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ungen. Die menschenfreundlichen Lehren Buddha's habenaber bei ihnen einen steinigen Boden gefunden; die Bur-jaten sind ein mürrisches, unliebenswürdiges Volk. Acker-bau gestattet das Klima nur stellenweise, Viehzucht, Jagdund Fischfang müssen daher hauptsächlich den Lebcns-bedarf liefern. Sicht man von der malerischen InselOlchon ab, in deren Fclsgesiade der See durch Aus-waschung einen wcitnmher als Heiligthum verehrtenBuddhatempel „gebaut" hat, so trägt das von den Bur-jaten bewohnte Land größteuthcils den trostlos ödenund langweiligen Charakter der Salzsteppe. Wie derBoden, so die Bevölkerung.
Im Sommer 1890 besuchte der Verfasser ein Salz-hüttenwerk und verschiedene Goldwäschereien im Lena-Gebiete;^ vorher aber erhielt er noch den Besuch einesKollegen, welcher zwei Jahre als Beamter im Amur-gebiet gedient hatte und von dort zurückkehrte, nachdemdie nähere Kenntniß dieses so viel gerühmten und inRußland eine Zeit lang als Eldorado ausposauntenLandes alle seine Illusionen zerstört und ihm die trost-loseste Enttäuschung bereitet hatte. Dasselbe liegt zwardem nördlichen Japan nahe genug, aber während dortselbst im Herbste milde Luft, warme Sonne, grüneMatten, fruchtbare Thäler Herz und Augen erquicken,liegt hier Schnee auf den Berghängen, und schneidendkalte Nordostwinde machen den Aufenthalt im Freienunraihsam; die traurige Oede nordischer Natur lagert,einen kleinen südlichen Landstrich ausgenommen, auf demganzen Gebiete. Der Grund dieses Gegensatzes liegtin der Unzugänglichkeit deS Amurgebietes für alle warmen,befruchtenden Luftströmungen; dasselbe stellt ein großesKältebasstn dar von unglaublicher Oede, denn auch derso viel gerühmte unvergleichliche Wildreichthum bestehtnur in der Phantasie. Der Verkehr, auch auf denWasserstraßen, ist in der traurigsten Verfassung.
Eine ausführliche Schilderung widmet der Verfasserden Goldwäschereien am Witim , dem östlichen Nebenflüsseder oberen Lena . Win begleiten ihn auf seinem Bootedie Lena hinab, den durch die Goldfeifen schmutzig gefärbtenWitim hinauf. Schon auf dem von ihm in Witimskbestiegenen Dampfer macht sich die Nähe der Gold-regionen im Gesichisausdruck, den Mienen, dem Wesen,den Reden der Mitreisenden bcmerkltch. Das Goldfiebergrassirte noch stark, und die ganze Unterhaltung drehtesich nur um das gelbe Metall. Die Goldwäschereienerklärt der Verfasser für daS größte Unglück Sibiriens .Die einzelnen Alltheile, deren jeder 215—530 Meterbreit und 5,3 Kilometer lang ist, werden von goldgie-rigcn Unternehmern ausgebeutet, welche das durch gutenWald und Wiescnboden ausgezeichnete Land, dessen Alibausich wohl verlohnen würde, rücksichtslos verwüsten. DieGoldseifen liegen an Berghängen mit stürmisch vomGebirge herabkommendcn Bächen, welche das Gold mitsich führen und unten ablagern. Mit der Zeit habendiese Gewässer über das edle Metall eine mehr oderweniger dicke Decke von Lehm, Kies und Sand gewoben,welche „Torf" genannt wird; unter ihr, oft wenige Zoll,oft viele Meter tief, befinden sich die Gold enthaltendenFlnßablagerungen, eben die Goldseifen. Werden aus165 Kilogramm Sand rc. gegen 300 Gramm Goldgewonnen, so gilt dies schon als ein sehr günstigesVerhältniß. Die Arbeiter sind im Ganzen so schlechtbezahlt, daß man ihnen, um allzu systematischen Dieb-stahl zu verhüten, zufällig von ihnen gefundene größere
Stücke Goldes jetzt gewohnheitsmäßig überläßt und be-sonders abkaust, da solche sonst mit Sicherheit ihrenWeg zu den überall lauernden chinesischen Aufkäufernfinden würden. Im Allgemeinen wird der Abbau derSeifen und die Goldwäsche noch in sehr primitiver Weisebetrieben. Früher wurden zu den Arbeiten hauptsächlichsolche entlaufene und wieder eingesungene Sträflinge ver-wendet, welche ihren Namen und ihre Herkunft vergessenzu haben behaupten — eine Kategorie von sibirischenSimulanten, über welche auch Kennan berichtet hat; —sie wurden als Vagabunden verurtheilt und zur Arbeitvermicthet. Seit jedoch Massen von Verbrechern nachder Insel Sachalin gebracht werden, hat sich dies geändert.Jetzt findet man in den Goldwäschereien fast nur noch„freie" Arbeiter aus allen Enden des russischen Neichs,Nationalrusscn, Deutsche, Polen , Baschkiren, Juden undnamentlich viele Jakntcn und Tungusen, meist unglück-liche Opfer der Auswanderungsagenten, welche das Gold-fieber trefflich auszubeuten wußten, wie denn überhauptdas sibirische Auswanderungswescn vor fünf Jahren nochjeder staatlichen Organisation entbehrte. Lange Zeit nochwar es den Arbeitern verboten, Familie zu haben, sodaßsich zu dem Elende noch die grauenhafteste Unsittlichkeitgesellte. Als der Verfasser jene Gegenden besuchte,herrschte dazu noch, namentlich in den kleinen Gold-wäschereien, das schamloseste Trucksystem; die Arbeitermußten alle ihre Bedürfnisse den Magazinen der Besitzerentnehmen, welche oft mehr von diesem Geschäfte, alsvom Eoldgcwinn lebten.
Das Beamtcnpcrsoual der Wäschereien setzt sichmeist auch aus minderwerthigen Leuten zusammen. Sindsie gut bezahlt, so stillen Wein und Karten ihre freienStunden aus, die minder gut gestellten helfen sich mitder Fabrikation falschen Goldes oder mit falschen Wagen.Der Verfasser hat selbst derartige Fälle mit festgestellt.Auch der Schmuggel, namentlich von Branntwein, florirtin den Goldbezirkeu. Längs der Straßen aber, wennman den Ausdruck überhaupt von sibirischen Wegengebrauchen darf, welche von und zu den Goldwäschereienführen, lauern von Strecke zu Strecke, wie sprungbereiteRaubthiere, höhlcuartigc Schuapskucipcn, mit einer Gar-nison von Dirnen. Mancher Arbeiter, dem es wirklichgelungen, sich eine Summe, unter den schwersten Ent-behrungen, zu erübrigen, ist, auf dem Wege nach derHeimath begriffen, in ihnen verschwunden; weit abwärtswurde dann wohl nach Tagen oder Wochen ein nackterLeichnam von der Lena ans Ufer geschwemmt.
Ein trauriges Bild entwirft der Verfasser von denhygienischen Zuständen in Sibirien . Wir heben ausdem betreffenden Abschnitte nur die weiteren Kreisenbisher wohl nirgends bekannt gewesene Thatsache hervor,daß, schon lange bevor Dr. Edward Jenner in England die erste Schutzpockenimpfung versuchte (1796), diese imöstlichen Sibirien geübt wurde. Die Kamtschadalenmachten schon iui sechzehnten Jahrhundert den Kindernbei eintretender Pockencpidemie mit scharfer Fischgräteeinen Riß mitten in das Gesicht und übertrugen indiesen die Pockenlymphe eines Blatternkranken. Trotzdemraffte die Seuche ganze Stämme dahin. Eine grauen-hafte Ergänzung dieser Mittheilungen findet sich in demBüchlein „Aus dem modernen Rußland" von BernhardStern, Berlin , bei S. Cronbach, in dem Kapitel „DieAussätzigen von Jakutsk ."
Von ganz besonderem Interesse ist, daß der Ver-