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baulichen Unternehmungen allerorts mehr oder minder be-obachtet wird.
DaS Großartigste und Gewaltigste von allem Sicht-baren ist bekanntlich das Weltgebäude selbst. Diearchitektonischen Theile dieses Ganzen läßt uns der Welten-baumeister über und um uns schauen. Am nächtlichenHimmels-Gewölbe erkennen wir die erste und ältesteChaussee, die Milchstraße, in deren voraussichtlichnormalspurigen Geleisen der Fuhrmann, das bekannte Stern-bild, seit ungezählten Jahren sich bewegt.
Unser Planet selbst weist auf grandiose Architektur-zeugen, die schon bestanden, ehe eine Menschenhand zumRichtscheit, zu Kelle und Mörtel griff. Ich erinnere nuran die vielen naturgewaltigen Labyrinthe, an die amEingang in den atlantischen Ocean aufragenden Säulendes Herkules, sowie an das eiserne Thor an derDonau . Lange vor.dem Menschen entwickelten bereitsandere Geschöpfe rege Baulust und Thätigkeit. Als dieersten luftigen Hochbauten erschienen die Nester derBöge!, den Wasserbau pflegte in sorgfältiger Weiseder Biber, den Bergbau eine gewisse Wespenart; diekleine, emsige Künstlerin, welche den klösterlichen Zellen-bau übte, die Biene, soll nicht vergessen sein. Rhyth-mus und Harmonie wird in der edleren Baukunst vorAllem gefordert, deßhalb konnte Professor M. Carriere,den ich in meiner Jugend zu hören die Ehre hatte, ein-mal in wonnig warmer Begeisterung die Architektur nichtganz mit Unrecht als „gefrorene Musik" bezeichnen.Wir Hörer, damals etwas unverfrorene Jungen, zogenaus dieser Bezeichnung die nöthige Logik und glaubten,die das Leben versüßende Musik sofort als „geschmolzeneArchitektur" bezeichnen zu dürfen. Daß in der Plastikhin und wieder etwas von eingefrorener Musik sich be-findet, bezeugten im Alterthume jene im Nillande auf-ragenden Memnonskolosse, welche nach den Aus-sagen feinhöriger alter Touristen beim erwärmenden Strahlder Morgensonne wirklich liebliche Töne von sich gegebenhaben sollen.
Doch weg vom Ungewissen! Gar keinen Zweifel gibtes, wenn wir sagen, daß wohl zur frühesten menschlichenThätigkeit der Ackerbau gezählt werden muß. Und umnun die Früchte dieses Baues mit Behagen und Dankgenießen zu können, erwies es sich alsbald nöthig, eingar einfach schlichtes Ding zu bauen, welches für alleZeiten unzertrennlich und unentbehrlich der Menschheitwerden mußte. Ich meine: den Herd. Leibliche undgeistige Bedürfnisse sind es gewesen, welche diesen Bauhervorriefen, denn in der Frühgeschichte aller Völker istja Herd und Altar dasselbe. So tief ist die Begeiste-rung, das Verlangen nach solchem Banwerk in die Men-schenbrust gelegt, daß wohl in den fernsten Tagen noch,zunächst die jungen Leute, mag ihnen auch sonst jedesInteresse und Verständniß für Architektur mangeln, stetsrührig bestrebt sein werden, einen eigenen Herd sichzu bauen.
Die Wichtigkeit der Baukunst dürfte durch diesenHinweis wohl am besten nachgewiesen sein.
Betrachten wir nun Architektur und Plastik nachden Entwicklungsstufen der Nationen. — Selbst auf dieGefahr hin, einigen pyramidalen Unsinn zu reden,will ich bei den Aegyptern anfangen.
Die Verdienste der alten ägyptischen Flußbau-ämter sind bekanntlich so groß, daß sie heute noch nicht«uf's Trockene gesetzt erscheinen. Wenn die Aegypter die
Arbeit des Suez-Kanales den Kindern des 19. Jahr-hunderts überlassen haben, so war wohl der Umstandschuld, daß dieselben damals die technische Einrichtungvon Actien noch nicht kannten, obwohl ihnen der steteAnblick des Stekgens und Fallens des Nilwassers An-regung genug geboten hätte, auch nach dieser Seite hinerfinderisch sich zu erweisen. In Folge solch' tadelnswertherNichtbeachtung ist es daher leicht erklärlich, daß die groß-artigen Ziegeleien des Pharaonenlandes, trotzdem Hebräerin riesiger Zahl daran betheiligt waren, niemals zur Höheheutiger Actienziegeleien sich aufschwingen konnten.
Als Jsarmoränenschlamm und Haidekraut noch dieStelle deckte, auf der heute der Münchener Karolinenplatzzu schauen ist, da galten als ausschließlich ägyptischeSpecialität die bekannten Obelisken. Einer der be-rühmtesten darunter, der nach seinem Falle zu Alexandrien einen gar weiten Transport sich gefallen lassen mußte,ist, wie männiglich bekannt, die „Nadel der Kleo-patra" benannt worden. Ob diese „Nadel" schon Dienstegeleistet, als es der üppigen Kleopatra gelang, die HerrenJulius Cäsar und Antonius einzufädeln, wissen wir nichtzu sagen. Wir wollen uns darüber auch nicht den Kopfzerbrechen, denn Aegypten ist ja bekanntlich das Landder Räthsel und der Sphinxe, und nicht JedermannsSache ist es, ein Oedipus zu sein.
Die alte Welt und ihre Werke kennen gleich mirdie meisten Menschen nur aus Bildern. Da haben wirdenn erst vor einigen Jahren hier im Glaspalaste ausdem Gemälde von Nochcgrosse „Das Ende Babels" inErfahrung bringen können, daß in Babylon ganz be-sonders die Fleisch buden von einem kolossalen Umfangegewesen sein müssen. Waren die Dinge wirklich so, danndürfte es uns nicht wundern, wenn es einem kommendenForscher und Archäologen noch gelingen sollte, die Ur-paragraphen einer „I-sxHeinze" in Keilschrift aus demwüsten Schütte — den wir wohlweislich nicht weiter be-rühren — herauszuwühlen.
Die Erben ägyptischer Kunst waren bekanntlich Pe-lasger, dann Griechen. Die Kunst der letzteren wirdallgemein so gelobt und gefeiert, daß ich mir hier schonerlauben darf, als Unikum eine entgegengesetzte Stimmezu Worte kommen zu lassen. Ein leider früh verstorbener,hochbegabter, nur etwas leidenschaftlich angelegter Archäo-lvge, Julius Braun , der, nebenbei bemerkt, schon 35Jahre vor Schliemann den Spaten zur Hand nahm, denHügel Hissarlik als Stätte von Troja bezeichnete, sprachnie in Hieroglyphen, wenn es galt, den Griechen eineszu versetzen. Seiner Meinung nach haben eben jonischeSardellenfischer und dorische Sauhirten das seltene Schwein(vul^o Glück) gehabt, die ägyptischen Architekturerfolgevollständig ausnützen zu können. Schlau wie immer, someinte Braun, hätten die Griechen u. a. das ägyptischeLotoskapitäl einfach um ein gutes Stück oben abgekapptund wären so höchst billig zu dem Ruhme gekommen, Er-finder des gerühmten dorischen Säulensystems. zusein. Es dürfte nicht Wunder nehmen, wenn ob solcherVerdächtigung des hellenischen Kunstvermögens der be-kannten Diana vonEphesus die Milch der frommenDenkungsart sauer, oder wenn Hephästos, der Vaterder Bildhauer, dem boshaften Nörgler etwas unsanft aufdie Finger klopfen würde. Was Dr. Braun so hämischvon den Griechen sagte, könnte mit ungleich größeremRechte von den Römern behauptet werden, denn dierauhen Söhne des Romulus sind — soweit sie noch ohne