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Die Anonymität, in welche er sich hüllt, erscheint insoferneigenthümlich, als sie den russischen Behörden gegenübersich doch wirkungslos zeigen dürfte. Schon aus demInhalte der Briefe muß man in Petersburg den Ver-fasser derselben feststellen können. Es müssen also irgendwelche Gründe besonderer Art sein, welche ihn hindern,jetzt schon mit seinem Namen hervorzutreten. Aber dieBriefe bedürfen auch nicht der Deckung durch irgendeinen bestimmten Namen; aus ihrem Inhalte schon ersehenwir, daß der Verfasser ein, nicht nur fachmännisch,gründlich gebildeter Mann, ein ebenso aufrichtiger alsfreimüthiger russischer Patriot und ein gemüthvoller,wohlmeinender Mensch ist. Für einen größeren Leser-kreis wird das Buch dadurch, daß die Briefform dereinzelnen Berichte unverändert beibehalten worden ist,allerdings mit einem manchmal etwas beschwerlichenBallast beladen. Aeußerungen über Frau und Kinder,trauliche Plaudereien mit den in der Heimath zurück-gelassenen Lieben haben ja gewiß für den betreffendenKreis selbst etwas Herzerquickendes, und das um so mehr,da die Briefe ja nicht auf einmal, sondern in längerenZwischenräumen eintreffen. Erscheinen letztere aber inein Buch zusammengefaßt, das seines sachlichen Inhaltswillen im Zusammenhang gelesen sein will, so wirkenjene Ergießungen und Redewendungen'rein persönlich-privaten Inhalts störend und ermüdend, wenn sie häufigeinen breiten Raum einnehmen; es erscheint dann manchegewiß herzlich gemeinte Wendung süßlich und manierirt,wenn auch ein und das andere Mal eine Beimischungpersönlicher Beziehungen in die sachlichen Erörterungenden letzteren ein wohlthuendes Licht aufsetzen mag. Indieser Hinsicht allerdings könnten die „sibirischen Briefe"eine etwas eingreifendere Bearbeitung ertragen, ohnedadurch zu verlieren.
Der Verfasser traf mit Frau und Kind MitteOktober 1888 in der ostsibirischen Hauptstadt Jrkutskam Ufer der Angara , einem Ausflüsse des Baikaiscesund dem größten Nebenflüsse des Jenissei , ein. DieStadt, in bergiger Gegend gelegen, befand sich vor fünfJahren noch in sehr primitivem Zustande; von .einergroßen, etwa zehn Jahre früher stattgesundenen Feuers-brunst her lagen noch viele Baustellen wüst.
Den sibirischen Winter lernten die Ankömmlingealsbald kennen; Angara und Baikalsee bedecken sichallerdings erst gegen Weihnachten mit Eis, aber strengerFrost tritt schon im frühen Herbste ein, und währenddieser Zeit bilden die erwähnten Gewässer riesige Dampf-und Wolkenbchälter, welche die ganze Gegend Tag aus,Tag ein in Nebel hüllen. Der eigentliche Winter dagegen,bei meist nur sehr geringem Schucefall, ist von ganz wunder-barer Klarheit, die Luft durchsichtiges Glas, der Himmelprächtiges Lazurgewölbe, ganz italienisch, die hartgefroreneErde klingendes Metall. Die Sonne funkelt, als wollesie Melonen reifen, begnügt sich aber, täglich den Nachtsetwa gefallenen Schnee wegzuschmelzen, der sich dannAbends in solides Eis verwandelt. Die Kälte betrugum die Jahreswende zwischen 25 und 40 Grad. AußerThee und Sterlet, von welchem letzteren das Pfund30 Pfennige kostet, sind Lebensrnittel und alle anderenBedürfnisse überaus theuer. Ein eßbarer Apfel kostet45 Pf. bis 1 Mk. 10 Pf., ein Häring ist ein fastunerschwinglicher Leckerbissen. Die Milch wird im Wintergefroren zu Markt gebracht und stückweise verkaufn
Von den Forschungsreisen, welche der Verfasser im
folgenden Sommer unternahm, schildert derselbe einenAusflug nach dem westlichen Ufer des Baikalsee's, alsoin ein Jrkutsk benachbartes Gebiet. Aber der Wegführte in die gebirgige Taiga, den sibirischen Urwald,wo man nur bewaffnet reisen kann, um auf Begegnungenmit dem Herrn des Landes, dem schwarzen Bären, gefaßtzu sein, und wo die unbändigte Natur dem Eindringlingdie denkbar größten Schwierigkeiten bereitet. Im dichtenSchatten des Waldes verwandelt sich der Boden derflacheren Thalhänge und der Thalsohlen in einen tückischenMoosschwamm oder in gefährlichen, von ellenhohem Grasüberwachsenen Sumpf. Wasserlöcher, schlüpfrige Fels-blöcke, glitschriges Moos machen jeden Schritt für Mannund Pferd gefährlich, während im Sonnenschein Myriadenblutgieriger Mücken über beide herfallen. Unter diesenUmständen brauchte unser Reisender mit seiner Begleitung3 Tage, um nach achttägigen Anstrengungen die zuletztnoch übrige Strecke von 12 Werst bis zu einer bestimmtenUferstelle des Baikalsee's zurückzulegen. Hier genoß erallerdings einen von ihm geradezu als hinreißend ge-schilderten Ausblick auf den großen See, dessen bergigeInseln und das am Südufer aufragende Sajangebirge;um aber von dem Gipfel der Anhöhe nach dem ganznahe, am Fuße derselben, dicht am See gelegenen Dörfchenzu gelangen, war nochmaliges Uebernachten in einersteilen Bergschlucht erforderlich, und dann währte daSgefährliche Abwärtsklettern nochmals bis Mittag.
Zkber nicht nur der wilde Zustand des Landesabseits von den großen Verkehrswegen, welche indessenihrerseits selbst noch das Meiste zu wünschen lassen, legtden Forschungsreisenden schwere Hindernisse in den Weg,das Klima vielmehr beeinträchtigt solche Unternehmungenfast noch stärker, indem es ihre Möglichkeit auf einenkurzen Zeitraum einschränkt. Der sehr kalte Winterbeginnt auch im südlichen Ostsibirien schon Ende Oktober/über 10 Grad Kälte erhebt sich von da an das Ther-mometer nie; um so häufiger und andauernder sinkt eSbis auf 35 und 40 Grad; 20 Grad Kälte im Schattensind auch im Februar noch die Regel. Im April sprengenAngara und Baikalsee ihre Eisdecke, und im Mai hüllenWiesen und Felder sich fast über Nacht in frisches Grün.Dabei sind Mai und Juni bei zunehmender Wärmemeist trocken, und im Juni sind, während die Tageshitzebis zum 15. August wächst, auch die Nächte häufigwarm. Dafür sind diese Monate die Saison der fürSibirien so charakteristischen großen und gefährlichenWaldbrände. Juli und August sind Negcnmonate, undschon im letzteren beginnen die Nachtfröste. A)er Sep-tember hat, bei milder Temperatur und klarem Himmel,die angenehmsten, aber leider eben schon recht kurzenTage mit empfindlich kalten Nächten.
An mineralischen Schätzen ist Sibirien reich. Sostellte unser Geologe im Sommer 1889 im BezirkeJrkutsk das Vorhandensein eines kolossalen Steinkohlen-lagers fest, welches für die künftige sibirische Eisenbahneinst von größter Bedeutung sein wird. Auf der diesenUntersuchungen gewidmeten Exkursion und beim Besucheder großen Baikalscc-Jusel Olchon lernte unser Geologeauch das Volk der Burjaten oder Buräten kennen, welchein Transbaikalien großcniheils den Grunvstock der Be-völkerung bilden, dabei freilich nicht viel über 300,000Köpfe zählen. Sie sind Buddhisten, und ihre zahlreichenGötzen und Hausgötter bilden, auf Kommode und Tischchenals Nippsachen aufgestellt, den Hauptschmuck ihrer Wobn-