Ausgabe 
(23.2.1894) 16
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wollte Jmhoff ihm Gesellschaft leisten, und auf seinenVorschlag verbrachten Beide die Stunden in einem nahegelegenen Concertgarten. Dort erzählte Harnisch ihm,daß er erst gestern Abend hier angekommen sei, daß ervorgestern in Köln übernachtet habe, wobei er ausführ-lich von dem Zimmerbrand berichtete, daß er sich heuteseiner künftigen Braut und deren Vater habe vorstellenwollen, dieselben aber nicht mehr angetroffen habe undihnen nun nachreisen wolle, da ihm das Dienstmädchengesagt habe, der Tag ihrer Rückkunft sei sehr ungewiß.Von Frau Rollenstein's Ermordung schien er nichts zuwissen; wahrscheinlich wollte er sich erst Gewißheit ver-schaffen, ob die ihm bestimmte Braut, deren Vater ervon London aus seinen Besuch angekündigt hatte, seineBewerbung annehmen werde, ehe er sich um etwas andereskümmerte. Daher hatte er es wohl auch mit seinerReise so eilig.

Während dieses Gespräches war eS, wo Jmhoffden plötzlichen Entschluß faßte, Harnisch aus dem Wegezu räumen und sich unter dessen Namen selbst bei Sig-linde und deren Vater einzuführen.

DasKastanienwäldchen", durch welches er mitHarnisch, der Concertmusik nachgehend, hierher gelangtwar, schien ihm ganz der geeignete Ort zur Ausführungfeines Vorhabens. Als er auf Befragen von Harnischerfuhr, daß derselbe bei Schönaich's weder eine Kartezurückgelassen, noch dem Dienstmädchen seinen Namengenannt hatte, schwand sein letztes Bedenken. DasUebrige mußte er seinem guten Glück überlassen. DasWagniß war gefährlich, aber der Preis war eineMillion!

Auf dem Rückwege zum Bahnhof fiel er in demeinsamen Kastanienwäldchen plötzlich über seinen ahnungs-losen Begleiter her, dem er an Körperkraft weit über-legen war, erwürgte ihn, wie er Frau Nollenstein er-würgt hatte, schleppte ihn in ein dichtes Gebüsch, ent-kleidete dort die Leiche gänzlich, um jede Nachforschungnach der Persönlichkeit des Ermordeten abzuschneiden,entleerte alle Taschen und trug die in ein Bündel zu-sammengeschnürten Kleider nach dem nahen Strome, woer sie mit einem daran befestigten schweren Steine ver-senkte. Dann ging er nach dem Bahnhöfe und erzwängsich mittelst der Kontremarke, die er in Harnisch's Porte-monnaie gefunden, die Herausgabe des Handkoffers,welcher zwar nur wenig Geld, aber alle wichtigen Papiereenthielt, deren er bedürfte, um sich aller Orten alsJesco von Harnisch legitimieren zu können.

Das war das Geständniß des Doppelmörders,welcher angesichts des unvermeidlichen Todes das Be-dürfniß gefühlt hatte, sein Gewissen zu erleichtern.

Als er am nächsten Morgen zur Richtstätte ab-geführt werden sollte, fand man ihn erhängt in seinemKerker.

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Selten hat ein Vater sein Kind mit dankbarerenGefühlen und heißeren Segenswünschen dem erwähltenGatten vereint, als Schönaich , indem er die Hand seinerTochter in diejenige Volkmar's legte, der ihm Ehre undLeben gerettet; selten verband sich in solchem Maße imHerzen eines Weibes mit den zarten Regungen für denGeliebten zugleich die Hochachtung vor dem Manne, wieim Herzen Siglindens . . .

Da in Frau Rollenstein's Testamente SiglindensEnterbung nur für den Fall ausgesprochen war, daß sie

sich der Heirath mit Herrn von Harnisch widersetzte,diese Verbindung aber an Ereignissen scheiterte, an denensie keine Schuld trug, so wurde ihr die Erbschaft vomGerichte zugesprochen. Sie folgte nicht nur der Stimmeihres eigenen Herzens, sondern auch dem Wunsche ihresmit äußeren Glücksgütern schon reichlich gesegneten Gatten,indem sie die ihr zugefallene Million mit ihrer kleinenNichte Jenny theilte und aus ihrem eigenen Antheil dieGläubiger ihres Vaters befriedigte. Volkmar adoptierteJenny und löschte damit den gebrandmarkten Namen,den sie trug, aus ihrem Leben.

Skglinde dachte oft über das Loos nach, welchesihrer Schwester Erika an der Seite eines Mannesgeblüht haben konnte, der die Fähigkeit zu dem furcht-barsten aller Verbrechen in sich getragen hatte. Wieschwer mochte sie in solcher Ehe die Verirrungen ihrerJugend gebüßt haben? Seitdem Siglinde auf der Zeu-genbank der Gerichtsverhandlung gegen Jmhoff beigewohntund mit eigenen Augen gesehen hatte, welche unverdienteTheilnahme die zahlreich erschienene Damenwelt demschönen Mörder entgegenbrachte, wußte sie sich zu er-klären, wie auch ihre Schwester sich durch das blendendeAeußere dieses Mannes über dessen Charakter hatte hin-wegtäuschen lassen können.

Was aber wäre wohl Anna Ritters Schicksal ge-wesen, wenn Jmhoff es an der Zeit gefunden hätte, sichihrer zu entledigen, da er doch fürchten mußte, daß dieRache des getäuschten Mädchens ihm gefährlich werdenkonnte. In solchem Falle würde die Würgerhand sicherauch vor einem dritten Opfer nicht zurückgeschreckt sein!Von Siglinden erhielt Anna das kleine Kapital zurück-erstattet, das ihr nach und nach von Jmhoff abgelocktworden war, und Volkmar gründete ihr ein Ladengeschäft,welches ihr eine selbstständige Existenz sicherte und sieder Machtsphäre ihrer unduldsamen Schwägerin entrückte. Martha fand für die treue Anhänglichkeit, die sieihrer jungen Herrin im Unglück bewiesen, den bestenLohn in der Stellung im Hause des jungen Ehepaares,wo sie wie ein Glied der Familie gehalten und behan-delt wurde . . .

Als ich rathlos und von der Welt verlassen zumerstenmale zu Dir kam," sagte Sigliude am Hochzeits-tage zu ihrem Gatten, während sie zärtlich ihre Händeum seinen Hals faltete,und aus Deinem Munde denRuf: Siglinde! vernahm, da war mir's plötzlich wiederwie damals, wo dieser Ruf durch Nacht und Nebel,Rettung verheißend, an mein Ohr tönte. Ich nahm eswieder für ein gutes Vorzeichen und habe mich nichtgetäuscht."

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Das Tagebuch der Prinzessin Therese im Teuchle.

Skizze von E. Vely.

(Schluß.)

Am 9. Mai 1794, als die beiden Prinzessinnen sicheben niederlegen wollten, rasselten die Schlösser an ihrerThür und man klopfte:

Bürgerin, komm' herunter!

Und meine Nichte?

Damit wird man sich später beschäftigen!

Meine Tante umarmte mich und sagte, sie kämewieder herauf.

Nein Bürgerin, du kommst nicht wieder herauf,nimm deine Mütze und folge uns!