Ausgabe 
(13.2.1894) 13
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glaube ich bereits zu kennen, indem ich wohl annehmendarf, daß Ihre Frau Schwägerin sie damals ziemlichrichtig erzählt hat: er kam, um ein Bouquet zu kaufen,und mährend Sie mit der Zusammenstellung desselbenbeschäftigt waren, wußte er sich Ihnen durch seine an-genehmen Manieren liebenswürdig zu machen."

Anna bejahte.

Auf welche Weise setzte eraber nun die mit Ihnen geknüpfteBekanntschaft fort?"

Er erschien Tags darauf inder Abendandacht unserer Ge-meinde, nahm neben mir Platz,da gerade ein solcher frei war,und bat um die Erlaubniß, meinGesangbuch mitbenutzen zu dür-fen, weil er keines hatte. ImLaufe des Abends gab er mirzu verstehen, daß er nur wegenmir gekommen sei und sich auchzur nächsten Andacht wieder ein-finden werde."

Begleitete er Sie nicht aufdem Nachhausewege?"

Nein, denn Frau Rollensteinging mit mir; auch war dersonst nur wenig begangene Weggerade sehr belebt, da eine inder Nähe ausgebrochene Feuers-brunst viele Menschen herbei-gelockt hatte. Wie er versprochen,stellte er sich in der nüchstenAbend-Andacht wieder ein. Diesmal warneben mir kein Platz frei, dochkonnten wir einander im Augebehalten, beim Hinausgehen hielter sich in meiner Nähe; draußenwar er mir plötzlich entschwun-den. Der Abend war sehr dunkel;ih glaubte, er sei voraus undwar ungeduldig, vorwärts zukommen. Aber gerade heute gingFrau Rollenstein noch langsamerals sonst. Da holte uns Schön-aich ein, und während er mitFrau Nollenstein sprach, eilteich voraus, in der Hoffnung,

Petersen zu treffen. Ich fandihn jedoch nicht und ging, vonZeit zu Zeit vergeblich auf FrauRollcnstcin wartend, langsamnach Hause. In der Zwischen-zeit geschah das Schreckliche. FrauNollenstein wurde von Schönaich ermordet und ich werde mir Zeitmeines Lebens zum Vorwurfmachen, daß ich einer Liebes-tändelei wegen die alte Frau imStiche ließ und sie in FolgeHand des Mörders überlieferte

Im Gegentheil! wünschen Sie sich Glück dazu-denn wenn Sie bei Frau Nollenstein geblieben wären,so wären Sie unfehlbar als erstes Opfer des Mördersgefallen," erklärte Volkmar, welcher dem eben ver-

nommenen Berichte mit der schärfsten Aufmerksamkeitgefolgt war.

Anna erwiderte nichts. Sie war bei Volkmar'sWorten, die ihr die eigene Gefahr, an welche sie niegedacht, so plötzlich vor Augen führten, zusammengebebtund bleich geworden.

Uerstotzen. Nach dein.' Gemäli

dessen gewissermaßen der

Eine große, fast feierliche Pause trat ein, die Annanicht zu unterbrechen wagte, denn sie sah den Rechts-gelehrten in tiefes Sinnen verloren, worüber er ihreGegenwart gänzlich vergessen zu haben schien.

Endlich frug er:Wann und wo trafen Sie nach-her mit Petersen wieder zusammen?"