Ausgabe 
(16.2.1894) 14
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fülltes Gefäß von gleicher Höhe und gleichem Durch-messer. Auf der Oberfläche schwimmt eine hölzerneScheibe, in die ein vertikaler Stab befestigt ist, an welchemeine bestimmte Anzahl von Nummern, z. B. 25, ver-zeichnet sind; das Niveau ist so gestellt, daß sämmtlicheNummern über den Rand des Gefäßes hinausragen.

Sobald man nun durch Signalfeuer oder durcheine Gruppe von Fackeln das Zeichen gibt, wird inbeiden Gefäßen zu gleicher Zeit das Wasser abgelassenund zwar von der signalisirenden Station so weit, bisdie gewünschte Nummer auf dem Stäbe in der schwim-menden Scheibe, welche je nach der Menge des abflie-ßenden Wassers sinkt, mit dem Rande des Gefäßesgleichsteht, was dann selbstverständlich auch auf der an-dern Station der Fall sein muß. Auf ein gegebenesZeichen nun werden die Gefäße wieder geschlossen, diebezeichnete Nummer, die einen bestimmten Befehl aus-drückte, wird abgelesen und danach gehandelt.

Endlich spricht auch der Grieche Polybios (ch 122v. Chr.) von einer Art Fackelschrift, um in weiten Ent-fernungen zu korrespondiern. Er theilt das Alphabetin drei Theile, jeden zu acht Buchstaben, welche er durchebenso viele Fackeln bezeichnet und ausdrückt. Jede Stationhat auch drei Abtheilungen, rechts, links und die drittein der Btitte. Eine bis acht Fackeln rechts bedeutendie ersten acht Buchstaben, eine gleiche Zahl Fackeln inder Mitte die folgenden, acht Fackeln links die letztenacht Buchstaben des Alphabets. Auf der beobachtendenStation sind auf diese drei Punkte horizontale Röhrengerichtet, während die signalisirende Station an andererStelle durch eine bestimmte Zahl von Fackeln andeutet,ob der Buchstabe rechts, links oder in der Mitte zusuchen sei.

Sinnreich war dieser Vorschlag allerdings aberäußerst umständlich. Das mochte der brave TheoretikerPolybios selbst einsehen, denn er brachte später eine Ver-besserung in Vorschlag, die aber um nichts praktischerwar. Uebrigeus ist er der letzte Schriftsteller der älterenPeriode, welcher diesen Gegenstand berührt. Von dabis zum Jahre 1553 findet sich eine bedeutende Lückein der Geschichte der Telcgraphie.

Wohl blieb dem Mittelalter bei den zahlreichenKriegen und Streitigkeiten zwischen Fürsten , Adel undBürgern, bei den alle Aufmerksamkeit auf sich lenkendenKrcuzzügen u. s. f. nicht Muße genug, diesen Zweig derWissenschaft und Praxis weiter zu vervollkommnen undzu pflegen, und erst der italienische Arzt Hi-ronymus Car-danns (ch 1576 zu Rom) aus Pavia , welcher auch zuerstdie Masern und den Flecktyphus untersucht hat, erwähntin seinem Werke Os sudiilitate (1553) eine Methode,um mit einer belagerten Festung zu korrespondirendenn die Päpste damaliger Zeit fochten manchen Strauß welche übrigens der Fackelschrift des Polybios sehrähnlich ist.

Im Jahre 1617 schlug Keßler vor, in einerTonne Feuer anzuzünden, dieses bald mit einem Brettezu verdecken, bald wieder sichtbar werden zu lassen, undso durch die Anzahl der Verdcckungcn eine Art vonSchriftsprache zu bilden.

1663 verspricht ein Marquis von Worcester inEngland eine Korrespondenz zwischen zwei Orten ein-zuleiten, wenn die Entfernung noch gestattet, schwarzund weiß von einander zu unterscheiden.

16 84 besprach Robert Hook in der Londoner Societät

eine Methode, um mittelst geometrischer, aus aneinandergelegten Linealen gebildeter Figuren auf beträchtlicheDistanzen zu telegraphiren.

Erst 100 Jahre später (1785) erschien daserste ausführliche Werk über Telegraphier Bergsträsser'sFünf Sendungen über Synthematographie". Er selbsttelegraphirte zuerst von Hanau nach Philippsburg inBaden .

Im Jahre 1792 überraschte Claude Chappe miteiner neuen Erfindung Frankreich und die damalige ge-bildete Welt sein System war folgendes: Auf einemweithin sichtbaren Orte, einem Thurm, Hügel oder demDache eines Hauses, wurde eine starke, hohe Stangelothrecht befestigt, die einen ungefähr meterlangen Quer-balken trug, so daß das Ganze einem 1 sehr ähnlichsah, da an den beiden Enden des beweglichen Quer-balkens zwei ebenfalls bewegliche kurze Arme angebrachtwaren. Die vielfachen Winkel, die durch die Stellungdes Querbalkens zum Stamm und durch diejenige derkurzen Arme zum Querbalken sich bildeten, ließen un-zählige Combinationen zu. Die Balken wurden durchZiehen von Stricken in Bewegung gesetzt, und wenn manschnell nach einander signalisirte, so bot der Chappe 'scheTelegraph während der Manipulation ein interessantes,stets wechselndes Schauspiel. Die erste derartige Tele-graphenliuie reichte von Paris bis Lille und die Kostender Herstellung beliefen sich auf 100,000 Livres; dieerste Nachricht aber, die der neue Telegraph meldete,war die der Eroberung von Condä a. d. Scheide imOktober 1792. Das war Claude Chappe's Triumph.Doch trotz seiner genialen Erfindung endete er seineTage in Dürftigkeit sein optischer Telegraph hattesich bald überlebt und die Fernschreibekunst trat in eineneue Phase.

Elektrizität war das Zauberwort, das mit einemSchlage alle bisherigen Telegraphen-Systeme verdrängteund sie zu Versuchen stempelte, für welche der Sohn des19. Jahrhunderts nur ein Lächeln der Ueberlegenheithat. Franklin dachte sich schon die Elektrizität alsBeförderin von Nachrichten, doch der Ruhm, seine Ideenpraktisch zu verwerthen, war unserm erfindungsreichenJahrhundert vorbehalten. Sömmering mit seinem elek-trischen Telegraphen (1809), Gauß und Weber in Eöt-tingen mit dem elektromagnetischen Telegraphen (1833),Wheatstone, Hughes, Dumoulin, d'Arlincourt, Lenoir,Sortais, Morse, Caselli schließen die lange Reihe jenergenialen Geister, welche die Welten miteinander verbandenund so großartig vollendeten, was die Alten so bescheidenbegonnen.

Neues aus Sibirien?)

Diesibirischen Briefe", welche dem Folgenden zuGrund liegen, sind, ehe sie zu einem Buch vereinigtwurden, zuerst in der deutschenSt. Petersburger Ztg."erschienen. Sie stammen aus der Feder eines Deutsch-russen, welcher, ein hervorragender Geologe, sich eineReihe von Jahren in amtlicher Eigenschaft in Jrkntsk,nahe dem Baikalsee, aufgehalten und von dort aus weiteStrecken des ungeheuren Landes durchforscht hat. Einegeologische Reise nach China unterbrach seine Wirksamkeitin Sibirien . Jetzt ist er wieder dorthin zurückgekehrt.

*) Sibirische Briefe. Von O. O. Eingeführt vonP. v. Kügelgen. Leipzig , bei Dmickcr und Hnmblot 1894.