Ausgabe 
(16.2.1894) 14
Seite
94
 
Einzelbild herunterladen

94

stein's Mörder. Er hatte die alte Frau beseitigt, um sichan der Hand ihrer Erbin den Weg zu ihrer Million zubahnen. Als er durch Siglindens Weigerung, eine Erb-schaft anzutreten, auf welcher die Blutschuld ihres Vatersruhen sollte, seinen Plan gefährdet sah, ersann er sichjenes Märchen, welches die ganze Schwere des Verdachtesauf Jmhoff wälzte. Unzweifelhaft aber hatte er dieseletztere Nothwendigkeit schon früher in's Auge gefaßt undJmhoff im Kastanienwäldcheu ermordet, denn die Todtenkönnen nicht reden. Daß Jmhoff der Fremde gewesen sei,den Martha in Abwesenheit ihrer Herrschaft empfing, be-zweifelte Volkmar nicht; wahrscheinlich hatte er Schönaich die Kunde vom Tode Erika's überbringen wollen. Erhatte sich seitdem nicht wieder gezeigt, denn noch an dem-selben Abend fiel er als Opfer von Harnisch's Würger-hand. Um jede Nachforschung nach den Personalien derLeiche unmöglich zu machen, entkleidete der Mörder die-selbe. In seinem teuflisch berechneten Plane hatte er aberdas Kind Jmhoff's und Erika's vergessen. Als Siglindeihm die beiden Briefe Frau Webster's zeigte und ihmerklärte, daß sie Jenny zu sich nehmen werde, war seinEntschluß schnell gefaßt. Unmöglich hätte selbst dieser hart-gesottene Verbrecher ein Kind um sich dulden können, dessenAnblick ihn täglich an den hingcmordeten Vater desselbenmahnen mußte. Er ließ Jenny entführen und zeigte sich,während dies geschah, absichtlich öfter im Bureau desAdvokaten, um seine Anwesenheit in der Stadt zu kon-statircn.

Das waren die Hauptzüge, in welchen sich dem Nechts-gelehrten diese Verkettung von Mord und Trug darstellte.Aber seinem im Labyrinthe des Verbrechens geschultenAuge wollte sich blitzartig ein noch tieferer Blick eröffnen,vorläufig nur im grauen Dämmerschcine einer fast ver-wegenen Ahnung. Um dieser tief verborgenen Spur nach-zugehen, begab er sich noch am Abend desselben Tages,wo er Anna's Geständnisse vernommen hatte, auf einegehcimnißvolle Reise, ohne zu hinterlassen, wohtn ihndieselbe führe.

* H

*

Acht Tage später erhielt Siglinde von Doktor Volk-mar ein Billet, worin er sie bat, ihm um eine bestimmteStunde ihren Besuch zu schenken, mit dem Hinzufügen,daß er ihr eine wichtige Mittheilung zu machen habe.Siglinde wußte, daß er verreist war, und hatte mit fieber-hafter Ungeduld seine Rückkehr erwartet, denn in derZwischenzeit war etwas geschehen, dessen weittragende Be-deutung von der Nachricht, welche der Anwalt des Vatersfür sie bereit halten mochte, kaum überboten werden konnte.Wahrscheinlich hatte er auch bereits Kenntniß davon undwollte nun mit ihr darüber sprechen, daher sie sich auchdurchaus auf keine Neuigkeit gefaßt machte. Als sie in'sZimmer trat, saßen bereits zwei Männer da, allem An-schein nach ebenfalls Klienten, welche darauf warteten,zur Konsultation vorgelassen zu werden. Sie wollte daherbescheiden zurücktreten, wurde aber von einem der Schreibersogleich in's Sprechzimmer geführt, wo Volkmar sie auf'sHerzlichste empfing.

Darf ich annehmen, daß Ihnen das Neueste be-reits bekannt ist?" frug Siglinde sogleich nach der erstenBegrüßung.Wissen Sie schon, daß ich von Jmhoff einenBrief erhalten habe, worin er sich des Mordes an meinerTante für schuldig bekennt? Da er seine Absicht nichterreicht habe, fügte er diesem Bekenntniß hinzu, so wolleer nicht, daß ein Unschuldiger an seiner Stelle zur Ver-

antwortung gezogen werde. Man möge sich nicht erstMühe geben, nach ihm zu forschen, denn wenn dieseZeilen in meine Hände kämen, habe er bereits die Stadtverlassen, um irgendwo sein aussichtsloses, elendes Lebmin einem Strome zu begraben. Das ist der Inhalt desBriefes, den ich aber nicht mitbringen konnte, weil ichihn sofort dem Staatsanwalte übergeben habe."

Mit unbeweglicher Miene hatte Doktor Volkmar zu-gehört.

Ich habe den Brief vor zwei Stunden bereits ge-lesen," erwiderte er ruhig.

Hat der Staatsanwalt Sie rufen lassen?"

Nein, ich ging zu ihm, um einen Verhastsbefehlgegen Jmhoff zu erwirken, was ich auch erreicht habe."

Einen Verhastsbefehl gegen einen Todten?" frugSiglinde befremdet.

Ich werde ihn auferstehen lassen," versetzte derNechtsgelehrte,und Sie selbst werden ihn noch heute,noch in dieser Stunde von Angesicht zu Angesicht sehen."

Mit heftiger Bewegung preßte die erstaunte Siglindedie Hände aneinander und schüttelte in stummer Über-raschung den Kopf.

Ich habe Ihnen von meiner Reise ein Geschenkmitgebracht," lenkte Volkmar von dem Gesprächsgegenstandeab, während ein glückliches Lächeln um seine Lippenschwebte,es ist eine Gabe, an die sich Freude undSchmerz zugleich knüpfen. Bitte, treten Sie ein, FräuleinSiglinde."

Mit diesen Worten schob er die Portiere zurück,welche, noch nicht wieder durch die Thüre ersetzt, in denkleinen Salon führte. Hier wartete Volkmar's Haus-hälterin, mit einem Kinde an der Hand, welches in derUmgebung dieses grünenden und blühenden Zimmergartensselbst wie eine duftende Blume erschien.

Es war ein dreijähriges Mädchen in einem hell-blauen Kleidchen mit ebensolchen Schleifen auf denAchseln und einer blauseidencn Schärpe um die Hüften.Um den weißen Hals schwang sich eine doppelte Korallen-kette, von der ein goldenes Kreuz herabhing. Langedunkle Locken umrahmten das liebliche Gesichtchen, auswelchem ein Paar sanfter, brauner Augen hervor-schimmerten.

Wer konnte dieses Kind sein, wenn Volkmar voneinem Geschenk gesprochen hatte und die schönen, braunenAugen wie die dunkle Lockenfülle Siglindcn auf denersten Blick das Bild ihrer Schwester Erika in dieErinnerung zurückriefen? Was Siglindcn die ahnungs-volle Stimme ihres Innern auf die Frage antwortete,wurde durch Volkmar nur bestätigt, indem er ihr daskleine Mädchen mit den Worten zuführte:

Sieh, Jenny, das hier ist Deine Tante Siglinde,Du wirst sie lieb haben, denn sie hat Dich auch sehr lieb."

Eine Weile war Siglinde starr und sprachlosgeblieben; nun aber wich die Ueberraschnng mächtigerenGefühlen, sie stürzte auf das Kind zu, riß es in ihreArme, drückte es an ihr Herz und ließ dem unaufhalt-samen Strome ihrer Thränen freien Lauf. Dieses lebendigeAndenken an ihre Schwester rief auf's Neue den ganzenSchmerz um die Todte in ihr wach und war ihr zugleichein beseligender Trost, ein süßes Vermächtniß, in welchemdie Unglückliche, die auf dem Meeresgrunde ruhte,weiter lebte.

Ergriffen blickte der Nechtsgelehrte auf die stummeSzene, die von keiner Frage Siglindens, wie er den