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Märchen, welches sie oft von ihrer Mutter gehört. Wasfür einen Lärm sie am Theetifch machten! ES warNorberts Schuld, sagte ich, als ich Ruhe und Ordnungvergeblich herzustellen versuchte; während ich es aus-sprach, dankte ich ihm in meinem Herzen, weil er dieseVeränderung in mein stilles Heim gebracht. Die Kinderhatten uns den Gute-Nacht-Kuß gegeben und waren zuBette gegangen, auch Alex zuletzt. Norbert stand auf,um wegzugehen, wie er es immer that, wenn sie ihmgute Nacht gesagt hatten.
„Also verwöhne ich die Kleinen?" fragte er inBezug auf meine scherzhaften Worte zu ihnen, ehe siedas Zimmer verlassen hatten; er blieb vor mir stehenund blickte ernst fragend zu mir herab.
„Sie sind sehr, sehr gut zu ihnen," antwortete ich,„natürlich meinte ich nur das."
„Unmöglich könnte ich anders sein," sagte er sanft.„Wissen Sie, warum, Aloisia?"
„Warum?"
„Weil ich diese Kinder liebe und sonst niemandzu lieben gehabt habe — ausgenommen ihre Mutter."
„Norbert," sagte ich mit thränenfeuchtem Blick,„Sie lieben die Kleinen mit derselben Liebe wie einstmich. Gewiß werden meine Kinder ihr Lebenlang gleichmir Ihre Neigung werthschätzen.
„Nein, nicht mit derselben Liebe," sagte er leiseund voll Innigkeit, als habe er es schon lange anszu-sprechen gewünscht, „auch im Zusammensein mit den Kin-dern seufzt mein Herz in sehnsüchtiger Einsamkeit, welche. ich in Ihrer lieben Gegenwart nie empfinde, Aloisia."
„Ihr Leben ist für so viele segensreich, daß Siesich nicht einsam fühlen sollten, Norbert," sagte ich.
Aber er wendete nur die Augen weg und neigtedie Stirn auf seine Hände, welche verschlungen auf demKamin sims ruhten.
„Wie können Sie über Vereinsamung klagen, daso viele Sie lieben, Norbert?" Ich war aufgestandenund hatte die Frage ernst ausgesprochen, während ichneben ihm stand.
„Weil ich nicht anders kann; seit Jahren lebt inmeinem Herzen eine Sehnsucht, welche nur Eine stillenkönnte. Im Vereine mit meiner ersten einzigen Geliebtenwürde es keine Einsamkeit mehr für mich geben; durchIhre Kleinen würde ich Freude und Lebensglück haben— wie andere Familienväter."
Er schluchzte fast bei diesen Worten und hatte seinGesicht noch verborgen.
^ Seine starke, treue Liebe erschütterte mich, ich legte, meine Hand sanft auf seinen Arm und sagte:l „Norbert, bedenken Sie, was ich Ihnen vor Jahren/ gesagt habe, und daß meine erste Liebe dem Todten^ gehört. — Sind Sie dennoch überzeugt, daß Sie mitmir glücklicher sein würden als jetzt?
„Geliebte, willst du mir vertrauen und zu mirkommen?"
Er stand mit ausgestreckten Armen vor mir, zogmich an seine Brust und beantwortete meine Frage infreudigem Ton: „Du machst mich glücklicher als ichsonst auf Erden sein könntet"
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Wie sich die Kinder über sein glückstrahlendes Ge-sicht wunderten, als er in ihr Schlafzimmer ging, umihnen nochmals gute Nacht zu sagen! Sie konnten nichterrathen, warum es ein zärtlicherer Gute-Nacht-Kuß war
als gewöhnlich, und warum er solange bei ihnen verweilte.— Heute abends, da ich diese lieben Erinnerungenaufschreibe, hat er noch zwei Mündchen mehr zu küssen,als damals; aber seine eigenen geliebten Kleinen küßter nicht zärtlicher und liebevoller wie Eva und Käthe,und seiner treuesten Fürsorge und größten Berücksichtigungerfreut, sich Martins Sohn. Derselbe ist jetzt ein großer,breitschulteriger Student, seiner Mutter stets zärtlichergeben, und stets in Gedanken, Worten und Thatenwahrhaft dankbar gegen den Mann, welcher ihm so edelund Weise den Vater ersetzt hat.
-—so-M-rs--»-
AnS der „ewige» Noma".
* Von einem in Rom lebenden Deutschen ist UNSüber die Schlußfeier des Bischofsjubiläums Leo'S XIII.eine Schilderung zugekommen, die wir den Lesern nach-träglich mittheilen zu sollen glauben, obschon wir überdie Feierlichkeit bereits einen Bericht gegeben haben. UnserLandsmann schreibt:
Einen Tag aus dem päpstlichenNom möchteich die gestrige (18. Februar) erhebende glanzvolle Feiernennen, womit das Festjahr des goldenen BischofsjnbiläumSdes hl. Vaters in würdigster Weise seinen Abschluß fand.
Der fremde Pilger brauchte nicht erst lange nach demWege zu suchen, der nach dem Niesendom der Christen-heit führt; die endlose Wagenkette wies ihm von selberdie Richtung. Bereits vom frühesten Morgen an hattensich die Pilger ihre Plätze gesichert; das Comits hatte alleVorkehrungen getroffen, damit die vielen Tausende ohneUnordnung und ohne zu großes Gedränge sich aufstellten.Es waren große Tribünen errichtet,. andere Plätze wieder Gang durch's Langschiff durch Barriüren geschieden,Billete von verschiedener Farbe für die einzelnen Zugängeausgegeben. Wieviele anwesend waren, läßt sich nicht leichtangeben, die Schätzung von 40,000 wird wohl zu wenigsein. Der gewaltige Platz von St. Peter war durch eineDoppelkette italienischer Infanterie, welche sich von dereinen Seite der Colonnaden bis zur audern ausdehnte,abgesperrt, nur einige schmale Oeffnnngen blieben für diePassierenden übrig. Diese Vorsichtsmaßregel, welche vomComits erbeten war, erwies sich als durchaus zweckmäßig.
Interessant war der Anblick der harrenden Menge,unter welcher italienische Landleute besonders zahlreichwaren, die wohl zum ersten Mal nach Rom gekommen.Die Palastgarde bildete durch das Langschiff Spalier,außerdem sorgte die päpstliche Gendarmerie in ihrer ma-lerischen Galauniform, der gewaltigen Bärenmntzs undden hohen Stulpenstiefeln über den weißen Beinkleidern,für Aufrechthaltnng der Ordnung. Endlich nach langemHarren verkündete das Schmettern der Trompeten dasNahen des Jubilars, bald aber war der Schall der Musikverschlungen von dem brausenden Jubelruf, der an denhohen Gewölben wie eine Niesenwoge sich brach. UnterVorantritt der Nobelgarden, eines zahlreichen Klerns, desCollegiums der Cardinäle zeigte sich hoch auf dem Trag-sessel (der Lsäia Aestatoria) die Gestalt des hl. VatersMit der Mitra und dem Meßgewands bekleidet, den male-rischen Eindruck vollendeten noch die Schweizergarde mitihren Hellebarden und Flambergen, die zwei großen Wedelaus Pfauenfedern, die zu beiden Seiten des Thronsesselsgetragen wurden, die spanischen Kostüme der Kammer-herren. Das Antlitz des hl. Vaters ist ganz vergeistigt,