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„Etwa vier Tage später. Es war eine rein zu-fällige Begegnung. Ich befand mich auf dem Wege zurstädtischen Sparkasse, wo ich Geld stehen hatte und Zinsenin Empfang nehmen wollte. Da trafen wir auf derStraße zusammen. Er begleitete mich zur Sparbank,wartete unten auf mich und lud mich dann zu einem
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)emc Gemälde von Dieff.enbacher.
Spaziergange ein. Auf diesem Wege erklärte er mir seineLiebe und wir besprachen uns über die Orte, wo wir unstreffen wollten, verabredeten für unvorhergesehene oderdringende Fälle auch die Chiffre einer Korrespondenz imGeneralanzeiger."
„Gab er Ihnen keine Adresse an," frug Volkmar,
„unter welcher Sie ihm hätten auch schreiben können?"— „Nein," antwortete Anna mit einem bitteren Lächeln.„O, mein Gottl ich vertraute ihm blindlings! Er hattemir ja feierlich versprochen, mich binnen Kurzem zuheirathen. Mein Vertrauen ging noch weiter. Er be-fand sich in Geldverlegenheit, da er sein in Amerika an-gelegtes Kapital augenblicklichnicht flüssig machen könne. Ichbesaß ein kleines Vermögen;theils stammte es aus einer Erb-schaft von meiner verstorbenenGroßtante, theils waren es diezurückgelegten Ersparnisse ausmeiner früherenConditionszeit imAuslande. Das habe ich ihm nachund nach fast gänzlich geopfertund auch die Reise nach Londonund Paris habe ich davon be-stricken."
„Aha!" machteVolkmar. „DieSparbank also war das Motivzur Fortsetzung dieses Verhält-nisses gewesen." Zugleich abermußte er staunen, welche Machtein Mann, dem ein bestechendesAeußere, gewandte, einnehmendeManieren und ein hoher Gradvon Keckheit zur Seite stehen,über ein weibliches Herz zu ge-winnen vermag, und wie diesesverstandesrcife Mädchen, welchesbei Jenny's Entführung doch sogroße Klugheit bewiesen hatte,von der Liebe so vollständig mitBlindheit geschlagen werdenkonnte, daß sie einem Schurken,der ihr nicht einmal sagte, woer wohnte, so unbegrenztes Ver-trauen schenkte!
„Sie werden an dem Böse-wicht,derSieso schändlich hinter'sLicht geführt hat, eine furcht-bareGenuglhuung erleben," sagteder Rechtsgelehrte, „das kannich Ihnen mit großer Sicherheitprophezeien. Sie wissen gar nicht,von welcher schwerwiegenden Be-deutung die Mittheilungen sind,die Sie mir soeben gemacht haben.Lassen Sie mich indessen nocheinmal auf Ihr erstes Bekannt-werden mit Petersen zurückkom-men. Was sprach er mit Ihnen,als Sie ihm das Bouquet zurechtmachten? Er lenkte das Gesprächauf Frau Rollenstein, die ja auchselbst im Garten erschien; nichtwahr?"
,Ja/
antwortete Anna unbefangen.
(Fortsetzung folgt.)