Ausgabe 
(9.2.1894) 12
Seite
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Nichts fand sich in der gespaltenen Stadt, geeignet,die Versöhnung anzubahnen und zu bewerkstelligen, denndas ganze öffentliche und bürgerliche Leben war so ein-gerichtet, daß eine gegenseitige Berührung als kein Be-dürfniß empfunden wurde. Die Zünfte besaßen eine katho-lische und eine evangelische Herberge, und wollten dieMeister und Gesellen in der freien Luft sich erholen, sowanderten sie entweder gegen den Lech, wo sie bei demkatholischen Stadtjäger einkehrten, oder sie besuchten denevangelischen Stadtjäger auf der Wertachseite; doch gabes auch ein neutrales Gebiet bei dem Paritätswirth inder unteren Stadt. Der biedere Bürger konnte in derAtmosphäre seiner Confession die Pfeife rauchen, indem4 katholische und ebensoviele evangelische Kaffeehäuser ihneinluden; um die Leinwand oder den Wollenzeug nachseinem kirchlichen Bekenntnisse untrüglich kaufen zu können,waren in dem Weberhause evangelische und katholische Ver-kaufsgewölbe eingerichtet, und in der Metzg ging mannicht fehl, wenn man ein Nippenstück 0. oder einenSchlachtbraten ^1. 0. begehrte und sich an die Verkäuferinmit oder ohne Haube wandte, denn ein protestantischesMädchen trug niemals die bayerische d. h. katholischeNtegelhaube.

Die gleiche Sorgfalt der Väter der Stadt für strengeBeachtung der Parität zeigte sich auch bei den Sicher-heitsorganen. Genau nach der Religion halbirt warendie Stadtgardisten unter dem Befehle eines katholischenund eines evangelischen Lieutenants und in diesem Ver-hältnisse bezogen sie die Wachen, damit ein unter demThore angehaltener Vagant oder ein betrunkener Nacht-schwärmer stets von einem Soldaten seiner Confession aufdie Polizeistation transportirt werden konnte. Und em-pfindliche Buße ereilte den Trabanten, welcher einen nichtseiner Kirche angehörenden Bürger auf das Nathhausvorlud.

Endlich wurden die Verstorbenen nicht vergessen, in-dem man sie in kirchlich getrennten Friedhöfen zur letztenRuhe bettete. In Zweifelsfällcn entschied über den Ortdes Begräbnisses die Religion des jeweiligen Bürger-meisters. Ein Senatsdekret vom 26. Februar 1750 be-stimmte nämlich:Die todten Körper aufgefundener un-bekannter Personen sind in demjenigen Gottesacker zu be-statten, welcher Kirche der Bürgermeister angehört, demdie Anzeige gemacht worden war."

Diese und alle ähnlichen Vorgänge und Einrichtungenstellten sich dem Bürger als den naturgemäßen Ausflußeines durch Gesetz sanktionirten Prinzips dar, worin erso wenig etwas Außerordentliches fand, daß er sogarsolche Vorfälle und Zustünde vertheidigte, die den Sar-kasmus eines in die Denkweise der Bevölkerung nichtEingeweihten reizen mußten.

Als der katholische Nachfolger des gestorbenen evan-gelischen Handwerkdieners auf dem Webcrhaus in derAmtsstube ein Weihbrunnkesfelcin aufhing, zeigte der Dc-putatus H.. 6. dem Ratheden aasura in kxpooaustoxrrklioo parrtaetioo xlaris in anciitum als große Un-ruhe erzeugende Neuerung" 1758 an und seine confes-sionsverwandten Mitbürger belobten den Mann ob solchenEifers.

Bei dem beklagenswerthen Webertumult 1766 gegenden evangelischen Fabrikanten Schüle führte dessen An-walt als großes Gravamen auf, daßder Paritäts-verfassung s ätametro zuwider" ein katholischer Weberdie ostindtschen Cottons nach ihrer Qualität begutachtet

hatte, worauf der Rath die bürgermeisteramtliche Anord-nung außer Wirksamkeit setzte und eine vepulatioutriusgns reli§ioni3 zur Prüfung der ausländischenWaare ernannte.

Das Musikorchester in den evangelischen Kirchen ver-wendete bei den Aufführungen alle Instrumente mit Aus-nahme der Violine, weil der helle Ton der Violinquinte,also die L-Saite, einen katholischen Klang hatte.

Geräuschlos und zur Zufriedenheit der Einwohner-schaft kam bei der Bäckerzunft die weltliche ParitaS zumDurchbruch. Die katholischen Mitglieder bauten vor demWertachbruckerthor die Stallungcn für ihre Schweine unddie evangelischen Meister beherbergten ihre Borstenthiereaußerhalb des Jakoberthors, und Niemand nahm daranein Aergerniß, daß die Thüren mit 0. und H. 6. be-zeichnet waren.

Schließlich sei noch eine Scene erwähnt, vor welchermerkwürdiger Weise der Vorhang erst sich niederließ, alsschon 10 Jahre lang die Karitas in xolitiois der Ver-gessenheit anheimgefallen war. In der paritätischen St.Jakobspfründe wurde die gemeinschaftliche Wohnstube mitKerzen erleuchtet, woraus ein die idyllische Ruhe derPfründner schwer schädigendes Zerwürfniß erwuchs. DieInsassen durften nämlich die Lichterstumpen unter sichvertheilen zur Verwendung in ihren Kammern, und dieseserzeugte den bedauerlichen Hader, welche Stumpen alsevangelische und welche als katholische anzusehen seien,eine Streitfrage, welche in Güte die Verwaltung nichtzum Austrag zu bringen vermochte. Die Stiftungspflegerentschieden deßhalb am 4. Oktober 1816 durch förmlichenBeschluß:um den bisherigen Zänkereien wegen der sog.katholischen und evangelischen Stumpen ein Ende zu machen,soll künftig keine Kerze, sondern paritätisch untheilbaresOel gebrannt werden."

Mittlerweile hatten die Bürger insgesammt dasFriedensfest in dem Bewußtsein begangen, daß nur siemiteinander die Gemeinde Augsburg bilden.

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Wie mau alt und wie alt man wird!

Ein Kapitel über das Alter von Klara Reichn er.

(Nachdruck Verbote».)

Unser Leben währet 70,wenn's hoch kommt, sind's 80 l"

VomAlter" zu reden, ist eigentlich jawohl einverbotener Gegenstand? Alt werden ü 1g. kon-tiern-! Aber alt sein, altern gar? Lorrour! Schwamm drüber!

Speciell das schönere, aber schwächere Geschlechtsoll man sagt es die liebenswürdige Schwächehaben, zuweilen in Collision mit dem eisernen Bestanddes Taufscheins zu gerathen, allerdings um so ver-zeihlicher, als weibliche Anmuth bekanntlich keinen Kalen-der besitzt. Manche historische oder historisch gewordeneFrau hat den Nnuenzeichen der Zeit zu trotzen, ihrereigenen Jahrgänge zu spotten gewußt, so manche Künst-lerin des Lebens und der Bühne scheint die ewige Jugendin Pacht, scheint ein giltig bleibendes Schönheits-Abonne-ment genommen zu haben! Von der in Bezug aufunverwüstliche Körper- und Geistesreize sprichwörtlich ge-wordenen französischen Aspasia: Ninon de Lenclos , ge-boren 1616 zu Paris , erzählt man, daß sie im Groß-und Urgroßmutter-Alter noch Männern, die ihre Enkel