Ausgabe 
(2.2.1894) 10
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sind seine Zukunftshoffnungen ebenfalls im Meerebegraben. Aber ein Mann, der schon ein Mal in einerkalifornischen Spielhölle zu Hause war, weiß das Glück-zu zwingen und schreckt vor nichts zurück. Aus demharmlosen Geplauder seiner Frau über Jugend undHeimath kennt er die Schrulle Ihrer Tante, ihre Schätzein ihrer Wohnung aufzubewahren, darauf gründet erseinen Plan, sich durch Raub und Mord zu ertrotzen,was ihm, so nahe schon dem Reiseziele, das neidischeGeschick entzog. Die Umstände begünstigen ihn in derHeimath seiner Frau weiß Niemand, daß er deren inalle Verhältnisse eingeweihter Gatte war, und um zurgrößeren Sicherheit seine Person gänzlich aus der Weltverschwinden zu lassen und für ertrunken zu gelten, gibter einen falschen Namen an, ein Beweis, daß er schonbei seiner Landung in Calais mit seinem Entschlüsse imReinen gewesen ist."

Siglinde hatte, während sie zuhörte, bald denSprechenden, bald Harnisch angeblickt und gesehen, wieder letztere dem Advokaten bei jedem Satze beistimmendzunickte.Sie vermuthen also, Herr Doktor," frug sie,daß der Gatte meiner Schwester"

Der Mörder Ihrer Tante sein könne?" vollendeteVolkmar.Ja!"

Ich selbst hätte meine Gedanken nicht klarer aus-sprechen können," antwortete Harnisch auf einen fragen-den Blick Siglindens,als Herr Doktor Volkmar eseben gethan hat."

Das Glück, welches wir ja oft auf der Seitedes Verbrechers finden, begünstigte den kühnen Plan,"fügte der Nechtsgelehrte hinzu.Jmhoff erspähte in derNähe der Methodistenkapelle die Gelegenheit, sein mör-derisches Vorhaben auszuführen, da findet er seinOpfer im Gespräch mit Ihrem Vater; als dieser sichentfernt hat, schreitet er zur That, und der Verdachtderselben fällt auf einen Unschuldigen."

Und glauben Sie, Herr Doktor," frug Siglinde,daß durch dieses neue Moment, welches wir Herrn vonHarnisch verdanken, mein unglücklicher Vater entlassenwerden kann?"

Ja, ich glaube es!" sagte Volkmar bestimmt undein aus tiefster Brust kommendes Aufathmen der Er-leichterung war Siglindens Antwort. Der Rechtsgelehrtewürde in seiner schönen Klientin keine so bestimmte Hoff-nung erweckt haben, wenn Harnisch's Aussagen sein ein-ziger Haltepunkt gewesen wären, obwohl ihre außer-ordentliche Wichtigkeit und Tragweite nicht unterschätztwerden durften. Allein Volkmar wußte mehr als Har-nisch und Siglinde, er besaß einen Schlüssel zu demGeheimniß, welches noch über dem Verbrechen schwebte,er vermuthete, daß Jmhoff in jenem englisch sprechendenBouquetkäufer gefunden sei, welcher die Schwester Rittersüber Frau Nollenstein ausgeforscht und sich dadurch ver-dächtig gemacht hatte. Doch behielt er dies für sich,denn es war sein Schachzug, Niemandem in seine ge-heimen Minengänge Einblick zu gestatten, selbst denjeni-gen nicht, in deren Interesse sie angelegt waren.

Es wäre vielleicht nicht überflüssig," wandte ersich in leicht hingeworfenem Tone an den Amerikaner,wenn Sie Jmhoff's Aeußeres beschreiben."

Betrachten Sie mich, Herr Doktor," gab Harnischzur Antwort,so haben Sie ungefähr Jmhoff's Sig-nalement, allerdings nur in allgemeinen Zügen."

Sie werden in dem Prozesse eine wichtige Zeugen-

rolle spielen," fuhr Volkmar fort.Nur fürchte ich,daß Sie als Schiffbrüchiger, der nur das nackte Lebengerettet hat, nicht mit den Legitimationen versehen seinwerden, durch welche Sie sich über Ihre Persönlichkeitausweisen müssen, um unseren Gerichten als einwands-freier Zeuge zu gelten."

Glücklicher Weise ist es mir gelungen," versetzteHerr von Harnisch,einen kleinen Handkoffer mit mirin das Boot zu retten, in welchem sich alle meine wich-tigen Dokumente befanden. Da ich sogar mit sämmt-lichen Papieren ausgerüstet bin, welche ein deutschesStandesamt zur Vornahme einer Trauung verlangt,"fügte er lächelnd hinzu, so dürfte ich dem Gerichte ge-genüber kaum in Verlegenheit kommen."

Volkmar warf einen Seitenblick auf Siglinde; diesewar jedoch in so tiefes Nachsinnen verloren, daß sie dieAnspielung Harnisch's gänzlich überhört zu haben schien.Ich kann mir nicht helfen," verlieh sie jetzt ihren Ge-danken Worte,ich muß mir die beiden, so unmittelbaraufeinander gefolgten Mordthaten immer im Zusammen-hang denken, obwohl es mir an einer Erklärung fehlt.Glauben Sie auch jetzt noch nicht an einen Zusammen-hang, Herr Doktor?"

Von welchem zweiten Morde sprechen Sie, Fräu-lein Schönaich?" frug Harnisch.

Von dem in dem sogenannten Kastanienwäldchen,welcher ganz auf die gleiche Weise wie derjenige anmeiner Tante begangen worden ist."

Ah! ganz recht," entsann sich der Amerikaner,ich las davon in den Zeitungen."

Nach den Eröffnungen, welche Herr von Harnischuns heute gemacht hat," erwiederte Volkmar auf Sig-lindens Frage,wäre ein Zusammenhang allerdingsdenkbar."

Während er sich mit der Hand über die hohe Stirnfuhr, als wolle er den Gedanken erst in sich zur Klar-heit kommen lassen, ruhten die Blicke der beiden Anderenerwartungsvoll auf ihm.

Vielleicht war der Ermordete einer der gerettetenMitpassagiere Jmhoff's," führte Volkmar aus,der ihmhier in den Weg lief und durch welchen er sein In-kognito gefährdet glaubte. Um sich von dem Unbeque-men zu befreien, schaffte er ihn bei günstiger Gelegen-heit einfach bei Seite."

Weder dem Rechtsanwalt noch Siglinden war esentgangen, daß bei diesen Worten sich über Harnisch'sGesicht plötzlich leichenhafte Blässe verbreitet hatte. Erwar sich dessen bewußt, und indem er zu fühlen schien,daß er darüber eine Erklärung schuldig sei, sagte erlächelnd:Sie mögen mich für schwach halten, aber beidem Gedanken, daß das gleiche Schicksal auch mich hättetreffen können, der ich von allen Mitpassagieren Jmhoff'swohl der ihm gefährlichste bin, überlief mich ein Schauder."

Hat denn übrigens die Kriminalpolizet noch nichtsüber diesen zweiten Mord herausgebracht?" fuhr Herrvon Harnisch fort.

Ich weiß darüber nicht mehr, als was in denZeitungen steht," versetzte der Nechtsgelehrte.Es hatsich Jemand gemeldet, der in jener Nacht einen Mannmit einem Bündel unter dem Arme, in welchem sich dieKleider des Ermordeten befunden haben könnten, vondem Kastanienwäldchen hat herkommen und den Wegnach dem nahen Stromufer einschlagen sehen. EinigeVerdächtigscheinende, die getragene Männerkleider und