Ausgabe 
(2.2.1894) 10
Seite
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ich der Herzogin ein paar Mal in Gesellschaft begegnet,aber ich hoffe, daß sie mich nicht erkannt hat. Jeden-falls, wenn es der Fall war, war es nicht durch meineSchuld.

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Die Parität in der Reichsstadt Augsburg .

(Nachdruck verboten )

B.. H. Seit dem gewaltthätigen Sturze des Kammer-präsidenten Slavada und des Burggrafen Martiniz am23. Mai 1618 aus dem Schloßfenster zu Prag in denachtzig Fuß tiefen Graben waren kaum 14 Jahre ver-flossen, und sie genügten, einen großen Theil des deutschenReiches, noch vor hundert Jahren die Wohnstätte einesin allen Zweigen der Gesittung sich auszeichnenden Volkes,in eine Wüste zu verwandeln. In den durch die Hufeder Schlachtrosse zerstampften Getreidefeldern und in dendurch verwilderte Kriegshorden der Stöcke beraubten Wein-bergen wucherte nichts als Unkraut, und Brandreste inMauertrümmern bezeichneten die Stelle, wo vormals derSandmann und der Weingärtner hausten. Schlösser undAbteien waren nur Ruinen und die Kunst- und Bücher-schätze, die ihre Säle bargen, waren verbrannt oder ver-schleppt. Auf den verödeten Landstraßen bewegte sich keinLastwagen, denn es gab keinen Handel, und kein Wan-derer, der sein Leben schätzte, wagte sich vor das Thorder Stadt. Hundertköpfige Haufen unglücklicher Menschenschwärmten durch geistliche und fürstliche Gebiete, mit Bet-teln und Stehlen oder als Räuber und Mordbrenner ihrelendes Dasein fristend. Nicht minder trostlos sah es invielen Städten aus. Belagerungen im Wetteifer mitSeuchen und Hunger vernichteten eine blühende Einwohner-schaft und brachten die Ueberlebendcn an den Bettelstab,und es lösten sich alle Bande der Ordnung. Häufig strittder Bürger gegen den Bürger, denn alle erfaßte Miß-trauen, Neid und Verfolgungssucht, erzeugt durch die kirch-lichen Wirren und genährt von jeder Partei, welche ge-rade zur Herrschaft gelangte.

Jetzt wälzte sich das unheilvolle Gewitter vom Nordenher über die Donau und im April 1632 kündete sich derAusbruch des Sturmes über der Reichsstadt Augsburg an.Binnen drei Jahren fiel ihm das Leben des vierten Theilsder Bürgerschaft zum Opfer, die Armuth ging nur anwenigen Häusern vorüber und 8 Millionen Gulden ver-schlang die sogenannte Schwedenzeit aus den öffentlichenKassen.

Allenthalben wuchs die Noth und der Jammer in'sGrenzenlose und eine jede Partei im Lande sehnte sichnach Ruhe. Gerne bot Kaiser Ferdinand III., seit 1637des Reiches Oberhaupt, die Hand znr Versöhnung, alleiner vermochte Frankreich und Schweden dafür nicht zu ge-winnen. In gleicher Weise verlief erfolglos der 1640nach Negeusburg einberufene Reichstag. Auf demselbenkam zum Erstenmale die Parität für Augsburg zur Sprache.

Dr. jur. Johann David Herwart, ein Patrizier undvormals Stadtvogt, von der evangelischen Bürgerschaftauf ihre Kosten dorthin abgeschickt, brachte 36 Grava-miua und Wünsche mit, darunter das Verlangen:essollte aller Billigkeit nach der Rath und die Stadtämter,der große Rath und das Stadtgericht nebst der Kanzleihalbiert werden." Der vom Geheimen Rath 1636 alsStadtkanzler angenommene Dr. jnr. Leuxelring bestrittbei den Stünden die Nothwendigkeit und Zweckmäßigkeiteiner solchen Theilung und diese kamen wegen der höchst

wichtigen Angelegenheiten des ganzen Reiches nicht dazu,mit den Bedürfnissen einer einzigen Stadt sich zu be-fassen. Der vorsichtige und unermüdliche Anwalt Herwartgab jedoch eine sxaoiss trurti zu den Akten, welche derRath mit keiner Gegendeduction beantwortete, worüberdann Leuxelring, die Bedeutung des Schrittes seines Geg-ners wohl erkennend, nach HauS schrieb:ich sorge, eswerde große Diffikultäten geben."

Ehe das Jahr 1641 zu Ende ging, gelang es demKaiser, die Kronen Frankreich und Schweden zu bestim-men, auf Friedenspräliminarien zu Hamburg sich einzu-lassen, welche 1644 zu den allgemeinen Friedensunter-handlungen zu Münster und Osnabrück führten. Leidertobte dessenungeachtet der Krieg fort, der noch zweimalüber Augsburg großes Unglück brachte. Im September1646 rückte die schwedisch- französische Armee vor die Reichs-stadt und beschoß sie von Osten und Westen neunzehnTage lang, und 1647 verwüstete ein Streifkorps derselbenHeerführer die ganze Umgegend. In Münster, wo derKaiser mit den fremden Mächten tagte, und in Osna-brück, wo die kaiserlichen, reichsständischen und schwedischenGesandten, jedoch in steter Verbindung mit den Potentaten,berathschlagten, spielten nicht ohne Einfluß des wechselndenKriegsglücks die augsburgischen Verhältnisse keine unter-geordnete Rolle.

Aus den Beredungen mit mehreren Ständen undGesandten glaubte Or. Herwart auf einen günstigen Ver-lauf seiner durch 478 Unterschriften der ansehnlichstenevangelischen Bürger unterstützten Bestrebungen hoffen zudürfen. Er sah Kursachsen und Brandenburg an seinerSeite, die Schweden sagten ihm zu, von der Parität sichnicht abwendig machen zu lassen, und einige Fürsten weigerten sich, den Or. Leuxelring als den Prokuratordes Raths anzuerkennen, er führe nur für die Katholikendas Wort, es sei aber Augsburg eine evangelische Stadt,in welcher, wie ihnen glaubhaft berichtet worden, 1635unter 16,432 Männern, Weibern und Kindern 12,017Evangelische und nur 4415 Katholiken sich befanden undnach der Zählung am 25. August 1637 von 4453 Bür-gern im Alter von 16 bis 60 Jahren 2989 der evan-gelischen und 1464 der katholischen Kirche angehörten,ein Verhältniß, das noch jetzt bestehe, denn am 3. August1645 zählte man 19,960 Personen, worunter 4987 wehr-hafte Männer, welche 13,790 bezw. 3368 evangelisch und6170 bezw. 1619 katholisch seien. Um so überraschenderwirkte daher die Rede des Frankfurter NathsconsulentenDr. Zacharias Stenglin, der gleichzeitig die evangelischePartei Augsburgs in der Conferenz durch Vollmacht ver-trat:dieselbe habe die Parität in kolitiois nie be-sessen, suche sie auch nicht, mit Ausnahmeetlicher ge-wisser Partikuliers", weil sie für andere Reichsstädte eingroßes Präjudicium verursachen würde, ihr Petitum gehenur auf die Restitution der Zustände, wie solche vor derReformation 1629 durch Ferdinand II. bestanden hatten."Dieser Vertrag machte mehrere Stände schwankend, undwenngleich Herwart sogleich, im März 1647, eine Wider-legung einreichte, so war nicht sie die Ursache, daßdie kaiserlichen Commissäre sich erstmals den Evangelischengünstiger zeigten, sondern der Abfall des KurfürstenMaximilian von Ferdinand III. und dir Eroberung vonBregenz durch die Schweden. Geängstigt durch Frankreichs gesteigerte Forderungen, gab Wien durch feine Bevoll-mächtigten in Münster zu erkennen:die evangelischenBürgerschaften in den Städten Augsburg, Viberach,