^L13.
1894 .
„Augsburger Post;ritung".
Dimstag, den 13. Februar
Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesttzer vr. Max Huttler) .
Auf verwegener Mahn.
Kriminalnovelle von Gustav Höcker.
(Fortsetzung.)
Ein paar Tage nach den zuletzt geschilderten Vor-gängen finden wir Siglinde und Herrn von Harnisch imSprechzimmer des Advokaten. Die Einladung zu dieserVerhandlung und noch mehr der Gegenstand, welcherbesprochen werden sollte, hatte Beide überrascht. Volkmarhatte nämlich einen Ehevertrag entworfen, welcher ihrebeiderseitigen Rechte regeln sollte. Er fühle die Ver-pflichtung, hatte er der erstaunten Siglinde Tags zuvoreröffnet, ihre Zukunft und ihre Million für den Fallihrer Verheirathung mit Herrn von Harnisch schon jetztsicher zu stellen oder doch wenigstens eine vorläufigeEinigung darüber zu erzielen. Herr von Harnisch besitzeihr bindendes Versprechen, ihn durch ihre Hand belohnenzu wollen, wenn er im Stande sei, zur Freisprechungihres Vaters beizutragen. Es sei kaum noch zweifelhaft,daß die von ihm produzirten und scharfsinnig combinir-ten Verdachtsmomente gegen Jmhoff dem Prozesse eineWendung geben würden, die ihn den beneidenswerthenPreis gewinnen lassen werde. So lange er diesen abernoch nicht gepflückt habe, werde er bescheiden sein. Manmüsse dies benutzen. Namentlich handle es sich darum,für die Zukunft Jenny's zu sorgen, da doch die Möglich-keit immerhin nicht ausgeschlossen sei, daß das Kind einesTages wieder zum Vorschein kommen werde. Harnischhabe sich bereit erklärt, das Kind zu adoptiren, und manmüsse ihn, ehe diese warme Herzenswallung sich vielleichtwieder abkühle, rasch beim Worte nehmen und Siglin-dens Nichte unter den Schutz des Ehevertrags stellen.
Namentlich diese letztere Rücksicht war es, durch dieSiglinde sich bestimmen ließ, auf Volkmar's Verlangeneinzugehen, gegen welches sie sich anfangs gesträubt hatte.Eine solche Verhandlung, wie die bevorstehende, wider-strebte ihrem Zartgefühl, und so lange das Schicksalihres Vaters noch ungewiß war, hätte sie sich diesenpeinlichen Akt gern erspart.
Aber auch ihr Herz fühlte sich von dem AnsinnenVolkmar's verwundet. Nur mit heimlichem Grauen dachtesie daran, daß die Befreiung ihres Vaters sie an einenMann kette, den sie nicht liebte und an dessen Seitesie nie glücklich werden konnte. Dem gegenüber that esihr weh, daß Volkmar, der Gegenstand ihres schmerz-lichen Verzichts, es so eilig hatte, dieser traurigen Fessel
eine gesetzmäßige Form zu geben, und daß er ihr dieseNothwendigkeit in so kaltblütiger geschäftsmäßiger Weisevorstellte, als hätte sie ihm niemals mit einem Worteverrathen, was er ihrem Herzen war. Indessen — siefügte sich seinem Rathe, auf den sie ein unerschütterlichesVertrauen setzte; vielleicht auch leiteten ihn noch tiefereBeweggründe, die er ihr verschwieg, denn es war ihremweiblichen Scharfblicke nicht entgangen, daß in seinemWesen plötzlich etwas Geheimnißvolles, Näthselhaftes lag.
Auch Herrn von Harnisch war die Einladung desAdvokaten überraschend gekommen, aber seine Ueberrasch-ung war eine angenehme, denn diese Vorsorge deuteteauf einen seinen Hoffnungen günstigen Ausgang desProzesses hin, über den sich Volkmar sonst nur mit gro-ßer Reserve äußerte.
So hatte er sich denn in dem angenehmen Vorge-fühle, welches der in der Ferne winkende Besitz derschönen Erbin von einer Million hervorruft, mit Sig-linde zu der Verhandlung zusammengefunden, und dieletztere verlief zu seiner vollen Zufriedenheit; sogar aufseinen Vorschlag, den künftigen Wohnort in Amerika zuwählen, war Siglinde, auf Volkmar's Zureden, einge-gangen; sie glaubte dem Letzteren selbst einen Gefallenzu erweisen, wenn sie sich in eine so weite Ferne zurück-zog und damit seinem Gesichtskreise auf Nimmerwieder-sehen entrückt wurde, denn sonst würde er dem WunscheHarnisch's eher Widerstand entgegengesetzt haben, anstattihn zu befürworten.
Vielleicht ahnte Volkmar, was in Siglinde vor-ging, als sie sich mit einem Blicke, in welchem etwaswie eine leise, vorwurfsvolle Anklage lag, von ihm ver-abschiedete, ohne den Druck seiner Hand zu erwidern.Sicher ahnte dagegen aber Herr v. Harnisch' nicht, daß! der Rechtsgelehrte, dem er beim Gehen so warm die! Hand schüttelte, ihn schon seit mehreren Tagen durchzwei ebenso wachsame als schlaue Privatdetektivs beob-achten ließ, die ihm, wenn er die Stadt verlassen hätte,bis an's Ende der Welt gefolgt wären. . . .
Frauen haben ein aufmerksames Auge für die Außen-seite der Dinge. Siglinde kannte jeden Winkel, jedesStück Möbel in Volkmar's' Sprechzimmer. Umsomehrwar ihr heute eine Veränderung aufgefallen. DasZimmer besaß zwei Thüren: die eine bildete den Aus-gang nach dem großen Bureau, in welchem die Schrei-ber saßen, die andere führte in entgegengesetzter Richtungnach Volkmar's Wohnräumen. Es war Siglindcn nicht