145 —
einzuwirken, warum soll es nicht möglich sein, daß Gottauch in solcher Weise in das Leben des Einzelnen bis-weilen Hineintritt. Zwar sind wir auf die gewöhnlichenWege der Gnade hingewiesen, und es sind gewiß gott -gefügte Traumerscheinungen nicht etwas Alltägliches, aberdie Gnade geht oft wunderliche Wege. Die Seele istmit Christo verbunden, wie die Nebe mit dem Wetnstocke;kann sie nicht im Zustande des Schlafes, wo sie in sich selbsteingekehrt und nach innen erschlossen ist, besondere Führ-ungen und Trostbilder erfahren? Christoph Schmid leitet denin der Jugend erlebten Traum auf Gottes Vorsehung zurück.„Menschen von starken Nerven erfahren nichts dergleichen",schreibt er, „bei Menschen aber, die zarte, sehr reizbareNerven haben, und denen eine solche plötzliche Trauer-nachricht höchst lebensgefährlich werden könnte, sind solchevon Gottes gütiger Vorsehung verhängte Vorbereitungennichts Seltenes." Vielleicht sind auch die lieblichen Träumeder Sterbenden nicht immer blos auf die allmählicheLoslösung der Seele zurückzuführen, sondern auch aufdie Nähe dessen, der gesagt hat: „Wenn ich euch dieWohnung im Vatcrhause bereitet habe, dann komme ichWieder nnd hole euch, damit auch ihr seid, wo ich bin."
Die Traumbilder haben aber nicht blos bestimmtegeschichtliche Persönlichkeiten beeinflußt, die gesammteMenschheit hat seit alten Zeiten auf Träume gemerktund sie gedeutet. Der Traumbücher haben wir bereitsbeim Heilschlafs erwähnt. Vielleicht hatte man ursprüng-lich nur die in den Traumsymbolen angekündigten Heil-mittel zusammengestellt. Aber schon im 5. Jahrhundertvor Christus werden auch andere Träume, unter derengeheimnißvollem Banne einmal die unteren Volkskreisestanden, nach bestimmten Regeln ausgelegt. Man sam-melte die in ein System gebrachten Traumauslegungen,und so entstand bereits im Alterthum eine ziemlich um-fangreiche Literatur, aus der uns aber nur mehr desArtemidorus fünf Bücher über Traumdeutung fragmen-tarisch erhalten blieben. Von den Chaldäern undAegyptern kam die Traumdeutekunst auf die Griechen undRömer.
Nicht blos zahlreiche Traumzusammenstellungen gabes schon in frühesten Zeiten; auch Personen, welche dieTraumdeutekunst verstanden, treten in der Geschichte deralten Völker besonders im Orient auf. Sie boten beiöffentlichen Märkten ihre Kunst an. Die Prophetenmußten die Jsraeliten oft warnen vor den heidnischenTraumauslegern, und die heilige Schrift läßt erkennen,daß die Kunst, Träume zu deuten, eine göttliche Gnadefei. Die Traumdeuterei erhielt sich aber durch alle Jahr-hunderte, und unsere Traumbücher, die im Buchhandelimmer noch gut gehen, sind wohl ein buntes Mischmaschaus den antiken Sammlungen, den Schriften der mittel-alterlichen Doktoren und den im Volke fortlebendenTraditionen. Und sind auch die Traumdeuter als Kunst-klasse ausgestorben, so sucht heute selbst mancher Ge-bildete aus den Traumreden kranker Frauenspersonen,welche die Gabe des Hellsehens (olairvoxnnes)besitzen, sich Rath und Auskunft. ES gibt nämlich inWahrheit traumhafte Zustände von Personen, in denensie Aussagen machen über ihre innere Leibesbeschaffenheit,Stand und Namen von fremden Personen angeben, ver-schlossene Briefe lesen. Diese über das Gewöhnliche hinaus-gehenden Eigenschaften solcher Menschen gehören zur Nacht-seite des Lebens. Die auch im Menschen vorhandenenthierischen Instinkte, das Wittern der drohenden Gefahr,
das Auffinden zweckmäßiger Heilmittel, das Streben nachSelbsterhaltung verweben sich mit dem höheren Seelen-vermögen, und das Sonnennervengeflecht in der Magen-gegend, die schon früher genannten Ganglien, wird zumOrgan, mit dem solche Leute sehen, hören, ja in vielweitere Kreise zu schauen vermögen, als es im wachenZustande möglich ist. Es beruht aber dieses Hellsehenauf einem krankhaften Nerven-System und bildet
— unsere Zeit will daran allerdings nicht glauben —gar oft die Basis für dämonische Erscheinungen. DerUnglaube in den höheren Schichten der Gesellschaft nimmteben zu solch grellen Reizen seine Zuflucht, um dassehnsuchtsvolle Ringen der Menschenbrust nach einerhöheren geistigen Welt zu befriedigen, statt zum einfachen,ungeschminkten Evangelium und zur Einfalt der Kirchcn-lehre zurückzukehren. Darum sind auch die Traumbücherimmer noch sehr im Schwünge. Wir wissen, wie Träumeentstehen. Wenn uns in den Traumbüchern nun be-stimmte Traumvorstellungen angeführt werden, welcheeiner ebenso bestimmten Zukünftigkeit entsprechen sollen,so wird hier die Ursache mit der Wirkung verwechselt.Das Wetter wird nicht deßwegen gut, weil mein Baro-meter steigt, sondern weil das Wetter schön wird, steigtmein Barometer. So sind die Träume ebenfalls nurdie Wirkungen der bereits vorhergehenden Thatsachen.Feuerflammen sollen Glück und Gesundheit bedeuten, wirwissen aber, daß in Folge unserer innern, gesundenLeibesbeschaffenheit die Phantasie hell und lustig flackerndeFlammen vormalet; ein Leichenzug, das Sinnbilddes Todes, der Verwesung, im Traume verrathet blosdie in unserem Leibe während des Schlafes vor sichgehenden Verwesungsprocesse. Wirkliche Vorahnungs-träume sind ebenso selten als die schweren Geschicke seltensind, die das Gemüth in seinen Tiefen erschüttern können.Zudem sind solche Träume immer klar und deutlich undhüllen sich meist nicht in räthselhafte Symbole. Auchist nicht jeder Mensch, wie das Chr. Schmid beiseinem Traume sagte, geeigenschaftet für solche Träume.Sie sind unter dem Gesichtspunkte der göttlichen Provi-denz und höheren Zulassung aufzufassen und dienennicht der Neugierde, sondern andern Zwecken. Dies giltnamentlich auch von den Todtenerscheinungen im TraumeViele Erscheinungen überdies, welche übernatürlich unsvorkommen, lassen sich erklären aus den in der Menschen-seele von Natur aus liegenden Kräften und Gaben.
— Wir haben im Bisherigen immer noch von Träumengeredet, in denen eS bei der bloßen Vorstellung bleibt.Es kann aber die Traumphantasie so mächtig werden,daß sie auch die Bewegungsnerven zu unwillkürlichenHandlungen, zum Sprechen, Gehen u. s. w. antreibt.Das ist indeß schon eine Uebermacht, welche oft aufschweren Störungen des Nervensystems beruht. DasSprechen im Traume ist ein unartikulirtes Lallen, derKranke thut Schreie, spricht einzelne kurzlautende Worte.Wer wirklich -im Vollschlafe träumt, antwortet niemalsauf gestellte Fragen. Der Träumende spricht aber nichtblos, er agirt mit Händen und Füßen, er verläßt seinLager und geht seiner Tagesbeschäftigung nach. Wirhaben das düstere Bild der Mondsucht, des Nacht-wandelns vor uns. Der Mond hat bei diesem Traum-waudelu nur so weit einen Einfluß, als sein Licht aufdie Gesichtsnerven einwirkt, so daß der Schlafende indie Tranmphantasie geräth, als sei es Heller Tag under müsse seiner Beschäftigung nachgehen. Er steht auf