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Areitag, den 16. Februar
Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Gralrherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler ).
Auf verwegener Wahn.
Kriminalnovelle von Gustav Höcker .
(Fortsetzung.)
»Da er Sie am andern Abend in der Methodisten-Kapclle aufsuchte, so mußte er natürlich von Ihnen ge-hört haben, daß Sie dort zu treffen sind," forschte Volk-mar weiter.
„Gewiß, nachdem er von mir vernommen hatte,daß Frau Höllenstein eine regelmäßige Bcsnchcrin derAndachten sei und daß ich sie begleite."
„Kam es bei dem Hin- und Hcrplaudern über dieSeltsamkeiten der alten Dame nicht zur Sprache, daßdieselbe sehr geizig sei, so geizig, daß sie, trotz ihresgroßen Reichthums, nicht einmal ein Dienstmädchen halte?"
„Ja, das sagte ich ihm."
„Lenkte sich das Gespräch nicht auch auf die vonihr allein bewohnten Räume —"
„Ja."
„Daß z. B. den Zugang zu der Wohnung ein ab-geschlossenes, von dem übrigen Theile des Gebäudes,getrenntes Treppenhaus bilde?"
„Auch davon war die Rede," bestätigte Anna, er-staunt, daß der Advokat die Einzelheiten jener Unter-haltung so genau errieth.
„Wußte er Ihnen nicht auch zu entlocken," frugVolkmar weiter, „daß Frau Nollcnstein Abends beimNachhausekommcu sich mittelst ihrer Handlaterne selbst dieTreppe hinaufleuchtete und daß sie bei ihren Ausgängenihre sämmtlichen Schlüssel mitzunehmen pflegte?"
„Mein Gott, ja!" rief Anna stutzig.
„Ich würde zum Schluß noch fragen, ob er sich auchüber die Zuverlässigkeit des Gerüchts zu vergewissernsuchte, daß Frau Nollenstein ihr Geld in der Wohnungversteckt halte, aber —"
„Nein, das frug er mich nicht," warf Anna da-zwischen.
„Aber das war ihm bereits vorher bekannt," voll-endete der Nechtsgelehrte wie im Selbstgespräch.
Anna war aufgesprungen. Ein Schauder ging durchihren erbebenden Körper. Sie schloß ein paar Sekundenlang die Augen, wie vor einer schrecklichen Vision.
Volkmar blickte sie fest an und sagte, indem er denZeigefinger emporhob, in bedeutungsvoll mahnendem Tone:„Was wir miteinander jetzt gesprochen haben, bleibt tiefesGeheimniß zwischen uns. Verstehen Sie?"
Noch vermochte Anna nicht zu sprechen. Sie preßtedie Hände auf die Brust und antwortete nur durch einstummes, lebhaftes Kopfnicken.
„Herr Doktor I" begann sie endlich, während es inihren Augen aufleuchtete. „Sie sprachen vorhin von einerfurchtbaren Genugthuung, die mir bevorstünde. Ich ahnejetzt, was Sie mit dem Worte furchtbar gemeint haben.Der Mörder Frau Nollcustcin's heißt nicht SchönaichlO, wie hat mein thörichtes Herz mich verblendet!"
Der Advokat schwieg. Anna wollte sich verabschieden.
„Noch einen Augenblick," bat Volkmar. Nach einigemNachdenken fügte er hinzu: „Tranen Sie sich die aller-dings fast übermenschliche Selbstverleugnung zu, IhreRolle als Petersen's Geliebte uöthigenfalls noch ein paarTage lang weiter zu spielen? Fühlen Sie die Kraft insich, ihm ein lächelndes Gesicht zu zeigcu, Ihre empörtenGefühle zu verleugnen, Ihren Abscheu zu unterdrücken?"
Anna zögerte.
„Noch wiegt er sich in voller Sicherheit," fuhr Volk-mar fort. „Es ist Alles daran gelegen, ihn für eine kurzeFrist in diesem glücklichen Wahne zu erhalten, um ihmdann um so überraschender die Schlinge über den Kopfzu werfen. Brechen Sie aber das Verhältniß mit ihmjetzt kurzer Hand ab, so wäre das eine sehr deutlicheWarnung für ihn, auf seiner Hut zu sein."
Anna schwankte nun keinen Augenblick mehr. „Ja,ich will mich überwinden," rief sie mit wildern Haß inihren flammenden Augen und mit dem Hcldcnnmthe destödtlich gekränkten Weibes, dem zur Kühlung seiner glühen-den Rache kein Opfer zu groß ist, „ich fühle mich starkgenug, ihn zu täuschen; ich will ihn um keinen freund-lichen Blick, um kein zärtliches Wort verkürzen, und wennes sein müßte, will ich ihm sogar die blutbefleckte Mörder-hand küssen. Ja, das will ich!"
Mit diesem heroischen Versprechen schied Anna vondem Nechtsgelehrten.....
Von welcher Seite Volkmar die überraschenden Auf-klärungen, welche ihm im Anschlüsse an die Ergebnisse derletzten Tage diese Stunde gebracht hatte, auch betrachtenmochte, so schienen dieselben doch in unlösbarem Wider-spruch zu der Thatsache zu stehen, daß Harnisch in jenerNacht, wo Frau Rollenstein ermordet worden war, nach-gcwicsenermaßen in einem Hotel in Köln übernachtet hatte.Hier war offenbar eine Täuschung im Spiele, so schwersich dieselbe auch enträthseln ließ. Harnisch war, wie Volk-mar gleich zu Anfang geargwöhnt hatte, Frau Rollen-