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sein konnten, den Kopf verdrehte, und Josephine Bona-parie, Napoleons I. erste Gemahlin, soll — über fünfzig
— kurz vor ihrem Tode so bezaubernd jung gewesensein, resp. ausgesehen haben, daß sie der schöne CzarAlexander von Rußland entzückt „eine zweite Ninon"hieß. — Auch die liebreizende Gräfin Potacka, derenPorträt noch jetzt eine Zierde in der Bilder-Galleriehistorischer Schönheiten bildet, konnte im Matronenaltervon 60 Jahren getrost mit den jüngsten Beautös con-curriren, wofür die beste Quittung die unabgekühlte Be-wunderung ihrer zahlreichen Verehrer war.
Mag man also immerhin mit dem weisen Salomo von gewissen Jahren sagen: „sie gefallen mir nicht, dasich krümmen die Starken und die Gesichter finster wer-den, da alle Lust vergeht und Alles eitel ist!" — sohat es doch zu allen Zeiten Beispiele von Exempeln schongegeben, daß die schöne Sage vom „Jungbrunn" trotz-dem kein leerer Wahn und das Herz an keinen Tauf-schein gebunden ist! — Aus diesem einleuchtenden Grundesoll auch König Georg III. von England (1760—1620)auf seine Frage, gestellt an eine hochbetagte Hospitalin:„wann denn eigentlich die Frauen aufhören zu lieben?"die prompte Erwiderung erhalten haben: „Ja, da müssenEw. Majestät eine Aeltere fragen I"
Und der gleichen Maxime folgte so manche andereLebens-Veteranin, so mancher altehrwürdige Veteran!—Der Herzog von Richelieu vermählte sich zum drittenMale im 84. Blüthenjahre seines Erdenwallens, nachdemlange vor ihm ein Tiroler Baron Barravicino de Capellis,der 1270 mit 104 Jahren starb, bereits bewiesen, daßAlter nicht vor Thorheit schützt, das heißt gleichfalls im84. Jahre sogar seine vierte bessere Hälfte sich erkor,während der venetianische Konsul in Smyrna , FranzGongo, es bis zu 112 Jahren und 5 Frauen brachteund bet seinem 1702 erfolgten Tode nicht weniger als
— 49 Kinder hinterlassen haben soll! — Im Jahre1733 entschlossen in Norwegen von sieben noch ledigenHundertjährigen drei Paare sich, Pool kesium in denheiligen Ehestand zu treten. — Im gleichen, dem vorigenJahrhundert erwählte die Polin Margarethe Krusiownamit 94 Sommern als dritten Gatten sich den um elfJahre ältern Kaspar Haykolt und beglückte ihn 14 Jahrenoch durch ihre Gegenwart, da sie mit 108 Jahren 1763das Zeitliche segnete. — In unserem eigenen Säculumaber heirathete 1843 zu Luzern der Schweizer ViolinistPiu eine „erst" 62jährige Wittib, als hoffnungsvollerWittwer, der 25 Enkel und — 106 Jahre schon besaß,und in Moskau soll zu ungefähr derselben Zeit eineRussin von 168 Jahren gelebt haben, welche die Couragehatte, in ihrem 122. Lebensjahre noch den fünften Mannzu nehmen. — Daß jedoch diese und andere Beispieleverspäteter Heirathscaudidaten keineswegs nur Zeitenangehören, die vergangen sind, hat jüngst in la KallaItalic,, ein „junges" Ehepaar bewiesen, als nämlich zuProforte der Gutsbesitzer Rubianco, ein rüstiger Greisvon 90 Jahren, eine 86jährige Signorina heimführte.
— Man sieht: „Die Liebe altert nicht, — nein, nein!Ist und bleibt Sonnenschein!" —
Nicht nur Schönheit und Liebe indessen, sondernauch Geist und Kraft schlugen gar häufig dem grämlichenAlter ein Schnippchen! Dieses kalt acLowpli haben nichtallein die biblischen Methusalems bewiesen! — Derweise weiße Nestor des klassischen Alterthums lebt eigent-lich ja heute noch als sprichwörtliche Nedefigur; — dem
unsterblichen Tragödien-Dichter der Antike: Sophokles ,blieb die Muse bis in sein jugendliches Alter hold undtreu, und zwei andere alte Griechen, der ernsthafte wieder lachende Philosoph: Pythagoras und Demokrit , wur-den alt und grau bei ihrem probaten VerjüngungsMittel:außen Oel und innen Honig. — Der hl. Hieronymus,der große Kirchenlehrer des 4. Jahrhunderts, wurde altund blieb jung bei einsiedlerischer Ascese und der gewißnicht lucullischen Ernährung von Wasser, Brod und Salat,und der gelehrte englische Mönch des Mittelalters: Bacooder Bacon , erreichte nicht weil, sondern obgleich manihn „Oootor mirakilig" hieß, sein hohes Alter beiwissenschaftlichen Studien und physikalischen Experimenten.
— Der „Zwölfnnzen-Mann" aber, der edle Venetianerund Mäßigkeits-Apostel Ludovico Coruaro (geb. 1466),brachte es fertig, fast 100 Jahre zu werden, durch dieexemplarische Hungerkur von 12 Unzen pro Tag, haupt-sächlich aus „Panatella" — venetianischer Semmelsuppe
— bestehend, nachdem er als 40jähriger Prasser undSchlemmer für so incurabel schon gegolten, daß mankeine Unze mehr für sein Leben gegeben hätte, währender noch heute im Gedächtniß aller Fastenkünstler, sowiein der alten Bilder-Gallerie des Palazzo Pitti lebt, ver-ewigt als Neunzigjähriger von seinem berühmten Zeit-genossen und Mers-Concurrentm, dem damals 80jährigenTizian, der gleichfalls bis auf Hundert kam.
Auch die Neuzeit besitzt ihre menschlichen Anti-quitäten, die nicht veralteten, das heißt nicht nur einhohes, sondern — was mehr sagen will — ein glück-liches Alter erreichten. — Selbst große Denker, Staats-und Schlachtcnlenker, wie: Newton, Franklin, Alexandervon Humboldt, Fürst Metternich, Lord Palmerston ,Wellington, Moltke, Kaiser Wilhelm und viele Andere,nahmen tapfer den Kampf mit dem größten und ge-fürchtetsten aller Menschen - Eroberer auf, und bliebenSieger in demselben. Mehr aber noch will es bedeuten,wenn sogar jene Kämpfer um's Dasein dem Alter Con-cessionen abringen, denen eS geht wie der — Nachtlampe:„criüa inLörvienäo ccmsumor" — ich verzehre, indemich Andern diene, — die Jünger Aescnlaps! — InEngland starb 1658 mit 80 Jahren der berühmte Ana-tomie-Professor vr. William Harvey , als wahrer Jüng-ling gegen seine 18 Landsleute und Collegen spätemDatums, die — nach dem Jahresbericht des chirurgischenKollegiums von 1845 — damals zusammen die hübscheSumme von 1714 Jahren repräsentirten, was durchschnitt-lich 951/z pro ineäioo betrug. — In Wahrheit zählteder Senior dieses ärztlichen Patriarchen-Konsortiums:John Volger, eigentlich für sich allein 111 Jahre, dernachfolgende Alters-Präses, I. Corridge, 108, und derDritte im Bunde der Aeltesten, William Pearry, netto 100Jahre. — Auch der sogenannte „Krüuterdoctor" MorrisThurston zu Exeter starb 1844 in seinem 108. Jahre
— als berühmter Naturheil-Arzt, der noch zwei Monatevor seinem Ende wacker drauf los kurirte. — Ein fran-zösischer renommirter Medicus: Dr. Grandison (gestorben1846), hielt es bis zu 92 Jahren hier auf Erden aus,obgleich seine Hauptspecialitüt das menschliche Nerven-System war. — Selbst deutschen Aerzten passirt es zu-weilen, ausnahmsweise hoch die steile Jakobsleiter desAlters zu erklimmen! — „Der alte Heim", eine derpopulärsten Persönlichkeiten von Alt-Berlin, der nebenseiner honorirten Praxis noch jährlich 3—4000 Menschengratis behandelte, gelangte trotzdem nahe an die Neunzig,