-m
Augsburger Postzeitung
'I «!
2V. Areitag, den 9. März 189H
l?ür die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler) .
Wohlthun trägt Zinsen.
Nach dem Amerikanischen der Mary Cecil Hay, erzähltvon Alice Salzbrunn.
(Schluß.)
IV.
Es war ein nebeliger, trüber November-Morgen.Hanne war ausgegangen, um ein paar von mir fertiggemachte Kinderkleider abzuliefern, und hatte die beidenKleinen mitgenommen. Alex wollte mich nicht alleinlassen, deshalb brachten wir diese stille Stunde zusammenbei seinen Schulbüchern zu.
„Ich lerne viel besser unter deiner Anleitung,Mama," sagte er unwillkürlich, als wir neben einandersaßen, „aber", fügte er hastig hinzu, „es ist auch nichtsehr schwer, wenn ich allein bin, und du hast ohnehinviel zu thun."
„Ich wünsche viel zu thun zu haben, Alex," sagteich mit sehnsüchtiger Sorge, „damit ich eine genügendeEinnahme erziele und dich in eine höhere Lehranstaltschicken könnte, wie es geschehen wäre, wenn dein Vaternoch lebte."
„O, Mama, mühe dich deshalb nicht!" rief er, in-dem er seine Arme um meinen Hals schlang und michküßte, „das geht selbstverständlich nicht; es würde michelend machen, wenn du deshalb noch anstrengenderarbeiten solltest. Du weißt, neulich las ich, daß vielegute Männer, welche berühmt wurden, ihre hervorragen-den Eigenschaften den Lehren ihrer Mutter verdankten.Ich werde darnach streben, brav und tüchtig zu sein,den Lehren und dem Beispiele meiner Mutter zu folgenund der Erinnerung an meinen Vater!"
Ich konnte sein ernstes Gesicht nur an das meinedrücken und beten, daß mir die Erziehung, trotz meinerSchwäche gelingen möge.
„Ah, wer ist da?" Der Briefträger! Wie dumm,daß ich beim Klopfen erschrak!" sagte Alex und ging,um die Thüre zu öffnen. Inzwischen saß ich mit müßigenHänden und fliegendem Athem da.
„Hast dn zwei Pence, Mama?" fragte Alex zurück-kommend, „dieser Brief an dich ist von Shrayden nach-gesandt worden, deshalb sind zwei Penze zu zahlen."
„Ich kann nicht bezahlen, Alex," sagte ich leiseund zog mich zurück. „Sage ihm, oaß ich es nicht kann.Wird er den Brief hier lassen? Morgen können wirbezahlen."
Der Knabe giug an die Thüre, aber der Brief-
träger durfte den Brief nicht ohne das Postgeld abgebenund wollte morgen wieder anfragen.
O, die heiße Schamröthe stieg mir in das Gesicht!
„Mache dir nichts daraus, Mama," sagte Alex undsetzte sich wieder an seine Bücher. „Es ist nicht derRede werth. Der Brief bleibt dir ja sicher, undHanne wird heute Geld mitbringen. Du wolltest michüberhören. Denke nicht mehr an den Briefträger."
Nur halb verstand ich, was er hersagte; meineGedanken schweiften in die Vergangenheit zurück. Wiewenig hatte ich alles, was früher mein gewesen war, zuschätzen gewußt! Wie anders würde ich fühlen, wennmir der Wohlstand jetzt wiedergegeben wäre! Jetzt warich so heruntergekommen, daß ich meine Armuth vorFremden eingestehen mußte. Ich glaube, dieses nieder-drückende Gefühl können sich diejenigen nicht vorstellen,welche es nicht selbst erfahren haben. Es mag unrechtvon mir gewesen sein, aber es war damals sehr schwerzu tragen.
Den Blick in unsern ErdeuschmerzenVerbängt der Nebcl trüb und dicht;
Waö uns erscheint wie Trauerkerzcn,
Mag sein der Himmelslampen Licht.
So lauteten die ersten Worte, welche ich deutlichvon meinem Knaben hörte, und ich vermag nicht zuschildern, wie sie augenblicklich meine aufrührerischen Ge-danken beschwichtigten.
„Ich weiß, daß du dieses Gedicht liebst, Mama,"sagte Alex, „du hast es früher einmal geäußert zuHause zu — meinem Vater," — das Kind konnte dasWort nicht ohne Beben erwähnen, — „ich hatte es inmeinem Buche bezeichnet. Es freut mich, daß ich eslernte, da wir beide allein sind."
„Du wirst nicht mehr an die zwei Pence denken,nicht wahr?"
Ich sagte, daß ich nicht daran denken wolle undbemühte mich, es nicht zu thun; aber der eine Vers,welcher mich aus trübem Sinnen geweckt hatte, schwebtemir immer vor.
Am nächsten Morgen brachte Hanne mir den Brief;sein Inhalt war folgender:
„Hochverehrte Frau Drummond!
Obgleich ich weiß, daß Sie Shrayden, wahrschein-lich auch Schottland verlassen haben, muß ich meinenBrief dorthin adressieren, und vertraue auf die Findig-keit der Postbeamten, während ich selbst alles thue, umIhren Aufenthalt zu entdecken. Wenn dieser Brief Sie