Ausgabe 
(16.2.1894) 14
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Aufenthalt des geraubten Kindes entdeckt habe, unter-brochen wurde.

Da hörte man durch die leichte Portiere hindurchim anstoßenden Sprechzimmer die Thüre aufgehen unddie Schritte eines Eingetretenen, welcher, das Zimmerleer findend, unschlüssig stehen blieb. Volkmar warf nocheinen Blick voll schmerzlichen Mitleids auf Jenny, fuhrsich mit der Hand nach den Augen und hielt dieselbenein paar Sekunden lang bedeckt. Dann begab er sich insein Sprechzimmer.

Siglinde hörte ihn mit seinem Besucher reden underkannte an der Stimme Herrn von Harnisch. Aus denbegrüßenden Worten entnahm sie, daß dieser auf Volk-mar's Einladung erschienen war. AIs Jenny Harnisch'sStimme vernommen, hatte sie plötzlich hoch aufgehorchtund ihr Antlitz ängstlich in Siglindens Schooß verborgen.

Ich beglückwünsche Sie", sagte Volkmar,unsereSache kommt jetzt in Fluß. Ihre Vermuthungen scheinensich glänzend bestätigen zu wollen; der Staatsanwaltschaftliegt ein Brief Jmhoff's vor, worin der lebensmüdeMörder seine Schuld bekennt. Damit sind jedoch dieNeuigkeiten, die ich für Sie habe, noch nicht erschöpft,denn auch eine Ueberraschung anderer Art steht Ihnenbevor."

Während seiner letzten Worte hatte sich der Advokatder Portiere genähert und winkte Siglindcn, mit derkleinen Jenny hereinzukommen.

Das Kind wollte jedoch nicht von der Stelle. Esbegann laut zu weinen.

Was ist das?" frug Harnisch stutzig.

Sind Ihre Nerven gegen das Weinen eines Kindesso empfindlich?" lächelte der Advokat.Wahrhaftig, Siesind ganz blaß geworden!"

Siglinde hatte ihre widerstrebende Nichte durchLiebkosungen beschwichtigt und trat jetzt, mit der Kleinenauf dem Arme, hinter der Portiere hervor.

Kaum hatte Jenny Herrn von Harnisch erblickt, alsder Nuf:Papa!" ihren Lippen entglitt.

In dem Tone ihrer Stimme, in dem Blicke, womitsie den Genannten ansah, lag eine Scheu, wie Kindersie vor strengen Vatern fühlen, bei welchen die Zucht-ruthe die Stelle der Liebe vertritt. Nasch hatte das Kindsein Gesicht wieder abgewandt und sich ängstlich an Sig-linde geschmiegt. Diese fühlte das Zittern des kleinenKörpers, den beschleunigten Schlag des angsterfülltenHerzchens. Sie wußte nicht, was sie denken sollte, alssie von den Lippen der Kleinen jenen vertrauten, in un-mittelbarer Beziehung zu Harnisch gebrauchten Namenvernommen hatte und den also Angeredeten vor demAnblicke des Kindes zurücktaumeln sah, als hätte ihneine Dolchspitze berührt.

Nur Volkmar war ruhig geblieben.Bringen SieJenny fort," befahl er der Haushälterin, die noch imanstoßenden Zimmer verweilte. Sie nahm das Kind vonSiglindens Armen und entfernte sich damit.

(Fortsetzung folgt.)

GoldkSvner.

Verschiebe nichts, mein säumig Herz,

Aus eine bcss're Zeit!

Auf Zeitverlust folgt Neu' und Schmerz,

Auf Trägheit Traurigkeit. Geibel.

---8LSSSLS--

Die Vorläufer des Telegraphen.

Von Don Josaphet.

lNachdruil vkrbotcn.z

Glaubwürdige Geschichtschreiber versichern, daß dieFernschreibekuust oder Tclegraphie bereits im Alterthumbekannt war, und alle Umstände berechtigen uns, dieserAnsicht beizustimmen. Wenn wir die häufigen Kriegeund Fehden, in welche die Alten verwickelt waren, sowiedie Unsicherheit und Langsamkeit der Mittheilungen durchBoten und Läufer bedenken, so werden uns die Be-strebungen, jede wichtige Nachricht sicherer und in kürzererZeit zu befördern, sehr leicht erklärlich.

Natürlich konnte bei der einfachen Technik derAlten die Tclegraphie sich anfangs nur auf leicht inder Ferne wahrnehmbare Zeichen beschränken, über derenBedeutung vorher eine Ucbereinknnft getroffen war. Dieswar die sogenannte Signalknnst, aus welcher sich all-mälig im Lause der Zeiten die eigentliche Tclegraphieerst entwickelte.

Phönizier, Syrier, Hebräer und Griechen kanntenohne Zweifel diese Art der Fernschreibcknnst und bereitsAeschylos , der griechische Tragiker (525450 v. Chr.)erwähnt in seinem Agamemnon der optischen Tclegraphiedurch Signale. Klytümnestra erfuhr durch Signalfcuerden Fall Troja's (1184 v. Chr.) in Kleinasien , währendsie in Mykenä (Griechenland ) weilte, und die betreffendenVerse lauten:

Cbor.

Und welcher Bote flog so flügelschncll?

Klytämnestra .

Vulkan, der bis von Jda'S Gipfel herGlanzstrahlend Fackel stets an Fackel zünd't

Ein wandernd Feuer. Vom Jda leuchtet eSBis an des Hermes Hügel an dem See.

Den dritten Strahl nahm Athos' Gipfel aufUnd sprüht ihn über'n Rücken Hellcspont'sSchön flammend wie der Sonne MorgcnglanzBis zu MckistnS' Wache. Da sie's sah,

Verschlummerte sie nicht die Botenpflicht.

Fern über des Euripus Wirbel hinTrug dann die Flamme Botschaft zu der HutMczanienS; die zündete ein Feu'rArgiv'scher Reiser an; die hohe FlammeWallt über des AcsopuS Eb'ncn hinHell wie der Mondstrahl und entlockteCythercnS Hügel eine Wechselsiamme.

Weit über den Gorgop'schen SpiezclseeGlänzt sie und mahnt die Hüter Acgipkankt'öDer Botenpflicht: mit ungcschwachtee KraftEntzündet sie ein hcllcö Feuer, undAlsbald erglänzt der große FlammcnbartUnd strahlet über des SaronischcnVorbergcs Spitze, weit hinüber bisSie allerletzt die Hügel dieser StadtErreicht; und so trug Jda'S TochterflamineDie Kunde unter der Atriscn Dach.

So hatt' es eure Königin geordnet, soErfüllten meine Wächter ihre Pflicht.

Dies möge nur als Beispiel dienen, wie die Altensich auch ohne den heutigen Telegraphen ganz gut be-hülfen haben und wie Athen und Sparta ihren Bundes-genossen, Jerusalem seinen Brudern auf den Höhen desgalilüischeil Gebirges, der König von Damaskus demHerrscher Jsrael's in Thirza oder Samaria Mittheilungenwachen konnten.

Später meldet der Geschichtschreiber Scxtus JuliusAfricanus, Christ aus Emmans in Palästina (232 n. Chr.),von einer Vorrichtung, welche es ermöglichte, bestimmteBefehle auf große Distanzen zu signalisireu. Auf jederder beiden Stationen befindet sich ein mit Wasser ge-