Ausgabe 
(23.2.1894) 16
Seite
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lassen: eine derselben war ein fast in Lebensgröße aus-geführtes Brustbild, welches deutlich alle Züge deS Ge-sichtes wiedergab, und in dem letzteren erkannten allemit Harnisch in Berührung gekommenen Zeugen denselbenwieder.

Am 23. August hatte Harnisch bei Schönaich vor-gesprochen und war von Martha, in Abwesenheit ihrerHerrschaft, empfangen worden. Seine genaue Erkundigung,wo sich die Letztere aushalte und wo Gut Rottenbachliege, deutete darauf hin, daß er Schönaich und seinerTochter hatte nachreisen wollen. Dorf und Gut Rotten-bach waren mit der Eisenbahn nur vom Nordbahnhofeaus zu erreichen, sodaß Ziel und Zweck der beabsichtigtenReise ziemlich klar erschienen. In der sechsten Abend-stunde hatte Harnisch, zu spät zum Zuge kommend, demPortier des Nordbahnhofes den Koffer übergeben; umMitternacht war der letztere durch Jmhoff, der sich imBesitze der Marke befand, zurückgefordert worden. Inder Zwischenzeit, und zwar nach gerichtsärztlichem Gut-achten zwischen 10 und 11 Uhr, war Harnisch in demauf dem Wege zum Nordbahnhofe liegenden Kastanien-wäldchen erdrosselt worden. Der Jndicienbeweis stellteunzweifelhaft fest, daß Jmhoff sein Mörder war. Ge-stützt auf die im Koffer seines Opfers vorgefundenenLegitimationspapiere und begünstigt durch eine gewisseÄhnlichkeit mit der Person des Erdrosselten, hatte Jm-hoff sich für Harnisch ausgegeben, und da er sich unterdiesem Namen bei Siglinden einführte und in alle jeneBeziehungen eintrat, in welche Harnisch selbst durch FrauRollenstein's Testament zu der eventuellen Erbin derMillion gestellt war, so war hiemit auch das Motiv zuHarnisch's Beseitigung klar genug gegeben.

Der Angeklagte, welcher zwar hartnäckig leugnete,sich aber dadurch nur in um so größere Widersprücheverwickelte, wurde von den Geschworenen für schuldig be-funden und von dem Gerichtshöfe zum Tode verurtheilt.

Die Argumente, welche Jmhoff's Vertheidiger geltendgemacht hatte, um seinen Clienten des gleichen Ver-brechens an Frau Rollenstein zu entlasten und dasselbean Schönaich haften zu lassen, wußte Volkmar, als dieAnklage gegen diesen zur Verhandlung kam, zu entkräften.

Er wies mit unangreifbarer logischer Schärfe nach,wie die beiden Verbrechen unter sich im engsten Zusam-menhange standen und wie die gleiche Hand, welche diemörderische That an Harnisch begangen, zuvor schon ihrWürgerwerk an Frau Rollenstein vollbracht hatte.

Das ganze Arsenal seiner Beweisgründe gegen Jm-hoff, welche er ebenso unermüdlich wie schlau gesammelthatte, führte er in so scharfer Beleuchtung vor, daß keinwesentlicher Punkt im Dunkeln blieb und ein Motiv sichnaturgemäß an das andere reihte, wie die Glieder einerKette. Mit der ganzen überzeugenden und packendenGewalt seiner Rede trat er für Schvnaich's Unschuldein. Dieser war nicht der Mann, der die Ehre seinerwankenden Firma durch einen Mord an der Schwesterseiner verstorbenen. Gattin zu retten suchte. Nur dasverhängnißvolle Spiel des Zufalles hatte ihn gerade umdieselbe Stunde an denselben Ort geführt, wo ein an-derer bereits der Gelegenheit wartete, nm den wohlvor-bereiteten Mord an Frau Nollenstein zur Ausführungzu bringen, und sicher werde es Niemand mit ruhigemGewissen auf sich nehmen, auf diesen Zufall jetzt nochalle die Verdachtsmomente zu begründen, die gegen Schön-aich vorgebracht waren, jetzt noch auf das Haupt

des greisen Mannes, der wohl durch unverschuldete Un-glücksfülle um sein Vermögen gekommen war, aber nie-mals eine ehrlose Handlung begangen hatte, die furcht-bare Blutthat zu wälzen, wo sich mit erdrückenderSchwere die Schuldbeweise gegen einen ehemaligen kali-fornischen Spielhöllenpächter, einen entlarvten Betrügerund zum Tode verurteilten Mörder wendeten.

Unter lautlosem Schweigen der überfüllten Tribünenverkündete am Schluß der Verhandlung der Vorsitzendedes Gerichtshofes Schönaich'S Freisprechung, und Volk-mar selbst führte seinen greisen Clienten in die Arme

seiner Tochter. . . .

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Am Abende vor der Vollstreckung des Todesurtheilsbekannte sich Jmhoff freiwillig zu beiden Mordthaten.Sein Geständniß über die Ermordung Frau Rollenstein'senthielt nichts Neues, sondern deckte sich vollständig mitjener Selbstdenunziatton, durch welche er SigltndensVater hatte entlasten wollen. Auch Alles, was er da-mals nur in die Form von Vermuthungen gekleidethatte, war thatsächliche Wahrheit gewesen.

Was seine Beziehungen zu Harnisch betraf, so warer mit diesem während der Seereise allerdings in ver-trauten Verkehr getreten und hatte dabei dessen Lebens-verhältniffe ziemlich genau kennen gelernt. Ueber ihrebeiderseitigen Neisezwecke war es jedoch zu keinem ver-traulichen Austausch gekommen. Harnisch hatte nur An-deutungen gegeben, daß er hierher reise, um sich zu ver-heirathen; seine künftige Gattin kenne er eben so wenig,wie sie ihn; die Heirath gründe sich auf eine Testaments-bestimmung: schlage das Mädchen seine Hand aus, sowürde ihr eine reiche Erbschaft verloren gehen. Daswar Alles, was Jmhoff über Harnisch's Chancen wußte.

Als Jmhoff nach der Ermordung Frau Rollenstein'sin deren Wohnung vergebens nach Geld gesucht hatteund deren Papiere durchwühlte, theils in der Hoffnung,auf leicht umsetzbare Geldwerthe zu stoßen, theils umErika's Briefe wieder in seine Hand zu bekommen, fander das Testament, welches ihm in Harnisch's Heiraths-Angelegenheit einen überraschenden Einblick eröffnete.Irgend ein Gedanke, sich die erlangte Kenntniß zu Nutzezu machen, kam bei ihm zwar nicht zur Reife, doch tratbei dieser Gelegenheit seine Reisebekanntschaft wieder inden Vordergrund, und da er nur noch über wenig Geld-mittel verfügte, so wollte er versuchen, von Harnisch einDarlehen zu erlangen. Er wußte, daß derselbe in Calais ein Hospital aufgesucht hatte, ohne jedoch die Naturseines Leidens zu kennen. Auf Harnisch's Ankunftwartend, kontrollierte er die täglich in der Zeitung er-scheinende Fremdenliste der hiesigen Hotels und las schonwenige Tage nach der Ermordung Frau Rollenstein'sHarnisch's Namen in dem Fremdenverzeichniß desEuro-päischen Hofes." Als er ihn dort aufsuchte, fand er ihneben im Begriff, wieder abzureisen. Er war sehr eilig,den Zug noch zu erreichen, und die Droschke wartetebereits unten. Jmhoff begleitete ihn daher zum Bahn-höfe, um unterwegs sein Anliegen anzubringen. Har-nisch schlug es unter lebhaftem Bedauern ab; er sei selbstsehr knapp bei Kasse und müsse erst nach New-Uork umneue Wechsel schreiben. Als Beide am Bahnhöfe an-kamen, war der Zug bereits abgegangen. Harnischwollte nicht noch ein Mal hier übernachten, sondern be-schloß, mit dem 12 Uhr-Zuge zu reisen, und übergabdem Portier seinen Handkoffer. In der Zwischenzeit