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„Ich habe schon lange gedacht, daß Sie nicht wieein Schriftsteller aussehen," hatte sie gesagt. .
Endlich war der Onkel aufgewacht. Aber aus einemmir unverständlichen Grunde hatte seine Nichte sich ge-weigert, mich ihm förmlich vorzustellen, und es war mirsogar so vorgekommen, als wundere sie sich sehr darüber,daß ich es durchaus wollte.
Da dieser berühmte Z ... ein sehr einfacher, überdie dummen Vorurtheile der Etikette erhabener Mannzu sein schien, hgtte ich mich, als der Zug anhielt, ge-nähert und gesagt:
„Atem Herr und theurer Meister, ich habe es nichtgewagt, den Schlaf eines Mannes von Ihrer Geistes-größe zu stören. Erlauben Sie mir nun, Ihnen meinenlebhaften Wunsch, bald bei der Herzogin Ihnen vorge-stellt zu werden, auszusprechen. Sie ahnen nicht, daßSie einen Bittsteller vor sich sehen."
Er schien im höchsten Grade erstaunt, antworteteaber in sehr gemüthlicher Weise, ohne sich viel darum zukümmern, ob er mich verstanden:
„Mein Herr, wenn Ihre Bitte etwas betrifft, daszu meinem Fach gehört, so können Sie auf mich rechnen."
Wir hatten uns dann mit einem herzhaften Hände-drucke getrennt.
Es wird meinen Lesern gleichgiltig sein, wie ich eszu Wege brachte, in der folgenden Woche bei der Herzoginvon Champrive eingeführt zu werden, die mich mit derihr eigenen Liebenswürdigkeit zum Frühstück einlud.
Alle Welt kennt ja, wenigstens der Beschreibungnach, das herrliche, im reinsten Renaissancestil gebaute,noch wohlerhaltene Schloß von Champrive. Die Herzogin,eine majestätische Blondine nahe den Vierzigen, brauchte,um ihr Alter zu vergessen, nur ihren Anbetern zu glaubenund in ihren Spiegel zu blicken, zwei Dinge, die sieauch noch heute gern thut.
Was mich anbetrifft, so dachte ich zu viel an Felicie,um die Reize einer andern Dame zu beachten. Aberwie groß war meine Enttäuschung, als wir zu Tischegebeten wurden, und ich unter den Gästen weder sie,noch ihren Onkel vorfand. Was war denn vorgefallen?Felicie hatte mir doch gesagt, daß sie den ganzen Herbstbei der Herzogin zubringen werde.
Eine Pause im Gespräche benutzend, sagte ich:
„Ihr berühmter Freund Z . . . hat Sie schon ver-lassen, Frau Herzogin? Ich hoffte, ihn hier zu treffen."
„Er ist in diesem Jahre nicht zu uns gekommen.Sie kennen ihn?"
„Gerade genug, um ihm ein Buch zu widmen, wel-ches ..."
„Ach ja, eben fällt es mir ein. Sie sind ja Schrift-steller. Mein Freund Z ... hat mir ihr Buch geliehen,es mir als das Werk eines Landsmannes empfohlen.Ich habe es gelesen. Es ist charmant."
Arme Frau! Gott verzeihe ihr die Lüge! Aber indem Augenblick beachtete ich diese kaum.
„Wie? Herr Z ... ist nicht gekommen? Ich habedoch die Reise mit ihm gemacht. Er und seine Nichtehatten die Absicht, Sie zu besuchen."
„Seine Nichte?"
„Ja, Frau Herzogin. Sie liebt Sie sehr. Einereizende, ausgezeichnete junge Dame."
„Eine Nichte von Z . . .! Wissen Sie ihrenNamen?"
„Mademoiselle Felicie Legerot."
Die Herzogin warf mir einen niederschmetterndenBlick zu. Der Herzog betrachtete mich verstohlen miteiner ganz possierlichen Miene. Zufällig siel mein Blickauf das Gesicht des Haushofmeisters, der sich gerade mirgegenüber befand, und ich las auf dem Antlitze diesesWürdenträgers einen Ausdruck so tiefer Bestürzung, daßich wohl merkte, ich hätte einen furchtbaren und unver-besserlichen Schnitzer gemacht; unverbesserlich, da ich nichtdie leiseste Ahnung hatte, worin ich gefehlt.
Es entstand eine Pause, dann fing man an, vonandern Dingen zu reden. Im ersten Augenblick warich entschlossen, meinen Mund nicht mehr aufzuthun,auch zum Essen nicht, denn mein Appetit war völligverschwunden. Wenn es von meinem Willen abgehangenhätte, wäre jetzt ein Feuer im Schlosse ausgebrochen,damit ich in dem Tumulte unbemerkt hätte davonlaufenkönnen. Aber Flucht war unmöglich. Ich mußte dasEnde der Mahlzeit abwarten und mich stellen, als fändeich die Unterhaltung unendlich angenehm. Ich durftemich in den Saal begeben und aus den Händen dieserstolzen Juno eine Tasse Kaffee annehmen. Sie umetwas Zucker zu bitten, wagte ich nicht, aus Angst, nocheinmal ihren verächtlichen Blicken zu begegnen. Endlichkam die letzte Prüfung. Man bot einigen Pariser Gästenund mir an, das Schloß zu besehen. Nach diesem Rund-gange hoffte ich, nach meinem Wagen fragen zu dürfen,um zu meinen Penaten zurückzukehren. Vielleicht würdefrüher oder später irgend ein Zufall offenbaren, welchenMißgriff ich begangen.
Er ließ nicht lange auf sich warten, dieser Zufall!
Als wir in die Küchenräume hinabstiegen, ich ander Seite der Herzogin (man wird mich nie glaubenmachen, daß sie das nicht absichtlich eingerichtet hatte),wen erblickte ich da in dem riesigen, gewölbten, vonPfeilern getragenen Raume, der wie eine Krypta aus-sah? Wen sah ich in einer weißen Jacke, einer weißenSchürze, einer weißen Mütze an dem riesigen Herde?Keinen Andern als meinen berühmten Z . . ., denAkademiker, noch röther, nockf dicker aussehend, als imEisenbahnconps, aber diesmal nicht schlafend, sonderneinen Aspic von Geflügel zum Diner garnirrnd.
Und wen sah ich durch eine andere Thür Herein-treten, mit einer koketten weißen Schürze angethan, eineTheemaschine in den Händen, die sie wohl mit kochen-dem Wasser füllen wollte? O du meine Güte! FelicieLegerot in eigener Person! Diese junge Unbekannte, dieich in Tonnerre so eifrig bedient hatte, deren Hände ichmit so unbesonnener Leidenschaft in dem Tunnel vonBlaisy geküßt hatte, war die Kammerjungfer der Her-zogin. Und mein vermeintlicher berühmter Z . . . warder Küchenchef, dessen Werke ich eben verspeist hatte.Und die „Unglückliche Liebe", die Ursache all dieser Ver-wirrung, hatte Felicie heimlich aus dem Zimmer ihrerHerrin genommen. Seht, junge Schriftsteller, was ausden Büchern wird, die Ihr der großen Welt darbringt!
Wir Drei, Felicie, ihr Onkel und ich, müssen sehrkomisch ausgesehen haben, als wir uns erkannten, denndie Herzogin brach, trotz all ihrer Würde, in ein solchesGelächter aus, daß sie sich an einen der Pfeiler stützenmußte. Felicie, das freche Geschöpf, flüchtete ins Neben-zimmer, und dort hörte ich sie so unsinnig lachen, daßich meinte, sie werde ihren Geist aufgeben.
Zwölf Jahre sind seitdem vergangen, aber in Cham-prive hat Niemand mich wiedergesehen. In Paris bin