Ausgabe 
(9.3.1894) 20
Seite
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eS scheint blutleer zu sein, dagegen leuchten die Augennoch frisch.

Auf dem Altar über der Ooukessiv (Grab des Apostel-fürsten) las dann der Papst die heil. Messe mit großerAssistenz, während der Sängerchor ausgewählte Motettensang. Während der heil. Wandlung erscholl von der Kuppelherab, während eine weihevolle Stille herrschte, eine eigenshiefür componirte Melodie, welche auf silbernen Trom-peten vorgetragen wurde. Das Tedeum nach der heil.Messe wurde abwechselnd vom Klerus und Volke gesungen.

Dann folgte der feierlichste und ergreifendste Moment.In feierlichem Zuge wurde der heil. Vater wiederum aufder Loäia vor die Schranken, welche den Zugang zurOonkassio gegen das Langschiff hin abgrenzen, getragen,die Tiara auf dem Haupte und mit dem weißen Pluvialeangethan, während Mitglieder des Domkapitels von St.Peter den Baldachin trugen. Hier ertheilte der Nachfolgerdes Apostels in feierlicher Weise den Segen; kaum warder heil. Akt vorüber, so brach der Jubel auf's Neueaus, als der heil. Vater die lange Reihe seiner Kinderhindurch getragen wurde. Man sah es ihm an, wie wohl-thuend seinem Herzen diese Kundgebung war; wiederholterhob er sich von der Lsäia, um stehend die Tausendezu segnen. Und wie er so hochaufgerichtet mit der Tiaraund den hohenpriesterlichen Gewändern bekleidet einher-zuschweben schien über den Köpfen der gedrängten Menge,da schien er nicht mehr der 84jährige Greis zu sein, dakam er dem Gläubigen vor als der lebenskräftige Re-präsentant der ewig jungen, nie alternden GotteSkirche.

Bei hereinbrechender Nacht war Illumination.Märchenhaft war namentlich der Anblick des St. Peters-platzes. Tausende von Lämpchen umsäumten die Umrisseder Fatzade, die Colonnaden zogen sich wie ein Feuer-reifen rings um den stillen, ernsten Obelisken und diegeschwätzigen plätschernden Springbrunnen, während vomklaren Himmel der Vollmond sein Silberlicht hernieder-strahlte. Der ganze Lor§o (Stadttheil am rechten Tiber-Ufer) war durch zahllose Lampions geschmückt, auch dieandern Stadttheile zeigten rege Theilnahme an der Be-leuchtung, nur die neuen Straßen Jungitaliens bildetenvielfach eine Ausnahme. Es hat sich gezeigt, daß die Römerdoch noch ihren eigentlichen Souverän nicht vergessen haben.

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Der Traum.

Von Adolph Müller.

(Schluß.)

Anders erklärt solche Träume E. Lassaulx in seinerSchrift:Die prophetische Kraft der menschlichen Seele".Nach ihm gibt es nie einen Zufall; für Lassaulx ist derZufall nur der Nothbehelf der Unwissenheit; L. schließtsich darum der Ansicht des großen Philosophen Baconan, welcher die Erklärung der Traumnhnungen in dieWorte zusammenfaßt:Die natürliche Weissagung, dieihren Grund in der innern Kraft der Seele hat, istdoppelter Art: sie ist theils eine der Seele als solcherangeborne, theils durch höhere Einflüsse bewirkt. Dieder Seele als solcher angeborne prophetische Kraft gründetsich darauf, daß die Seele, wenn sie in sich selbst ge-sammelt und nicht in die sinnlichen Organe ausgegossenist, gemäß ihrer göttlichen Wesenheit eine gewisse Vor-empfindung des Zukünftigen hat, welche sich besondersin Träumen, in ekstatischen Zuständen und in der Nähe

des Todes zeigt, seltener im wachen Zustande und betgesundem, kräftigem Körper. Die Weissagung aber durchhöheren Einfluß gründet sich darauf, daß die Seelewie ein Spiegel eine gewisse, sekundäre Erleuchtungvon dem Vorwissen Gottes und der Geister aufnimmt;vorheriges Fasten und Entsagung ziehen die Seele vomKörper ab und machen sie für göttliche Eingebungempfänglicher."

In erhöhtem Maße vermag der Geist des Menschen,wenn der Mensch dem Tode nahe ist, auf einen Schlafen-den durch Traumerscheinung einzuwirken. Dem Philo-sophen Schopenhauer erzählte der Aufseher des jüdischenHospitals in Frankfurt a. M., daß öfter Verwandte vonVerstorbenen kämen mit der Versicherung, die letzterenseien ihnen im Traume erschienen. Es ist auch nichtausgeschlossen, daß abgeschiedene Seelen zum Zwecke derFürbitte, oder um Gottes Macht zu verkündigen, geradein dem für ihr Erscheinen günstigsten Schlafzustandsich uns zeigen. Da aber solche Traumerscheinungenschon in das übernatürliche Gebiet des Jenseits hinüber-ragen und ohne göttlichen Willen nicht eintreten, so müssenwir nun die Frage stellen: Wie steht es mit Träumen,die auf Gottes Geheiß und Willen zurückgeleitet werden?Hat Gott auch der Träume sich schon bedient, um seinReich auf Erden zu verbreiten und die einzelne Seelezu führen? Die ganze heilige Schrift gibt uns dieAntwort auf diese Frage. Sie fordert, wenngleich dieherrschende psychologische Richtung die Wahrheit auch derbiblischen Träume nicht zugibt, Anerkennung solcherTräume, in denen Gott persönlich oder durch Geistermit dem Menschen in einen Verkehr tritt. Zwar sind,wie wir schon sagten, die Traumbilder mehr in dasNebeldunkel deS vegetativen, thierischen Leibeslebens hinein-gemalt, und die Schrift kennt auch trügerische Träumegar wohl.Wo viele Träume sind, da sind auch vieleNichtigkeiten und Worte," mahnt der Prediger, und derSiracide klagt:Wie wer einen Schatten erfaßt undWind nachläuft, so der, welcher sich an Träume hält."Aber dieser Charakter des Traumes hat doch auch seineKehrseite: er kann Bereich und Mittel eines VerkehrsGottes mit dem Menschen zu besonderen Zwecken werden.In der hl. Schrift läßt Gott durch Träume in denSeelen Bußgestnnungen erweckt werden, wie Eliu betJob 33, 15 f. einen solchen Traum beschreibt:ImTraume, nächtlichem Gesichte, wenn tiefer Schlaf aufdie Leute fällt, im Schlummer auf dem Lager, da decktGott auf das Ohr der Leute und drückt seiner Mahnungdas Siegel auf." Auch seinen Willen offenbart Gotthäufig durch Träume, deren die Schrift eine große Mengeerzählt; ich erinnere nur an den Engel, welcher zu Joseph,dem Gemahle Mariens, im Traume kam. Wie tief habenauch die gottgefügten Träume Pharaos und ihre Deutungdurch den ägyptischen Joseph in die Geschichte und Ge-schicke Israels eingegriffen. Im neuen Bunde, im Reicheder Gnade, haben die Träume, die von Gott gesandtwaren, nicht aufgehört. Von Jesus Christus wird nieberichtet, daß er geträumt habe, vielleicht weil seine Seeleimmer in Gott ruhte und in Gott gesammelt war undsie daher nicht erst einer solchen Ruhe während des Schlaf-lebens bedurfte. Aber in der Geschichte der Heiligenund besonders begnadeten Seelen sind bis auf unsereZeit merkwürdige Träume vorgekommen. Und wenn Gott sich der Träume bediente, um dadurch auf die Geschickeseines Reiches auf Erden, seiner Kirche, eines Volkes