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Ireilag, den 9. Februar
L894ä
Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg (Vorbegtzer vr. Max Huttlcr).
Auf verwegener ISahn.
Kriminalnovelle von Gustav Höcker .
(Fortsetzung.)
Etwa acht Tage nach diesem Besuche SIglindenshatte diese sich von Volkmar verabschiedet und die Reisenach London angetreten, um ihre kleine Nichte abzuholen.Herr von Harnisch war wiederholt dagewesen, ohne denviel beschäftigten Advokaten zu Hause zu treffen, dochstellte sich, als dieser ihn deshalb endlich in feinem Hotelaufsuchte, heraus, daß er nichts Besonderes auf demHerzen hatte, sondern nur ungeduldig war, zu erfahren,ob Volkmar auf Grund des ihm an die Hand gegebenenMaterials schon Resultate erzielt habe. Der Nechts-gelehrte, welcher, wie wir wissen, Niemanden in seineKarten blicken ließ, antwortete ausweichend und wiesdarauf hin, daß bis zur nächsten Schwurgerichtsperiode,wo der Proceß Schönaich zur Verhandlung kommen sollte,noch vollauf Zeit sei. Inzwischen ließ er sich keineNummer des Generalanzeigers entgehen, denn so balddie bekannte Chiffre wieder darin erscheinen werde, wollteer einen entscheidenden Schritt thun. Es war in derGeheimcorrcspondenz eine auffallend lange Pause ein-getreten und bereits begann dieselbe dem Advokaten pein-lich zu werden, als endlich, kaum acht Tage nach Sig-lindens Abreise, das ersehnte Stichwort wieder
vor Volkmar's suchendem Auge auftauchte.
Der geheimnißvolle Avis, der sich an diese Losungschloß, lautete diesmal folgendermaßen: '
„Bin wieder zurück. Alles gut. — 2 Uhr, Kleist-Breitestraße." Also eine Abwesenheit war die Ursacheder langen Pause gewesen; da zu vermuthen stand, daßdie Parole „Lui^stt" beiden Interessenten als gegen-seitiges Erkennungszeichen diente, so blieb die Frageoffen, wer der anwesend gewesene Theil war, ob Annaoder ihr Galan. Doch dies war für den Augenblickvon untergeordneter Bedeutung. Volkmar sandte einenseiner Schreiber in Siglinden's Wohnung und ließ derenDienerin, Martha, die ihre Herrin nicht auf der Reisebegleitet hatte, zu sich bitten.
Das Mädchen kam gleichzeitig mit dem zurück-kehrenden Boten. Sie wußte, daß Doktor Volkmar dieSache ihres unglücklichen Herrn führte, und dachte sich,daß sie irgend eine damit zusammenhängende wichtigeFrage beantworten sollte.
„Gewiß erinnern Sie sich noch des fremden Herrn,"
redete der Advokat sie an, „welcher an dem Tage, woHerr Schönaich verhaftet wurde, diesen hat sprechen wollen,aber nicht mehr zu Hause antraf."
Martha bejahte sehr bestimmt.
„Glauben Sie, daß Sie ihn sogleich wiedererkennenwürden, wenn Sie ihm auf der Straße begegneten?"
„Ei, ganz sicher, Herr Justizrath," nickte Martha,„ja sogar unter tausend Anderen. Wenn ich mit Jemandnur ein einziges Mal gesprochen habe, weiß ich so genau,wie er aussieht, daß ich ihn malen könnte."
„Um so besser," bemerkte der Advokat. „Nun gebenSie Acht, was ich Ihnen sagen werde. An der Ecke derKleist- und Breitestraße befindet sich eine Haltestelle derPferdccifenbahn. Dorthin begeben Sie sich heute Nach-mittag Punkt 2 Uhr, aber keine Minute später. Umdiese Zeit werden sich an dieser Ecke ein Herr und eineDame treffen und wahrscheinlich den nächsten Pferdebahn-wagen besteigen. Ueberzeugen Sie sich genau, ob derHerr jener Fremde ist, der ..."
„An jenem Unglückstage zu Herrn Schönaich wollte,"ergänzte das Mädchen verständnißvoll.
„Ganz recht. Damit Sie Ihrer Sache auch sichersind und Zeit haben, sich den Herrn ordentlich anzusehen,steigen Sie ebenfalls in den Wagen und fahren so weitmit, als Sie es für nöthig halten, um sich gründlich zuüberzeugen."
„Und die Dame, die mit dem Herrn zusammentreffenwird?" frug Martha, „ist sie groß oder klein?"
„Die Dame," antwortete Volkmar, „ist in IhrerGröße, schlank gewachsen, ohne mager zu sein, nicht mehrganz jung, aber immerhin hübsch. Ihr Gesicht ist, wasman pikant nennt."
„Ich verstehe."
„Sie hat große, feurige, schwarze Augen und ebensodunkles Haar, welches sie auf der Stirne genau so trägt,wie Sie das Ihrige. Beobachten Sie das Paar währendder Fahrt, lassen Sie sich aber ja nichts davon merkenund zeigen Sie namentlich dem Herrn Ihr Gesicht sowenig wie möglich, denn es wäre fatal, wenn er Siewiedererkennt. Also vorsichtig! hören Sie?"
„Seien der Herr Justizrath nur ganz unbesorgt.Wir sind nicht aus Dummsdorf!" entgegnete das Mäd-chen mit der Keckheit, welche das Bewußtsein einer wichti-gen Mission verleiht, und dabei schien, nach ihrem necki-schen Mienenspiele zu schließen, plötzlich ein schlauer Ein-fall in ihr aufgeblitzt zu sein.