erreicht, bitte, geben Sie mir in einer Zeile Erlanbniß,Sie zu besuchen. Zu dieser Bitte veranlaßt mich nichtnur die alte Freundschaft, sondern ich kann mich meinesleicht und schnell erworbenen Vermögens nicht erfreuen,bis ich die seit Jahren ersehnte Befriedigung habe, anHerrn Drummonds Sohn die Summe zurückzuzahlen,welche sein Vater mir mit so großem Edelmuthe geliehen,ohne mich wissen zu lassen, wer der Geber war. DieErinnerung an seine und Ihre unausgesprochene Gütewar für mich eine so hilfreiche Wohlthat als das Geldseilst. Ich wünsche Ihnen meinen Dank auszusprechenund wünsche Alex die edle That zu erzählen, da ichweiß, daß Sie und sein Vater ihm nichts davon gesagthaben. Bitte, legen Sie Ihre Adresse in das ein-geschlossene Couvert und gestatten Sie den Besuch des(fiten Freundes, zu welchem Ihr Gatte so gut und groß-müthig war.
Verehruugsvoll Ihr treu ergebenerNorbert Wcdderburn."
Er wußte, daß er mich am besten bewegen könnte,indem er das Geld als eine an Martins Sohn abzu-tragende Schuld erwähnte. Jedoch die Summe, welchevor langer Zeit Norberts Selbstständigkeit begründet hatte,war kein Darlehen, sondern ein bereitwilliges Geschenkgewesen, und deshalb — es mochte elender Stolz vonmir sein — konnte ich nicht an ihn schreiben. Obwohlich nicht schrieb, klopfte Norbert, ehe eine Woche ver-gangen war, an unsere kleine Küchenthüre. Hanne,welche sich seiner gut erinnerte, führte ihn mit einemstrahlenden Lächeln auf ihrem Gesichte zu mir herein.Ich konnte zu seiner Begrüßung nicht aufstehen, so heftigzitterte ich; denn ich war schwach und sein Anblick riefmir die ganze Vergangenheit lebhaft zurück.
„Das ist Alex, nicht wahr?" fragte Norbert, seinenBlick hastig von meinem Gesichts abwendend, „der kleineAlex, in Gelehrsamkeit vertieft, und das sind —"
Er neigte den Kopf und liebkoste Käthchen, umseine Bewegung zu verbergen. Er blieb den ganzenAbend bei uns. Sein Gesicht war bronzefarben, trauriggeworden und früh gealtert; dennoch las ich in seinenZügen dieselbe Geduld und Gewissenhaftigkeit, welcheihm unsere Zuneigung erworben hatten, als er ein schüch-terner, arbeitsamer Buchhalter der Firma war, an derenSpitze er jetzt stand. Ehe er wegging, sprach er lange mitmir allein; er sagte mir noch dringender, als in seinemBriese, aus welchem Grunde er uns aufgesucht hatte.
„Nein, nein, Norbert," antwortete ich auf seineentschlossenen, dankbaren Worte, „bitte, verlangen Siedas nicht von mir; ich kann meines Mannes Geschenknicht zurücknehmen."
„Wenn Sie das thäten, Aloisia," erwiderte erlächelnd, „so würden Sie alles nehmen, was ich besitzeund was ich bin. Seine Hilfe machte mich zu demManne, der ich jetzt bin. Ich könnte Sie nicht bitten,das zurückzunehmen, denn ich kaun es ihm oder seinenAngehörigen nie vergelten. Aber Jahr auf Jahr habeich den Gewinn zurückgelegt, welchen jenes Geld gebrachthat. Sie verstehen nicht, was ich damit meine; aberes gehört Alex."
„Norbert, wenn die zweitausend Pfund Ihnen nichtgeschenkt worden wären, so würden dieselben gleich demübrigen Vermögen verloren sein. Sie vergessen das."
„Nein, ich vergesse das nicht," antwortete er sanft,„aber das Geld wurde verschenkt, als kein Gedanke an
den Verlust, und die Zinsen hoch waren. Nur durchHerrn Drummonds Edelmuth wurde es nicht verloren,sondern für Alex bewahrt. Alex darf nicht länger hierbleiben, Aloisia. Der elte Herr Stockesey starb vor einigenTagen und hatte mich vorher gebeten, an seiner StelleAlex' Vormund zu werden. Wollen Sie mit ihm nachEdinburg ziehen, wo ich ein Haus für ihn eingerichtethabe? Ich nannte es Shrayden-Villa; es ist nur einehalbe Stunde von meiner Wohnung in der Stadt ent-fernt, jedoch steht es am Wiesenweg, weil Sie und erdie ländliche Aussicht und den Waldesduft von alters-her liebten, und in der Nähe befindet sich die Knaben-Lehranstalt, in welche sein Vater ihn zu schicken beab-sichtigte. Aloisia, wollen Sie mit ihm kommen?
Ich mutzte mich feinen Anordnungen fügen. Ichhatte keinen Rathgeber außer ihm. Seit meiner Kind-heit fehlten mir Verwandte, und die alte Frau Kynaston,Martins einzige mir bekannte Verwandte, war schondrei Jahre todt. So brachte er uns alle nach Schott-land zurück in das hübsche Landhaus, welchem er denNamen unserer alten Heimath gegeben. Hier lebten wirin ruhiger Zufriedenheit; ich unterrichtete Eva und Käth-chen wie bisher, Hanne verwöhnte sie wie bisher. Alexging jetzt täglich in das Gymnasium und machte so rascheFortschritte, daß seine Kenntnisse die meinigcn baldüberflügelten.
Einige Monate vergingen. Norbert, Alex's Vor-mund, handelte immer, als ob er sein Schuldner sei undbesuchte uns täglich. Er war uns allein ein lieberFreund geworden, und als er eines Tages sagte, daßer auf vierzehn Tage verreiste, machte uns diese Nach-richt betrübt. Wie lauge uns diese vierzehn Tage dauerten!Ich weiß noch sehr gut, daß die Kinder zuerst die Tage,dann die Stunden bis zu seiner Rückkehr zählten, under es gern mit ihnen that. Ehe der letzte Tag gezähltwar, überraschte uns Norbert.
„Freut ihr euch wirklich über meine Ankunft, liebeKinder?" fragte er unnöthig, als sie ihm eutgegcn-sprangen. „Mich freut es sehr, euch wiederzusehen. Ichblieb keine vollen vierzehn Tage aus. Freut Mama sichauch über meinen Besuch, Eva?"
Erfreut blickte ich zu ihm auf und sagte, daß erimmer willkommen sei, aber als seine Augen in die mei-nen sahen, stieg langsam eine heiße Nöthe in mein Ge-sicht und meine Rede stockte.
„Frage Mama, ob wir in das Kindertheater gehendürfen, Käthchen," flüsterte Norbert, indem er den Blickabwandte. „Kannst du heute nachmittags mitkommen,Alex?"
Selbstverständlich konnte Alex mitkommen, und selbst-verständlich waren die Kinder entzückt. Ich sah ihnenbeim Weggehen ebenfalls mit glücklicher Miene nach,aber in meinem stillen Haus allein geblieben, fühlte ichmich verlassener als je seit meinem traurigen Schicksals-wechsel. Wiederholt flüsterte ich Martins Namen, wasich oft in meiner großen Sehnsucht nach ihm that;alte Erinnerungen überflutheten mich und ich schluchztebitterlich aus Herzensgrund. Endlich erschöpft von demunaufhaltsamen Schmerz, lag ich auf dem Sofa, mitdem Gesichte in das Kissen verborgen, schlief ein underwachte nicht, bis ich die fröhlichen Kinderstimmen imHausflur hörte. Sie stürzten in das Zimmer, um mirdie wunderbaren Abenteuer des ,Gestiefelten Katers' znerzählen, und verglichen die Vühnenaufführung mit dem