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entgangen, daß diese letztere Thür heute entfernt und durch !eine bis zum Fußboden Herabreichende geschlossene Por-tiere ersetzt war. Da der Advokat seine beiden Klientenwahrend der Verhandlung so plazirt hatte, daß Beideder verhangenen Thür den Rücken zuwenden mußten, soblieb es von diesen unbemerkt, daß die Portiere sichzuweilen bewegte, ja, daß in der Mitte, wo sie sichtheilte, dann und wann ein Paar Augen zum Vorscheinkamen und wieder verschwanden.
Als Siglinde und Harnisch sich entfernt hatten,ging Volkmar auf die Portiere zu, schob sie zurück undblieb auf der Schwelle stehen. Das Zimmer war einkleiner, mit ziemlicher Eleganz ausgestatteter Salon. Aufeinem Fauteuil saß eine weibliche Gestalt, den Ellbogenauf ein danebenstehendes Marmortischchen und die Stirnin die Hand gestützt. Ihre Lippen waren zusammen-gepreßt, ihre Augen starrten mit wildem Ausdruck vorsich hin; ihr Antlitz brannte in dunkler Gluth, unterwelcher in mühsam verhaltenem Zorne daS Blut kochte.
Dieses regungslose düstere Bild stand in grellemKontrast zu der heiteren Umgebung, denn ein grünenderund blühender Hain kostbarer Blattpflanzen, die theilsauf Blumentischen standen, theils terrassenförmig auf-steigende Gruppen bildeten, füllte fast den ganzen kleinenRaum aus. Obwohl die finster Brütende diesen Ortvorher noch nie betreten-hatte, so sah sie sich hier dochunter lauter alten Bekannten: alle diese lieblichen KinderFlora's stammten aus Ritters Gewächshäusern, wo derRechtsgclehrte sie bei seinen verschiedenen Besuchen selbstausgewählt hatte, und der fremde Gast, der sich hier inso heimischer Umgebung wiederfand, war Niemand anders,als — Anna Ritter .
Sie hatte sich in Folge einer schriftlichen Ladungdes ihr nur dem Namen nach bekannten Advokaten, derihr in einer Erbschaftsangelcgenheit eine wichtige Mit-theilung zu machen habe, pünktlich um die festgesetzteStunde eingefunden, und maßlos war ihr Erstaunengewesen, als sie in dem berühmten Nechtsgelehrten jenenGartenbesucher wieder erkannte, dessen zudringliche Neugierihr einst eine so peinliche Stunde bereitet, und dem sieerst vor einigen Tagen durch die kühle Aufnahme seinesGrußes zu erkennen gegeben hatte, wie wenig sie ihmdas vergessen konnte.
Der Einladung eines Advokaten folgt Niemand gern,die Verheißung einer Erbschaft aber ist ein unwidersteh-liches Anziehungsmittel und dieser List hatte sich Volkmarbedient, um sicher zu sein, daß Anna nicht versäumenwerde, sich um die bestimmte Zeit bei ihm einzufinden.Er hatte sich hierin auch nicht verrechnet und klärte siesofort über die Täuschung auf, die er sich mit ihr er-laubt hatte. Es sei dies nur geschehen, um ihr übereine noch viel schlimmere Täuschung, deren sich ein Un-würdiger an ihren zartesten Gefühlen, an ihrem ver-trauenden Herzen schuldig gemacht habe, die Augen zuöffnen. Sie habe sich durch die gefälligen Manieren,durck die blendende Außenseite und wohl auch durch dieLiebesschwüre eines Mannes bestechen lassen, der ihrernur als Mittel für seine selbstsüchtigen Zwecke bedurfthabe und sie fallen lassen werde, sobald er sein Zielerreicht habe. Dieses Ziel sei eine Heirath mit einerjungen Dame, welcher ein großes Vermögen in Aussichtstehe. Noch in dieser Stunde werde sich Anna von derWahrheit dieser Behauptungen überzeugen, — was sieaber auch als unsichtbare Ohrenzeugin hören möge, wie
schwer es ihr auch werden möge, den Allsbruch ihrerempörten Gefühle zurückzudrängen, so solle sie sich dochja zu keinen Unvorsichtigkeiten hinreißen lassen, sondernsich ganz ruhig verhalten, denn noch sei es nicht an derZeit, jenem falschen Mann die Maske vom Gesicht zureißen.
Anna war anfangs sehr verschnupft darüber, daßder Rechtsanwalt sie unter einem falschen Vorwand zusich gelockt hatte; bei der Erwähnung ihres Liebesverhält-nisses zeigte sie sich sehr beleidigt; die Hindeutung, daßsie betrogen und hintergangen sei, nahm sie mit einemüberlegenen, ungläubigen Lächeln aus; die Eröffnungaber, daß sie noch in dieser Stunde von der Treulosig-keit ihres Liebhabers überführt werden sollte, wandelteihren Trotz in Bestürzung um und in sehr herabgestimmtemTone versprach sie dem Rechtsgelehrten, seiner Anweisunggenau nachzukommen.
Sie hielt Wort und verrieth sich durch keinen Laut,während sie hinter der Portiere den Verhandlungen lauschte.Wenn sie den Geliebten in den Armen einer Anderenüberrascht hätte und beide Küsse und Liebesschwüre hätteaustauschen sehen, so würde ihr dies keinen überzeugenderenBeweis seines treulosen Verraths beizubringen vermochthaben, als es diese trockene Verhandlung über den Ehe-vertrag that.
Diese ganze Verhandlung, die Siglinden so vielHerzeleid verursacht hatte, war weiter nichts, als einevon Volkmar geschickt in Scene gesetzte Comödie, und Annawar das dazu geladene Publikum. Volkmar rechnete aufdie Leidenschaftlichkeit dieses verrathenen Mädchens, erwollte ihre Eifersucht, er wollte die ganze Gluth rache-dürstenden Hasses, dessen ein betrogenes Weib fähig ist,in ihr entfachen, um ihr die Zunge zu lösen und überden Mann, von dem sie sich verrathen sah, Alles zuerfahren, was sie über ihn sagen konnte. Daß seinExperiment gelungen war, erkannte er bei dem erstenBlick, als er hinter die Portiere trat und Anna in ihrerVernichtung und so ganz ihrer stummen brütenden Wuthhingegeben wiederfand, daß sie sein Eintreten gar nichtbemerkte und erst bei seiner Anrede wie aus einem furcht-baren Traume emporsuhr.
„Sie werden jetzt die Ueberzeugung gewonnenhaben," sagte der Anwalt, „daß ein herz- und gewissen-loser Betrüger sein Spiel mit Ihnen getrieben hat."
„Wenn Sie ihn als solchen kennen, wie vermögenSie es dann zu verantworten, Fräulein Schönaich zueinem Ehevertrage mit ihm die Hand zu bieten?" er-widerte Anna trotzig. „Hml vielleicht bezahlt er Siedafür, daß Sie ihn von mir befreien. Vielleicht habenSie mich mit seinem Wissen und Willen hier lauschenlassen und sind von ihm beauftragt, mit mir ein Arrangementzu treffen und mich abzufinden. Woher wüßten Siesonst um mein Verhältniß mit ihm?"
Volkmar ließ sich durch diese Anklage nicht ausseiner Ruhe bringen. Er fand es natürlich, daß dieBitterkeit, von welcher Anna's Gemüth übervoll war, sichzugleich auch gegen ihn entlud, der ihr diese schmachvolleStunde bereitet hatte.
„Woher ich Ihr Verhältniß mit ihm kenne?" fruger. „O, der Generalanzeiger ist ein gar plauderhafterGeselle. Für das englische Wort „LrnAstt" das deutscheWort Ritter zu finden, ist keine allzu große Kunst. Unddie Pferdebahnen sind ein beliebter Vereinigungspunktfür Liebende."
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