zu werden,mit welchem Rechte sollte Jmhoff über den Verdacht einesVerbrechens erhaben sein."

Die Vergangenheit Jmhoff's ist durchaus nichtfleckenlos," fuhr Herr von Harnisch fort.Einer meinerMitpassagiere, ein sehr glaubwürdiger Mann, der ihnkannte, erzählte mir während der Ueberfahrt von Ncw-Jork, daß Jmhoff in früheren Jahren Pächter einerSpielhölle in Sän Francisco gewesen sei. Wer die amerika-nischen Verhältnisse kennt, der weiß, daß eine solcheCarriere eine Hochschule der Verbrechen ist."

Siglinde schauerte zusammen bei dem Gedanken,daß ihre Schwester an der Seite eines solchen Mannesgelebt haben sollte, über dessen Vergangenheit und Cha-rakter sie sich vielleicht durch eine gefällige Außenseitehatte täuschen lassen.

In Ihrer Gegenwart war es," fuhr HarnischenSiglinde fort,wo mich zum ersten Male der Gedankeeines schweren Verdachts gegen Jmhoff durchzuckte; seit-dem ist in zwei schlaflos verbrachten Nächten dieser Ver-dacht fast bis zur Gewißheit gewachsen."

Es trat eine Pause ein, während welcher der Rechts-gelehrte einige Male mit lebhaften Schritten das Zimmerdurchmaß.

Geben Sie zu, Fräulein Schönaich," nahm end-lich Harnisch wieder das Wort,daß Ihre SchwesterTante Nollenstein's Gewohnheit, ihr Geld in den ver-schiedensten Verstecken ihrer Wohnung aufzubewahren,gekannt habe?"

Gewiß," antwortete Siglinde;es war von dieserSeltsamkeit der Tante in unserer Familie oft genug dieRede. Aber warum fragen Sie mich dies?"

Um die Möglichkeit festzustellen," versetzte derAmerikaner,daß Ihre Schwester ihrem Gatten in ge-legentlichem Gespräch diesen Umstand mitgetheilt habenkönnte, ehe dieser selbst sich träumen ließ, daß er je inVersuchung gerathen werde, davon Nutzen zu ziehen."

Erstaunt heftete sich Siglindens Blick auf Harnisch'sLippen, ohne daß dieser weitergesprochen Hütte. Offen-bar wollte er, wie es dem Nechtsgelehrten schien, nichtrecht mit der Sprache heraus, getraute sich nicht, dasbisher nur dunkel Angedeutete in schonungsloser Klar-heit auszuführen, aus Furcht, Siglindens Gefühle zuverletzen, indem er den Verdacht einer mörderischen Thatzwar von ihrem Vater nahm, aber nur, um ihn auf dieSchulter ihres Schwagers zu wälzen. Er warf demDoktor einen Blick zu, als wolle er sagen: Helfen Siemir, Sie wissen ja gewiß, was ich meine. Dieser nickteihm verständnißvoll-zu und ergriff statt des Amerikanersdas Wort:

Gestatten Sie mir," wandte er sich an Siglinde,daß ich mit dem kalten Blute des Advokaten die Schluß-folgerung ziehe, auf welche Herrn von Harnisch's Ver-muthung und Beobachtungen hinauslaufen. Stellen Siesich Jmhoff's Lage vor: Seine Existenz ist vernichtet,da winkt seiner Frau eine Erbschaft in Deutschland, auf dem Wege dahin ertrinkt die Frau und mit ihr