Ausgabe 
(23.2.1894) 16
Seite
109
 
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Augsburger Post;eitung7.

M 16. Ireitag, den 23. Februar 1894»

??ür die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer Vr. Max Huttler) .

Auf verwegener Mahn,

Kriminalnovelle von Gustav Höcker.

(Schluß.)

Zu der schwurgerichtlichen Verhandlung gegen Jm-hoff waren von auswärts mehrere Zeugen herbeigezogenworden: der Hospitalarzt und eine Krankenwärterinaus Calais, der Zimmerkellner aus dem Kölner Hotel,in welchem Harnisch übernachtet hatte, und Frau Websteraus London. Aus den Fremdenlisten war leicht dashiesige Gasthaus zu ermitteln gewesen, in welchem Har-nisch abgestiegen war und zwei Tage verweilt hatte. Eswar derEuropäische Hof". Von dem Personal des-selben waren der Hausknecht und das Zimmermädchenals Zeugen geladen.

Der französische Arzt aus Calais, welcher Harnischim Hospital behandelt hatte, konstatirte, daß dessen beimSprunge in's Boot entstandene Wunde nach Lage undBeschaffenheit genau mit dem Befunde des Protokollsübereinstimme, welches über die gerichtsärztliche Obduktionder im Kastanienwätdchen gefundenen Leiche aufgenom-men worden war. In Uebereinstimmung mit der Kranken-wärterin, welche den Schiffbrüchigen gepflegt hatte, er-klärte der Arzt auf's Bestimmteste, daß der Angeklagte,Jmhoff, nicht der Patient gewesen sei, sondern nur eineoberflächliche Ähnlichkeit mit demselben besitze. Auch demZimmerkellner aus Köln sowie dem Hausknecht und demZimmermädchen desEuropäischen Hofes" war Jmhofffremd, dagegen wurde er von Frau Webster aus London mit aller Bestimmtheit als der Vater Jenny's wieder-erkannt, der in Begleitung seiner Frau gekommen war,um ihr das Kind in Pflege zu geben, und sich selbstunter dem Namen Jmhoff vorgestellt hatte. Ein sehrverhängnißvolles Jndicium gegen den Angeklagten bildeteauch der Ritterharnisch auf dem Messingschilde des inseinem Besitz gefundenen Handkoffers, welches den letzterenleicht kenntlich machte. Die französische Krankenpflegerinhatte diesen, von seinem Eigenthümer mit in's Bootgeretteten Koffer selbst in Verwahrung gehabt; der Haus-knecht des Europäischen Hofes hatte ihn bei Harnisch'sAnkunft und Abreise in der Hand getragen; das Zim-mermädchen hatte ihn beim Aufräumen gesehen und sichdas Wappen sogar näher betrachtet.

Aber noch ein weiteres, schwer belastendes Momentsollte sich an den Koffer knüpfen. Die Verhandlungkam am ersten Tage nicht zum Abschluß; die am andern

Morgen erscheinenden Blätter brachten über den Verlaufdieses Kriminalprozesses bereits sehr ausführliche Berichte,welche von allen Schichten der Bevölkerung heißhungrigverschlungen wurden. Der darin beschriebene Handkofferführte einen neuen Zeugen herbei. Es war der Portierdes Nordbahnhofs, welchem sich der Koffer mit demRitterharnisch lebhaft in's Gedächtniß geprägt hatte, denner war wegen dieses Gepäckstücks vor einigen Wochenmit einem Fremden in Streit gerathen. Ein Herr,welcher mit dem nachmittags 6 Uhr abgehenden Zugereisen wollte, aber zu spät gekommen war, hatte ihmdiesen Koffer mit der Weisung übergeben, denselben biszum nächsten Zuge, der um Mitternacht abging, aufzu-bewahren. Um diese Stunde war aber, statt des Eigen-thümers, ein anderer Herr gekommen, um den Kofferin Empfang zu nehmen. Der Portier pflegte sich seineLeute gut zu merken, und da er etwas argwöhnisch warund zu jenen Beamten gehörte, die dem Publikum gernkleine Schwierigkeiten machen, so wollte er denKoffer nicht abliefern, mußte sich aber zuletzt dochfügen, denn der Herr legitimierte seine Berechtigungzur Empfangnahme des Gepäckstücks durch Vorzeigungder numerierten Contremarke, welche der Portier demzuerst Gekommenen eingehändigt hatte. Bei der Gereizt-heit des Fremden und der Grobheit des Portiers wares zu einer sehr erregten Szene gekommen, und demLetzteren stand daher das Aussehen seines Gegners umso frischer in der Erinnerung. Er erkannte ihn jetzt inJmhoff sofort mit der größten Bestimmtheit wieder. Auchder Tag, an welchem sich jener Vorfall ereignete, ließsich feststellen: Der Portier hatte an diesem Abende nichtden Dienst gehabt, sondern war für seinen Kollegen ein-getreten, dessen Frau im Sterben lag. Das war am23. August gewesen. An diesem Nachmittage war, wiedie Nechnungsbücher desEuropäischen Hofes" nach-wiesen, Harnisch wieder abgereist; der Hausknecht, welcherdie Droschke besorgt und den Handkoffer hinabgetragenhatte, wußte sich zu erinn»rn, den Hotelgast in seinemZimmer im Gespräch mit einem fremden Herrn gefundenzu haben, welcher dann ebenfalls mit in die Droschkegestiegen war. Er hatte diesen Fremden nicht besondersbeachtet, doch erinnerte er sich, daß derselbe ebensoschwarzes Haar und schwarzen Vollbart gehabt hatte,wie Harnisch. Sehr wahrscheinlich war es Jmhoff gewesen.

Von dem im Kastanienwäldchen gefundenen Leichnamhatte das Gericht mehrere Photographien aufnehmen