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Sie überhäuften meine Tante mit Beschimpfungen,sie erlitt sie mit Geduld, nahm ihre Mütze, umarmtemich und empfahl mir Muth und Gottvertrauen."
Am folgenden Tage wurde Madame Elisabeth hin-gerichtet; sie war 30 Jahre alt; mild und fromm undergeben, glich sie in ihrem Aeußern ihrem unglücklichenBruder. Der allein gebliebenen Prinzessin Therese wurdeebenfalls nichts über das Schicksal ihrer Tante mitgetheilt,vergebens fragte sie nach ihr und nach ihrer Mutter.Einmal trat ein Mann in ihr Zimmer, den sie für Robes-pierre hielt; er betrachtete sie frech, sah die Bücher anund ging wieder. Nachdem Madame Elisabeth als letztesOpfer auf dem Schaffst gefallen war, schienen die „KinderFrankreichs" im Temple ganz vergessen zu sein — wederParis, noch Frankreich, noch die Verwandten in Oester-reich wollten wissen, daß hinter den grauen Mauern zweijunge Geschöpfe elternlos und heimathlos schmachteten.Eine kleine Schrift machte endlich darauf aufmerksam:„Ein Wort für zwei Individuen, an die Niemand denktund an die doch einmal gedacht werden muß."
Wohl in Folge dessen erschienen Barras und Del-Mas, die Machthaber nach dem 9. Thermidor, im Templeund sahen sich die Königswaisen an; Laurent, der Com-missar des Konvents, befahl, daß man den kleinen LouisCharles besser behandle. Er ließ ihm ein anderes Bettund Bäder geben. Aber die heißerbetenen Nachrichtenüber ihre Angehörigen wurden der Prinzessin Thereseverweigert. Das Comite der „Allgemeinen Sicherheit"beschloß, der „Tochter Louis Capets" eine Frau zur Ge-sellschaft zu geben. Eine Freiwillige meldete sich zu diesemPosten, die Bürgerin Chanterenne, Madeleine Hilaire laRochette. Die Erkundigungen, die über sie eingezogenwurden, ergaben, daß „sie ein sanftes Wesen habe, fran-zösisch, italienisch und deutsch spräche, und daß man nichtan ihrem Biirgersinn zweifle". Sie zählte 30 Jahre undtrat am 16. Juni 1795 bei der vereinsamten Prinzessinein. Natürlich hatte das innigste Mitleid mit der Waisedes Temple Frau v. Chanterenne bewogen, den Schrittzu thun — die Prinzessin Therese schloß sich sofort ininniger Zuneigung an die Gefährtin an.
Der Dauphin erkrankte ernstlich, und nun wurdenihm Aerzte geschickt, aber keine Kunst konnte ihn mehrretten. „Er verging wie ein Greis aus Lebensschwäche."Am 9. Juni 1795 um 3 Uhr starb er ohne Todeskampf,zehn Jahre und zwei Monate alt. Die Prinzessin Thereseschreibt über seinen Tod:
„Es ist nicht wahr, daß er durch die Commune ver-giftet worden ist; das Gift, das seine Tage verkürzt hat,war einzig die Unsauberkeit, in der er ein Jahr langgelebt hat, und die Härte, die man gegen ihn angewandthat."
Und sie schließt:
„So war das Leben meiner tugendhaften und un-glücklichen Verwandten während der letzten Jahre ihreserlauchten Daseins. Ich bezeuge, daß dieses Memorandumdie Wahrheit enthält.
Marie Therese Charlotte.
Geschrieben im Thurm des Temple am 14. Oct."
Im Herbst desselben Jahres wurden mit Oesterreich Verhandlungen angeknüpft über die Auslieferung vonfranzösischen Gefangenen gegen die Prinzessin, und am18. Dezember verließ sie nach schwerem Abschied von FrauM Chgnterenne den Temple am Arme des MinistersBenezech. Sie drückte dabei ihr Memorandum heimlich in
die Hände der Freundin — der Kaiser von Oesterreich hatte zur Bedingung gemacht, daß Niemand seine Ver-wandte begleite, der im Temple bei ihr gewesen war.
In ausführlichen Briefen schildert die Prinzessinihre Reise bis nach Basel , wo am 26. Dezember 1795die Auslieferung stattfand, ihrer „theuren Renate, derVielgeliebten einer unglücklichen Verbannten". Nach allden Erlebnissen der Schreckenszeit fühlt sie sich wiederglücklich, als Prinzessin unterwegs erkannt und behandeltzu werden. Der Prinz von Gavre und Baron von Degel-mann kamen als Abgesandte des Kaisers, und mit derUnterzeichnung eines Schriftstücks war dieses Kapitel derLeidensgeschichte der Tochter Marie Antoinettens geschlossen.Die Acte heißt:
„Ich Unterzeichneter erkläre, gehorsam den BefehlenSr. Majestät des Kaisers, von Herrn Bacher, dem zudiesem Zwecke abgeordneten französischen Gesandten, diePrinzessin Marie Therese Charlotte (Naäams 1a krin-0688 S), Tochter Sr. Majestät des Königs Louis XVI. ,empfangen zu haben."
Das Memorandum aus dem Temple ging noch ein-mal in die Hände der Prinzessin zurück, als sie nachihrer Vermählung mit ihrem Vetter, dem Herzog vonAngoulsme, in Mitau lebte. Sie ließ eine Abschrift da-von nehmen, die durch eine Jndiscretion der Fran vonSoucy in die Oeffentlichkeit drang; mit vielen Ent-stellungen und Zusätzen ist die einfache Erzählung vonZeitgenossen benutzt. Das Original kam wieder in denBesitz der Frau von Chanterenne und blieb in ihrerFamilie, bis ihr Enkel es dem Herzog von Chambord,dem Erben der ehemaligen Madame Noyale, zustellte.
, Nur eine Station ist allerdings der Temple fürTherese, die spätere Herzogin von AngoulZme, auf demLeidenswege ihres Lebens gewesen. Die auf Anlaß derHerzogin von Madrid von Gabriel de Saint-Victor demTagebuch beigegebenen Erläuterungen sagen von der Waiseaus dem Temple: „Im Schissbruch ihres Lebens wirdsie bis zum Ende die traurige Gestalt in's Gedächtnißrufen, die sich an die Barke Dante's klammerte und ihmantwortete, als er nach ihrem Namen fragte: Veäi, ostosoo uu vsts xiau§6."
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Plauderei über Kunst und Kunstgeschichte mitbesonderer Berücksichtigung der Architekturund Plastik.*)
Von Max Fürst.
War es mir schon einmal gegönnt, als Maler überMalerei aus der Schule zu schwätzen, so erkühne ich michheute, einige geschliffene und auch ungeschliffene Steinezu bieten, die ich aus kunstgeschichtlichen Betrachtungenmir gebrochen habe. Dieselben stilvoll zusammenzufügen,wird mir freilich nicht gelingen, doch hoffe ich immerhinjene Baulinie einzuhalten, welche den üblichen gesellschaft-lichen Vorschriften entspricht und keine Behörde veranlassenwird, mir mein — freilich ohne jeden Befähigungsnach-weis geübtes — Handwerk zu legen. Wenn zunächstmeine Grundlegung etwas breit und feierlich sich gestaltet,so bedingt dieses ja die Sitte, die beim Beginne aller
*) Vertrag, gehalten in München in der Abendversammlungdes Historischen BereinS von Oberbayern am 19. Januar (Car-ncvalSmonat) 1894.
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