Ausgabe 
(2.2.1894) 10
Seite
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Uhren versetzt und verkauft haben, find verhaftet, aberauch schon wieder in Freiheit gesetzt worden."

Der Amerikaner erhob sich, da eine gewisse Unruheim anstoßenden Bureau verrieth, daß bereits neue Klien-ten warteten.

Ich danke Ihnen, Herr von Harnisch, für diewichtigen Aufschlüsse, welche Sie uns gegeben haben unddie Ihrem Scharfsinn alle Ehre wachen," sagte Volkmarbeim Abschiede.Im Uebrigen brauche ich wohl nichterst hinzuzufügen," wandte er sich zugleich mit an Sig-linde,daß Alles, was wir heute verhandelt haben,streng unter uns bleiben muß."

Während Harnisch sich mit einer Verbeugung gegenden Rechtsgelehrten und Stglinde verabschiedete, wardie Letztere ebenfalls aufgestanden, um dem Beispieledes Amerikaners zu folgen.

Fräulein Siglinde," sagte Volkmar, als beideallein waren, in warmem Tone und drückte ihr dieHand,lassen Sie mich jetzt nachholen, daß ich an demunglücklichen Schicksale Ihrer Frau Schwester und anIhrem Schmerze den innigsten Antheil nehme. Ich fandvorhin nur keine Gelegenheit, Ihnen dies zu erkennenzu geben, da Herr v. Harnisch es als ein Vorrecht fürsich selbst in Anspruch nahm."

Siglinde errieth leicht, was er damit meinte.Ichkann nicht in Abrede stellen," anwortete sie, die Augenzu Boden gesenkt,daß der unschätzbare Dienst, welchenHerr v. Harnisch der Sache meines armen Vaters leistet,ihm Vorrechte erwirbt, denn ich habe ihm als Preis fürdie Rettung meines Vaters meine Hand zugesagt."

Es ist Ihnen dies wohl nicht schwer geworden?"frug Volkmar im Tone eines leisen Vorwurfs, währendein Zug bitteren Schmerzes sich um seinen Mund legte.

Für meinen Vater ist mir kein Opfer zu groß,"entgegnete Siglinde,unterschätzen Sie aber das WortOpfer nicht, denn indem ich ein solches bringe, gebieteich meinem Herzen ein schmerzliches Schweigen."

Sie hatte das Auge zu ihm erhoben und in ihremBlicke, über den sich schnell wieder die langen schwarzenWimpern senkten, lag das süßeste Geständniß und zu-gleich die schmerzlichste Entsagung.

SiglindeI" rief Volkmar feurig und mit mühsamgedämpfter Stimme,sollte ich Sie recht verstandenhaben? Sie rauben mir in demselben Augenblicke denHimmel, wo Sie mir ihn ausschließen."

O! erschweren Sie mir mein Opfer nicht nochmehr!" bat das schöne Mädchen, während eine dunkleNöthe sich bis unter das Gold ihrer Haare ergoß,undlassen Sie hiervon zwischen uns nie wieder die Redesein. Leben Sie wohl!"

Er drückte ihre kleine Hand an sein Herz und preßteeinen heißen Kuß darauf.

Erst als einer der Schreiber ihm einen neuenKlienten meldete, bemerkte er, daß er allein war, und

schien auS einem tiefen Traume zu erwachen.

* *

(Fortsetzung folgt.)

Gol-Körirrr.

Verwandte Seelen knüpft der AugenblickDeS ersten Sehens mit diamantenen Banden.

Shakespeare .

Der berühmte Z....

(Schluß.)

Wenn es auch nur wäre," fuhr ich fort,um zuerfahren, was Sie von meinem Buche denken, und obSie die Güte gehabt haben werden, nachdem Sie esgelesen, Ihrem Herrn Onkel ein freundliches Wort darüberzu sagen."

Sie brach in ein reizendes, wohllautendes, ent-zückendes Lachen aus. Nein, wie war sie hübsch!Siescherzen!" sagte sie endlich.Mir wird Ihr Besuch wohlnicht gelten."

Warum nicht? Nun, Sie werden schon sehen.Ueberlassen Sie das mir und versprechen Sie mir nur,daß Sie bis dahin den nicht vergessen werden, der ewigan ihre entzückende Anmuth und Schönheit denken wird." Sie war zu klug, um nicht zu merken, daß meineWorte aufrichtig gemeint waren, nicht dumm genug, umsich zu ärgern, denn trotz der Kühnheit meiner Siedenwar meine ganze Haltung sehr ehrerbietig. Daß sieübrigens das Kokettiren meisterhaft verstand, sah ich wohl«In dieser Kunst konnte ich von ihr lernen. Bald amü-sirten wir uns so prächtig zusammen, daß ich die Aka-demie und die Akademiker, selbst den, der da so lautin seiner Ecke schnarchte, völlig vergessen hatte. Wirplauderten von tausenderlei Dingen, von Paris und vonBurgund ; von den Theatern und von der Jagd; vonder Herzogin von Champrive, die sie sehr genau zukennen schien, aber über die sie mit vornehmer Zurück-haltung sprach. Endlich wagte ich mit der Kühnheitmeiner zwanzig Jahre, sie nach ihrem Namen zu fragen.

Sie antwortete mit entzückender Naivetät:FelicieLegerot."

Ihr Herr Onkel ist also nicht ein Bruder IhresHerrn Vaters," bemerkte ich,da Sie nicht seinen Namentragen?"

Was soll ich weiter sagen? Diese Reise glich einemköstlichen Traum. In Tonnerre, wo der Zug um dieFrühstückszeit hielt, hatte ich die Ehre, sie an das Büffetzu begleiten, denn der berühmte Z . . . klagte überfurchtbare Migräne und wollte nicht aussteigen. DerVortreffliche! Ich bediente seine Nichte mit einem Eifer,als sei sie eine Königin.

Als ich in Dijon ausstieg meine Reisegefährtenfuhren noch weiter bis Beaune , hatte ich allerdingsfür meine literarische Zukunft nicht viel gewonnen; abermit dem Siege, den ich im Herzen der schönen Felicieerrungen, durfte ich wohl zufrieden sein. In dem 4100Meter langen Tunnel von Blaisy hatte ich ihre kleinen,in stark parfümirtem Ziegenleder steckenden Händchenmit tausend Küssen bedeckt und ihr mit leidenschaftlichemHändedruck einAuf baldiges Wiedersehen!" zugeflüstert.

Aber das ist unmöglich!" hatte sie ohne Zorn er-wiedert.Nein, machen Sie keinen Versuch, mich wieder-zusehen, Herr Lejeune."

Jetzt war die Reihe zu lachen an mir.Aber habenSie denn nicht errathen, daß Lejeune nur mein Schrift-stellername ist?"

. Darauf hatte ich meine Lippen ihrem rosigen, kleinenOhre genähert^ vielleicht etwas näher, als es die Etiketteerlaubte, und hatte meiner Nachbarin den Titel und denstolzen Namen, die ich von meinen Ahnen geerbt, an-vertraut. Unter andern Umständen wäre Felicies Ant-I Wort meinem Schriftstellerstolz kränkend erschienen.

--SÄNNST-