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„Es versteht sich von selbst, daß Sie mit Niemandüber die Sache sprechen, sondern das strengste Geheimnißbewahren," fügte der Advokat mit einem so durchbohren-den Blicke auf das Mädchen hinzu, daß dasselbe unwill-kürlich einen Schritt zurücktrat und die Hand betheuerndauf's Herz legte. „Sobald Sie Ihren Auftrag ausge-führt haben, kommen Sie wieder zu mir, um mir darüberzu berichten."
Nachdem Martha, ganz von der hohen Bedeutungihrer Mission erfüllt, sich mit einem tiefen Knix empfoh-len hatte, gab Volkmar seinen Schreibern Auftrag, ihmdas Mädchen, sobald es sich wieder einfinden werde,sogleich zu melden.
Um die Nachmittagsstunde, wo er Martha jedenAugenblick von ihrem Unternehmen zurückerwarten durfte,begann sich Volkmar's eine prickelnde Unruhe zu bemäch-tigen. Von den Lippen eines einfachen Dienstboten sollteer nun hören, ob feine Combinationen richtig waren,ob jener schattenhafte Doppelgänger, nämlich der „Eng-länder" Anna's und der fremde Besucher Schönaich's,hinter welchem sich nach Harnisch's Ueberzeugung Jmhoffverbarg, sich wirklich als eine und dieselbe Person aus-weisen würde, und ob er sich nicht überhaupt durch einSpiel des Zufalles hatte täuschen lassen, indem er dasenglische Wort im Generalanzeiger für Anna Nitter'sanglisierten Namen hielt und dem Umstände, daß derenzweimalige Abwesenheit sich mit der Stunde des Stell-dicheins deckte, allzu großes Gewicht beigelegt hatte.Seine Unruhe nahm derart überhand, daß er keine Aufmerk-samkeit mehr für seine Arbeit hatte, sondern oft aufstand,um einige Schritte durch's Zimmer zu machen oder an'sFenster zu treten und an die Scheiben zu trommeln.Da sah er plötzlich draußen eine Droschke vorfahren;neben dem Kutscher auf dem Bock befand sich einNeise-korb, aus dem Innern stieg eine Dame, in welcher er,so rasch und schemenhaft auch ihre Gestalt vor seinemBlicke aufgetaucht und wieder verschwunden war, dennochSiglinde zu erkennen glaubte. Die Droschke wartete;offenbar kam Siglinde unmittelbar von der Reise undwollte auf dem Wege vom Bahnhöfe nach ihrer Wohnungbet Volkmar vorsprechen.
Er ging ihr entgegen, und kaum hatte er die Thürdes Vorzimmers geöffnet, als er Siglinde in bestaubterNeisekleidung vor sich sah. Herzlich von ihm Willkomm-net, trat sie in das Sprechzimmer. In ihren Mienendrückte sich große Niedergeschlagenheit aus.
„Sie kommen, wie es scheint, allein zurück? Ohnedas Kind Ihrer Schwester?" frug Volkmar. „Ist derKleinen etwas zugestoßen?"
„Sie ist spurlos verschwunden!" war Siglindensüberraschende Antwort.
„Verschwunden?!" wiederholte der Rechtsgelehrteerstaunt und betroffen. „Wann ist das geschehen?"
„Drei Tage vor meiner Ankunft in London, " ant-wortete Siglinde.
„Hat Frau Webster, welcher das Kind anvertrautwar, auf Sie den Eindruck einer rechtlichen Person ge-macht?" erkundigte sich Volkmar.
„In jeder Hinsicht. Ich fand sie noch ganz unterdem Eindrucke des Schreckens und der Bestürzung."
„In welchen Beziehungen stand sie zu IhrerSchwester? War ihr Jenny durch Jmhoff oder durchIhre Frau Schwester übergeben worden?"
„Frau Webster hatte in der Zeitung annoncirt,
daß sie ein Kind in Pflege zu nehmen wünsche. Daraufhin meldete sich meine Schwester und vertraute ihr Jennyan. Bei diesem Besuche befand sie sich in BegleitungJmhoff's. Als sie dann noch einmal kam, um von ihremTöchterchen Abschied zu nehmen, befand sie sich allein.Bei dieser Gelegenheit trug sie Frau Webster auf, ihretwaige briefliche Mittheilungen über das Kind vorläufigpostlagernd zu machen."
„Und auf welche Weise verschwand Jenny ?" forschteder Rechtsgelehrte weiter.
„Frau Webster ist eine Witwe, die in ziemlichdürftigen Verhältnissen, zum Theil von Ztmmervermiethcnlebt," erzählte Siglinde. „Eines der Zimmer stand geradeleer und in Folge der an der Hausthüre angeheftetenVermiethungsanzeige fand sich eine Dame ein, mietheteein Zimmer und bezog es noch an demselben Tage. DieDame war sehr anständig gekleidet und von freundlichem,einnehmendem Wesen; sie zahlte eine halbe Monatsmiethevoraus, daher Frau Webster sich darüber, daß sie keinGepäck mit sich führte, sondern dasselbe erst erwartete,nicht beunruhigte. Vom ersten Augenblicke an schien dieneue Mietherin großes Wohlgefallen an Jenny gefundenzu haben, sie liebkoste das Kind, brachte ihm von ihremAusgange kleine Geschenks mit, behielt es stundenlangauf ihrem Zimmer, um mit ihm zu plaudern, und hattesich schnell auch die Zuneigung des Kindes erworben.Am zweiten Tage bat sie sich von Frau Webster dieErlaubniß aus, Jenny in eine nahegelegene Konditoreizu führen. Frau Webster fand darin nichts Unrechtes,kleidete Jenny an und blickte wohlgefällig dem fröhlichan der Hand der Dame hüpfenden Kinde nach, bis sieBeide in die Konditorei treten sah . . . Die Dame istmit Jenny nicht wieder zurückgekehrt. In der Konditoreihaben sich Beide eine Viertelstunde aufgehalten, und manhat nur noch gesehen, daß die Dame beim Verlassen desLokals draußen ein vorüberfahrendes Cab anrief, das-selbe mit der Kleinen bestieg und rasch davonfuhr."
„Alle polizeilichen Recherchen sind bis jetzt erfolg-los geblieben," fuhr Siglinde fort. „Man sagte aufdem Polizeioffice, daß mein längeres Verweilen über-flüssig sei, und gab mir die Zusicherung, mich soforttelegraphisch zu benachrichtigen, sobald sich nur eine Spurdes Kindes oder seiner Entführerin finden würde."
„Haben Sie sich das Aeußere der Dame beschrei-ben lassen?" frug Volkmar.
„Frau Webster hielt sie für eine Ausländerin, dasie das Englische mit fremdem Accent sprach," ant-wortete Siglinde. „Von Gestalt war sie —"
An der Thür des Sprechzimmers wurde ein Klopfenhörbar; ein Schreiber streckte seinen Kopf herein. „Wennes Ihnen gefällig wäre, Herr Doktor," sagte er.
Martha war also zurückgekehrt. Volkmar fühltesich wie zwischen zwei Kreuzfeuern. Siglinde merkteihm an, daß er sich in großer Unruhe befand, und er-suchte ihn, sich durch ihre Anwesenheit von seinen Ge-schäften nicht abhalten zu lassen.
Mit der Bitte, ihn auf einige Augenblicke zu ent-schuldigen, begab er sich ins Bureau. Aber die Er-wartete sah er nicht. Eine elegant gekleidete Dame saßda, das Antlitz unter dem hochfeinen Sommerhütchendicht verschleiert. Sie erhob sich und ging auf ihn zu.
„Nicht wahr," redete sie ihn an, „der Herr Justiz-rath kennen mich selbst nicht wieder?"