Ausgabe 
(13.2.1894) 13
Seite
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Anna blickte den Sprecher erstaunt an.WennSie so allwissend sind," entgegnete sie nach kurzemSchweigen,was könnte ich Ihnen dann noch zu sagenhaben ?"

O, gar Vieles. Sie könnten mir z. B. von Ihrerkürzlichen Reise nach London erzählen."

Anna schrak zusammen.

Können Sie mir sagen," fuhr Volkmar fort,wo-hin Sie die kleine Jenny gebracht haben, nachdem Siedas Kind seiner Pflegerin, Frau Webster, entführten."

Ha! er hat mich doppelt verrathen!" rief Anna,deren Antlitz todtenbleich geworden war.Er hat michzu einer strafbaren Handlung verleitet, durch die ich inseine Hand gegeben bin!"

Ich will es Ihrer begreiflichen Aufregung zu Gutehalten," sagte der Rechtsgelehrte,daß Sie mich in demVerdachte haben, im Einverständnisse mit einem ausge-machten Schurken und zugleich in dessen Interesse zuhandeln. Ich verzeihe Ihnendiesen unwürdigenVorwurf. Siebefinden sich indessen auf einerganz falschen Fährte. BlickenSie um sich. Erkennen Sie dieseschönen Gewächse, womit ichmeinen Salon geziert habe?

Ich kaufte sie nach und nachim Garten Ihres Bruders, undfast bei jedem neuen Einkaufe,den ich dort machte, erfuhr ichvon Ihrer Schwägerin etwasNeues über Sie, woraus ichmeine Schlüsse bildete. Sie sinddurchaus nicht in der Handjenes Mannes, der Ihnen Liebegeheuchelt hat. Sie sind inmeiner Hand und diese Handsoll Ihnen eine schützendeFreundeshand sein, wenn Siesie vertrauensvoll ergreifen."

Er streckte ihr seine Handentgegen. Sie blickte ihn ängst-lich forschend an. Es lag eineso schöne männliche Offenheitin seinem Antlitz und so mit-leidsvolle Theilnahme in seinem

Blick. Sie fühlte sich so verrathen und verlassen, so hilflosund bedrängt, daß ihr zu Muthe war, als könnte sie nichtlänger leben, wenn es keine Menschenseele gab, der sienoch Vertrauen schenken konnte.

Sie nahm die Hand, die sich ihr entgegenstreckte,und brach in krampfhaftes Weinen aus.

Ich will Sie ein wenig allein lassen und dannwieder kommen," sagte Volkmar im Tone zarter Schonung.

Nein, bitte, bleiben Sie da," schluchzte Anna;Ihre Gegenwart beruhigt mich."

Er blieb und ließ Anna ausweinen.

Was kann ich thun?" frug sie, nachdem sie ihreThränen getrocknet hatte.Was verlangen Sie von mir?"

Ich habe weiter keinen Wunsck," erwiderte Volk-mar,als daß Sie mir alle meine Fragen der strengenWahrheit gemäß beantworten."

Ich will es," erklärte sie in betheuerndem Tone.Fragen Siel"

Sie haben ein unverdorbenes Herz," begann der

Giovanni palestrina.

Anwalt von Neuem,und da möchte ich denn zunächstwissen, wodurch Sie sich von jenem Manne bewegenlassen konnten, eine so bedenkliche Mission, wie die Ent-führung der kleinen Jenny, auf sich zu nehmen."

Alle Opfer, die ich diesem Manne brachte," ant-wortete Anna,glaubte ich meinem künftigen Gatten zubringen, denn er hat mir hoch und heilig die Ehe ver-sprochen."

Er sei bereits verheirathet gewesen," fuhr Annafort,erzählte mir Herr von Harnisch, von seiner Frauaber, die ihm die Treue gebrochen, geschieden. Jennysei Beider Kind, das an ihm mit der zärtlichsten Liebehänge, durch die grausame Mutter ihm aber entrissenworden sei. Er wisse jedoch, wo sie dasselbe in London untergebracht habe und vor ihm verborgen halte. Wennich es übernehmen wollte, Jenny zu entführen, so würdeich ihre Seele retten, denn die Mutter würde das Mäd-chen zu einem lasterhaften Lebenswandel erziehen. So

ließ ich mich also zu dem kühnenUnternehmen bewegen, denn ichglaubte ein gutes Werk zu thun.Der empfangenen Weisung fol-gend, brachte ich das Kind inParis unter, was mir nichtschwer wurde, denn ich besitzedort von meinem früheren Pa-riser Aufenthalte her eine Be-kannte, welche das Kind aufmeine Bitte gern in Pflegenahm."

Und bei derselben befindetsich Jenny noch?"

Ja."

Haben Sie mit Ihrer Be-kannten früher in Briefwechselgestanden, so daß sie Ihre Hand-schrift kennt?"

Wir haben uns sehr häufiggeschrieben," nickte Anna.

Würden Sie wohl ein paarZeilen an Ihre Freundin nieder-schreiben, worin Sie dieselbeersuchen, dem Ueberbringer desBriefes das Kind zu über-geben?"

Sehr gern," antwortete Anna, und zum Zeichen,daß sie auf der Stelle dazu bereit sei, begann sie ihreHandschuhe auszuziehen.

Volkmar holte das nöthige Schreibmnterial herbeiund Anna schrieb den Brief, den sie ihm dann nebstdem Couvert mit der genauen Adresse ihrer Freundinüberreichte.

Volkmar überlas beides und dankte.

Erfuhren Sie in London nicht von Frau Websterden Familiennamen Jenny's?" erkundigte er sich.

Nein; ich frug überhaupt nicht darnach, sondernnahm selbstverständlich an, daß sie Petersen heiße, wieihr Vater, denn unter diesem Namen hat er sich bei mireingeführt, während ich ihn heutevon Harnisch" nennenhörte."

Volkmar hatte während des bisherigen Gesprächesmeist am Fenster gelehnt. Er ließ sich jetzt Anna gegen-über auf einem Fauteuil nieder und begann auf's Neue:

Die Vorgeschichte Ihrer Bekanntschaft mit ihm