Ausgabe 
(9.2.1894) 12
Seite
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Dabei schob sie den Schleier zurück und überraschtblickte Volkmar in das lächelnde Gesicht Martha's.

Um mich unkenntlich zu machen," fügte sie hinzu,habe ich Schleier und Kleider aus der Garderobe meinesgnädigen Fräuleins entlehnt."

Nun, und was haben Sie mir zu berichten?"frug er leise und führte sie bei Seite.

Die Dame haben mir der Herr Justizrath so genaubeschrieben, daß ich sie sogleich erkannte," begann Marthaflüsternd.Gekleidet war sie in"

Die Kleidung interessirt mich nicht," entgegneteungeduldig der Advokat.Der Herr, welcher bei ihrwar, ist die Hauptsache."

Der Herr war nicht jener Fremde."

Wie? Nicht jener Fremde, den Sie in Abwesen-heit Ihrer Herrschaft empfingen?"

Nein, er war es nicht," wiederholte Martha undschüttelte mit einem über alle Zweifel erhabenen Lächelnden Kopf.

Dann haben Sie sich geirrt, Kind!" behaupteteVolkmar, der an seine furchtbare Selbsttäuschung nochimmer nicht glauben wollte.

Nein, Herr Justizrath, ich habe mich nicht geirrt,denn es war Herr von Harnisch."

Unmöglich I" rief Volkmar, wie von einem elektri-schen Schlage getroffen.

Der Begleiter der Dame, die Sie mir beschriebenhaben, war Herr von Harnisch, den ich sehr genaukenne," wiederholte Martha, jedes ihrer geflüstertenWorte betonend.

Wissen Sie genau, daß er zu der Dame gehörteund nicht etwa zufällig mit ihr in denselben Pferde-eisenbahnwagen gestiegen ist?"

Wenn die Beiden nicht miteinander einverstandenwaren, Herr Justizrath, so will ich mir den Kopf ab-schlagen lassen! Sie sprachen während der Fahrt nichtviel zusammen, aber man merkte leicht, daß sie sich vielzu sagen hatten. Herr von Harnisch richtete dann undwann eine Frage an seine Begleiterin, worauf diesemeist nur durch ein Nicken oder Schütteln mit demKopfe antwortete, und dann sah er sie mit einem sogespannten Blicke an, als wollte er das Uebrige ausihrer Miene sangen. Ganz gewiß hatte ihm die Dameetwas Wichtiges zu erzählen, wovon sie ihm unterwegsnur zu naschen gab."

Haben Sie von dem kargen Gespräch dann undwann ein Wort verstanden?"

Nein, denn es war nicht deutsch, was sie spra-chen. Vor einem Kaffeegarten, weil draußen in derVorstadt, stiegen beide aus, und ich sah sie hineingehen.Ich fuhr noch ein Stück weiter und kehrte dann mitdem nächsten Wagen zurück."

Sind Sie gewiß, daß Herr von Harnisch Sie nichterkannt hat?"

Erkannt hat er mich auf keinen Fall, denn erstenswar der Wagen zu sehr besetzt, als daß er mich beson-ders beachtet hätte, und zweitens schützte mich meineVerkleidung und der doppelt zusammengelegte Schleiervor dem Erkennen."

Ich danke Ihnen vorläufig," sagte Volkmar.Uebri-gens ist die Besitzerin dieser Verkleidung von ihrer Reisezurückgekehrt."

Das Mädchen wurde feuerroth und warf einenangstvollen Blick auf die Kleidung, die sie unrechtmäßig trug.

Du meine Güte," stammelte sie,wie werde ichnur in die Wohnung kommen, ohne daß mich das gnä-dige Fräulein sieht!"

Dazu haben Sie noch Zeit, denn Ihre Herrinbefindet sich eben noch in meinem Sprechzimmer," ver-setzte der Advokat.Eilen Sie also, ihr zuvorzukommen;verrathen Sie ihr aber um Gotteswillen keine Silbe vonIhrem heutigen Abenteuer auf der Pferdeeisenbahn!"Hören Sie?"

O Herr Justizrath!" betheuerte Martha mit ge-falteten Händen und wie um Gnade flehend,ich werdestumm sein wie ein Grab!"

Der Boden brannte ihr unter den Füßen, und soeilig, als die Höflichkeit es gestattete, verabschiedetesie sich.

Das diensteifrige Mädchen hatte sich mit ihrer wohl-gemeinten Maskerade selbst eine Falle gestellt, die denAdvokaten mehr als die feierlichsten Schwüre ihrerSchweigsamkeit gegen ihre Herrin versicherte und ihmein augenblickliches Lächeln abnöthigte. Dann kehrte erzu seiner Besucherin zurück, ohne auch nur durch eineMiene zu verraihen, was in ihm vorging und von wel-chem überraschend neuen Gesichtspunkte er die Dinge, dieSiglinden so nahe angingen, in den wenigen Minutenfeiner Abwesenheit betrachten gelernt hatte.

Verzeihen Sie diese Störung, Fräulein Siglinde",sagte er, ihr gegenüber ruhig wieder Platz nehmend.Wir waren unterbrochen worden, als Sie mir ebendie Persönlichkeit jener Fremden, die mit Ihrer kleinenNichte verschwand, näher bezeichnen wollten. Sie warnach ihrer Aussprache des Englischen zu schließen eineAusländerin; von Gestalt"

Von Gestalt war sie etwas kleiner als ich," nahmSiglinde ihre Rede wieder auf,der Wuchs schlank,dabei aber voll; sie war über die erste Jugendblüthehinaus, hatte aber jene frauenhaften interessanten Züge,die man bei Mädchen in den höheren Zwanzigern oftantrifft und welche durch ein dunkles, glühendes Augenoch gehoben wurden. Das sehr reiche schwarze Haartrug sie vorn in Stirnlocken." '

Unwillkürlich hatte Volkmar diese Personalbeschreib-ung mit einem zustimmenden Kopfnicken begleitet, denndieselbe wies Zug für Zug auf Anna Ritter hin, derenSignalement er selbst erst heute Siglindens Dieneringegeben. Er hätte Siglinden, als sie ihn bekümmertverließ, durch die trostreiche Zusicherung aufrichten können,daß er ihrer kleinen Nichte bereits auf der Spur seiund sie in nicht ferner Zeit in ihre Arme zu legenhoffe, er hätte ihr noch vieles Andere sagen können, wasihr höchstes Erstaunen erregt haben würde, er hätteihr auch sagen können, wie ein einziges Wort Martha's,ein einziger Name, den sie ausgesprochen, ihm ein uner-hörtes Jntriguenspiel, ein teuflisches Truggewcbc ent-hüllt hatte, daß ihm selbst davon noch schwindelte,er hätte durch wenig Worte sie mit Staunen und Schau-der, mit Hoffnung und Freude erfüllen können, aber erwollte und durfte sie nicht mit erdrückenden Geheimnissenbelasten, die sie genöthigt hätten, bei einer etwaigenBegegnung mit Herrn von Harnisch sich in ihrem Be-nehmen einen Zwang aufzuerlegen, der diesem gerieben-sten aller Gauner gewiß aufgefallen wäre. . . .

Nach Siglindens Entfernung schritt Volkmar einegeraume Weile in seinem Zimmer auf und ab, bald miträschen, heftigen Schritten, bald langsam, bald stehen blet-