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fasser, welcher selbst erklärt, von Kennans Büchern überSibirien nur das in Rußland nicht verbotene „Zeltlebenin Sibirien " gelesen zu haben, dessen Darstellungen vomsibirischen Gefängnißwesen seinerseits sachlich durchausbestätigt, wogegen er die entgegengesetzten Schilderungeneines Engländers Mndt für ebenso oberflächlich wieunzutreffend erklärt. Dieser Mr. Windt unternahmgleich nach dem letzten Gefängnißkougreß in Petersburg im Auftrage der russischen Regierung eine Reise durchSibirien , um die dortigen Gefängnisse kennen zu lernenund Kennau's Darstellungen zu widerlegen. Letzteresthat er denn auch, aber, wie unser Verfasser nachweist,ohne die Gefängnisse, auf welche es zunächst ankam,die „Sammelrefervoire" für die Transporte in Tomsk und Tjumen , auch nur gesehen zu haben. Die dortherrschende unglaubliche Ueberfüllnng und der geradezumörderische Einfluß derselben auf die Gesundheit derGefangenen, die haarsträubenden Zustände in den dortigenGefängnißspitälern sind dem Zeugnisse unseres Autorszufolge von Kennan durchaus zutreffend geschildert worden.Dagegen stellt jener den Etappeugefängnissen ein gün-stigeres Zeugniß aus; allerdings erklärt er die Regle-ments derselben für geradezu grausam; aber es kommedabei viel auf die verständige oder unverständige Aus-führung derselben durch die Kommandanten an.
Bis ins Jakutenland und in die trostlose, steinigeTundra (die endlosen Sumpf- und Mooswüsten desNordens, führt uns der Verfasser und läßt uns einenBlick in die eigenartigen Branche und Anschauungendes dortigen Volkes thun. Wir wenden uns indessenzum Schlüsse lieber seinem Urtheil über den Sibirierim Allgemeinen zu. Dasselbe lautet nicht günstig.Bestehen für die Landwirthschaft auch einigermaßen gün-stige Verhältnisse im Gouvernement TouiSk, so liegendieselben in dem von Jrkutsk und den übrigen um somehr im Argen. Mehr als 8 bis 10 Rubel Reingewinnwirft dem Bauern eine Dessjatine Landes (etwa 1 Hektar)nicht ab. Der Mangel an guten und schnellen Verkehrsmit-teln, das Klima rc. kommt dabei freilich sehr in Betracht;im Lenagcbiete z. B. können die Feldarbeiten der Ueber-fchwemmungen wegen oft erst im Mai begonnen werden,und Ende Juli stellen sich bereits Nachtfröste ein. Aberdas größte Uebel sind doch die Stumpfheit, die Trägheit,die Trunksucht des Bauern, sowie das hierauf fußendeTreiben der Kulaks, d. h. der ländlichen Wucherer, unddas Fehlen jedes intelligente» Elements auf dem Lande.Für die Volksbildung ist nur dem Namen nach gesorgt,und in Schulbezirken von der Ausdehnung eines König-reichs sind verabschiedete Lieutenants, gewesene Accisc-beamte, Kauzleischreiber und dergl. als Schuliuspcktorenangestellt. Aehnlich, oder vielmehr noch schlimmer, stehtes mit der Besetzung der Lehrerstcllen. Die Inhaberderselben leben unter dem rein materiellen Landvolke inder tiefsten Verachtung. Und die Mittel, mit welchenman von Petersburg aus dem Uebel steuern möchte,sind verkehrt. Da räth man zum Beispiel, den Landbandurch Einführung des russischen Gemeindecigcnthums zuheben, als ob damit nicht der letzte Sporn zur Thätigkeitim sibirischen, Bauern beseitigt würde. Helfen kannnur die Weckung des moralischen Volksbcwußtseins unddie Eisenbahn. Inzwischen wird freilich noch viel Wasserdie Lena und den Jenissei hinablaufen, und dann kanndie eigentliche Kulturarbeit erst beginnen. Welche Zeitihre Durchführung in dem so ungeheuer ausgedehnten
Lande beanspruchen wird, wenn alles glatt geht, läßtsich auch nicht annähernd absehen.
Der Verfasser schließt, indem er uns seine Berufungzur Theilnahme an jener bereits erwähnten wissenschaft-lichen Expedition nach China mittheilt. Möchte er auchdie Ergebnisse dieser bald in die Oeffentlichkeit gelangenlassen! Man „reist" gern in so angenehmer Gesellschaft.
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ALLSSLsT.
Aus der Zeit der Kämpfe Oesterreichs mit demBergvolks in den Bocche dt Cattaro veröffentlichtein Kriegsberichterstatter von damals im „Pester Lloyd"allerlei Erinnerungen: An einem nebeligen Dezembertageerschien der Pope von Morinje im Gebäude des Bczirks-hanptmanns, wo der kommandircnde General GrafAuersperg wohnte, und bat, zu diesem geführt zu werden.Der General empfing den Ankömmling in gewohnterLiebenswürdigkeit, war aber nicht wenig betreten, alsder hochwürdige Herr nach einigen einleitenden Sätzenin die Tiefen seines schäbigen geistlichen Kleides langte,um daraus sein zu einem Bündel verschlungenes rothesSacktuch hervorzuholen, das er mit großer Wichtigkeitauf dem Tisch ausbreitete. Den General befiel einGrausen, als sein Blick auf den Inhalt fiel. Sechs abge-schnittene Menschcnnasen lagen da als Trophäen einesKampfes, welchen Tags vorher die Männer von Morinjegegen einen Haufen Krivoschianer ausgesuchten hatten.Wie die meisten an der Küste gelegenen Orte, so warauch Morinje treu geblieben. Ueberdies lebten die Bewohnervon Morinje mit den Krtvoschianern wegen irgend einesfrüheren Zwischenfalles in Blutfehde. Um die Treueund Tapferkeit seiner Gemeinde anschaulich zu beweisen,war jetzt der Pope mit einem Fischerboote nach Cattaro hinübergefahren, um dem General die landesüblichenSiegeszeichen huldigend auf den grünen Konferenztischzu schütten. Der General hätte den frommen DienerGottes am liebsten mitsammt seinen Trophäen zur Thürhinauswerfen lassen. Allein — am nächsten Tage wärendie Morinjcsen und ihre Nachbarn zu den Aufständisch»übergegangen. Graf AuerSperg war daher so klug, diePfarrkinder des braven Popen wegen ihrer Treue undTapferkeit zu belohnen. Ueberdies gab er dem Mannezehn Dukaten aus dem Dispositionsfonds des Stabs-quartiers. Um den Werth der Trophäen ins rechteLicht zu setzen, wies der Pope grinsend auf drei Nasenhin, an denen auch die Oberlippe mit kräftigem, schwarzemSchnurrbarte hing. „Die Nasen", erklärte der Pope,„haben also nicht jungen bartlosen Leuten, sonderngereiften starken Männern gehört, die zu überwindeneine besondere Tapferkeit erforderte." Früher war eshier wie in der Herzegowina, in Montenegro und inAlbanien gebräuchlich, den Besiegten die Köpfe abzu-schneiden. Dieser Branch hatte aber mancherlei Nach-theile im Gefolge. Die Leute hielten sich im Kampfemit dem Abschneiden der Köpfe zu lange auf. Auchverursachte das Mitschleppen solcher etwas umfangreicherSiegeszeichen vielerlei Beschwerlichkeiten im Gefechte undauf dem Marsche. Daher verfügte Fürst Danilo währenddes Krieges gegen die Türken im Jahre 1858, daß dieKöpfe der verwundeten oder gctödtetcn Türken nicht mehrabzuschneiden seien. Für eine abgelieferte Nase werdein Zukunft derselbe Preis gezahlt werden.