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Konnten die auflodernden Flammen nicht die Flamme derLiebe symbolisiren, welche die Lebenden ihren Todten ent-gegenbrachten; nicht das mächtige, goldene Erstrahlen desFeuers das glückselige Befinden der verstorbenen „Reinen"(Seligen) andeuten?! Und das Funkensprühen, das gleich-sam gewaltsam hervorbricht, nicht den Trauerschmerz sym-bolisiren, der sich aus der Seele Tiefe emporringt, Stoß-seufzern gleich, und Bittgebete mit Opfergaben darbringt?!Es wurden Früchte und Getränke geopfert.
Dieses Todtenfest der Heiden hatte unzweifelhafteinen doppelten Charakter: es galt nämlich sowohl den-jenigen Verstorbenen, welche als „Reine" — Selige— an einem Wonneort (Paradies, Himmel) sich befinden,als denjenigen, welche als Büßende noch an einem„Reinigungsorte" — Purgatorium, Fegfeuer — weilten.So war dieses Todtenfest gleichsam eine Vereinigungjener Feste, — wenn der Vergleich gestattet ist, die wiran „Allerheiligen" und „Allerseelen" feiern.
Es ist mehr als nur merkwürdig, daß die uralten
„Ein; Richter, der da Alles steht und aufschreibt,
Der hält Gericht im tiefen Echoe) der Erde."
„Der Sünder („Böse?") büßt, der Uebelthäter leidet,
So lange als besteht ein Gott, der richtet."
Unter dem Büßen des noch mit Sünden — mit„Bösem" Behafteten ist wohl der Reinigungsort zu ver-stehen und unter dem Leiden des Uebelthäters das„immerwährende" — ewige Leiden im Tartarus —gleich der Hölle.
Bei unsern heidnischen Vorfahren, den Germanen,die aus dem alten Parsenlande oder aus Indien (Hindu-reich) stammten, hieß der Todtenrichter, Sprecher inTodtenheim — „Nonäon" — liiunä. Von ihm heißtes in der Edda — der „Bibel" der heidnischen Ger-manen: Er sei der Gin-König (Gin-Geister), Todtenfürst,welcher die „Erlösungszahl" des Ausgangs berechnet, unddaß "Ifiunä einst kommen („wiederkommen!") werde —von dannen — wo er aufschreibt — im Weltalter-schluß („I gchänr röfi") u. s. w.
Die alten Heidenvölker glaubten auch an ein „Glüh-
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Thal Josaphat.
Völker schon an ein Jenseits — und an Belohnung undBestrafung und Reinigung in einer andern Welt glaubten.So wissen wir z. B., um nur an Eines zu erinnern,aus den religiösen Schriften der Aegypter (als denältesten — uns bekannten Schriften aller Völker), daßdiese Heiden an ein Todtenreich mit einem TodtenrichterRad am ent — glaubten. „Nadament sieht Alles undschreibt alle guten und bösen Thaten der Sterblichenauf", heißt es.
Aus diesem Radament wurde bei den Hellenen
— oder Griechen — der Todtenrichter Amenthes. Alsdie Griechen mit den Aegyptiern in enge Verbindungkamen, nahmen sie auch ihre religiösen Anschauungen auf.Sie gestalteten sie allerdings nach ihrer eigenthümlichen
— individuellen Weise; dennoch aber erscheint im Grie-chischen Manches aus der ägyptischen Glaubenslehre fastwortwörtlich. So heißt es z. B. in Bezug auf denTodtenrichter bei dem griechischen, dramatischen DichterAischylos (Aeschylos ):
Wasser", an einen Feuer strom, der Phlegaton, Acheronund Marstrom benannt; durch diesen Feuerstrom, derauch einen Feuerwasserfall hat, müssen die Seelender Verstorbenen, als durch ihr Purgatorium — Feg-feuer. Unwillkürlich wird man da erinnert an die Stelle imersten Briefe des Apostels Paulus an die Corinther —Kp. III, 13: „Jedermanns Werk wird offenbar werden,denn der Tag des Herrn wird es zeigen, weil es imFeuer enthüllt wird; und Jedermanns Werk, wie essei, wird das Feuer erproben."
Das sind keine „Märchen" oder „Erdichtungen",wie die „Weisen der Aufklärung" und oberflächlicheMythologen spöttisch glauben machen wollen. Aus derMythologie — der heidnischen Religionslehre, so märchen-haft und mißgestaltet sie auch immerhin sein mag, blitzenimmer noch die, wenn auch gebrochenen, Strahlen —unverwüstliche Wahrheiten einer einstmal bestandenen,allgemeinen Urreligion hervor.
Klar ausgeprägt und auf wirklich erstaunliche Weise