Ausgabe 
(9.2.1894) 12
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bend. Dann öffnete er eine Zigarrenkiste, entnahm der-selben eine Havannah, zündete sie an und blickte, mitdem Rücken gegen sein Pult gelehnt und die Beine übereinander gekreuzt, sinnend den bläulichen Nanchwölkchennach, welche sein Mund in die Lust hauchte.

Als das Aroma der Cigarre in das anstoßendeBureau drang, schnupperten die Schreiber und blickteneinander bedeutungsvoll an. Einer nach dem anderenschlich sich an die Thür, um durch das Schlüsselloch hin-durch den rauchenden Nechtsanwalt an seinem Pultelehnen zu sehen.

Für gewöhnlich gönnte er sich während der Ge-schäftszeit den Genuß einer Cigarre nicht; wenn es abergeschah und der Duft des aromatischen Krautes sich indie Nasen der Schreiber einschmeichelte, so wußten dieseschon, daß ein verwickelter Fall die Gedanken ihres Herrnbeschäftigte und daß er auf einenCoup" sann, derDenjenigen, welchen er traf, sicher zerschmetterte.

Gegen Abend machte Volkmar einen Spaziergangnach dem bekannten Garten in der Nosenstraße. Erfand das Gärtnerpaar im Wohnzimmer, von den Mühendes Tages ausruhend. Sein Besuch galt der Fächer-palme, nach welcher derEngländer" noch immer nichtgefragt hatte. Er kaufte sie und erkundigte sich im Laufedes Gesprächs wie gewöhnlich nach Fräulein Anna's Be-finden.Ich treffe es immer so unglücklich, daß sienicht da ist," fügte er hinzu.Heute hätte ich sie gerngefragt, warum sie vorigen Dienstag, als sie mir in derStadt begegnete, so stolz an mir vorüberging, ohne meinenhöflichen Gruß zu erwidern."

Vorigen Dienstag?" wiederholte Ritter. Da kannsie Ihnen unmöglich begegnet sein. Sie haben eineAndere für meine Schwester gehalten, denn am Dienstagwar sie noch nicht von ihrer Reise zurück."

So? War Fräulein Anna verreist?" warf Volk-mar hin.

Hihi!" ließ Frau Ritter ihr schadenfrohes, demAdvokaten stets verheißungsvoll klingendes Lachen ver-nehmen, welches.auf einen tückischen Hinterhalt deutete.

Als fühle er sich aber davor heute sicher, warf derGatte ihr einen geringschätzigen Seitenblick zu und fuhrruhig fort:Sie war, wie jedes Jahr um diese Zeit,zur Kirchweih bei meinem ältesten Bruder, der zehnMeilen von hier in einem Landstädtchen ein kleinesGut hat. Dort bleibt sie gewöhnlich eine bis zweiWochen."

Frau Ritter besaß die Fähigkeit, einen Aergcr überihre Schwägerin lange mit sich herumzutragen, um ihnbei einer Gelegenheit Plötzlich zur Sprache zu bringen,wo es ihrem Manne am unangenehmsten war. So auchjetzt.Ja, wer's nicht besser wüßte!" kicherte sie.Deine Schwester wird sich diesmal wohl in vornehmererWeise amüsirt haben, als bei Kirchweihkuchen. Ich trauteder Sache nicht und schrieb an Deinen Bruder. SeineAntwort trage ich schon ein paar Tage lang mit mir inder Kleidertasche herum. Anna hat sich gar nicht beiihm blicken lassen."

Der Gärtner war wie vom Donner gerührt. Volk-mar machte dem ehelichen Zwist ein vorläufiges Ende,indem er das Geld für die Fncherpalme auf den Tischzählte und sich empfahl.

Als er durch die Gitterpforte schritt, begegnete ihmeine elegant gekleidete Dame. Es war Anna, die jetzterst von ihrem Rendezvous zurückkehrte.

Volkmar zog artig grüßend seinen Hut.

Sie dankte ihm mit einem verächtlichen Kopfnicken.

Er wußte, daß sie ihn haßte, weil er einst Zeugeihrer Demüthigung durch ihre hämische Schwägerin ge-wesen war und sogar die unmittelbare Veranlassungdazu gegeben hatte. Und dennoch bedurfte ex ihrer jetzt,dennoch gab es augenblichlich keine Person, die ihm sonöthig gewesen wäre, wie sie.

Aber er hatte das Mittel, die Stolze zu zähmen,die ihm Feindselige sich willfährig zu machen, bereitsgefunden, und ihre ungnädige Erwiderung seines zuvor-kommenden Grußes entlockte seinen Lippen ein siegreichesLächeln.

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(Fortsetzung folgt.)

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Die Parität in der Reichsstadt Augsburg .

(Schluß.)

Die wichtigste Ursache war, daß der Argwohn unterden Bürgern, in Nachtheil versetzt zu werden, niemalsverstummte. Die Schuld daran lag an den fast jährlichwiederkehrenden Wahlen für die Staatsämter und zurBesetzung der Stadtdienste. Diese bildeten das Tages-gespräch unter den Geschlechtern und den Kaufleuten inihren Gesellschaftsstuben, wie unter den Meistern in denZunfthäusern, und beschäftigten noch lebhafter die Ge-müther der Familien, der Werkstätten und des offenenMarkteS. Aber Niemand fragte dabei nach der Tüchtigkeitund Brauchbarkeit der zu erkiesenden Männer, sonderndie allgemeine Sorge drehte sich lediglich um die Prüfung,ob es keiner Partei an genügenden Mitgliedern zum Vor-schlagen fehle. Bei dem durch die ganze Bürgerschaftgehenden Riß reichte keine Hand herüber oder hinüber,eine etwaige Lücke auszufüllen, das kirchliche Bekenntnißblieb allein ausschlaggebend, mochte dabei dem Staate ge-dient sein oder nicht. Ein solcher leidiger, Neid, Miß-trauen und andere niedere Leidenschaften erzeugender Zu-stand führte fortwährend daS große Wort auf den Bier-bänken, das sich meist auf das Gebiet der Kirche selbst,deren Einrichtungen und ihre Diener verirrte, was blutigeStreitigkeiten nach sich zog, daher der Rath wiederholtunter Androhung der Strafe desGewölbes" einschärfte:deS ungeschicktenDisputierens, Schändens und Schmähensvon Neligionssachen in den Wirthshäusern sich zu ent-halten." Eine schlimmere Folge war jedoch, wenn auf dereinen oder anderen Seite ein Vortheil winkte, daß ausschnödem Eigennutze nicht selten der Uebertritt zu der an-deren Confession angestrebt wurde. Zwar hielt eine jedeKirche eigeneAufpasser" und der Kurfürst von Bayern sowie das markgräfliche Oberamt Burgau besondereRe-ligions-Agenten" mit der Aufgabe, das Verführen ge-meiner Leute aus ihrem Lager in das andere zu ver-hindern, allein der Rath billigte diese dem westfälischenFrieden und dem Nürnberger Rezesse zuwiderlaufende Ge-wissensbeschränkung nicht. Er ermächtigte deßhalb einenevangelischen und einen katholischen Bürgermeister, demsich meldenden Konvertiten einenSchutzbrief" auszuhän-digen, kraft dessen er vor allen Belästigungen sicher ge-stellt wurde. Dieses Verfahren erzeugte zahlreiche Conflicte,verbitterte die Familienglieder und machte in der Regeldie amtirenden Herren zu Gegnern. Die vielen Uebelvermehrten sich dadurch um ein weiteres.